Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Es gibt Funkamateure, die warten auf ein QSO. Und es gibt Manfred Mehrfach, OE0MMF, der hat sich das Warten abgewöhnt, indem er sich Gesprächspartner gekauft hat.
Sechs Stück. Alle im selben Karton geliefert.
Die Anschaffung
Manfred ist im Frühjahr ins MeshCore-Netz eingestiegen. Das ist gut, das ist erfreulich, das Netz wächst gerade in einem Tempo, das man selten sieht, siehe 126,9 Kilometer mit einem halben Watt und die Standortporträts in Zeigt her eure Kastln. Der Einstieg kostet weniger als ein ordentliches Koaxkabel, und man braucht dafür nicht einmal eine Lizenz.
Manfred hat sich also ein Gerät gekauft. Dann hat er es eingeschaltet. Und dann ist das passiert, was allen passiert, die ein Meshgerät zum ersten Mal einschalten: Es war still.
Die üblichen Reaktionen darauf sind: warten, hinaufgehen, eine bessere Antenne anstecken oder in der Gruppe fragen. Manfred hat sich für eine siebte Möglichkeit entschieden. Er hat fünf weitere Geräte bestellt.
Seither ist es nicht mehr still. Seither ist Manfred im Gespräch.
Die Namen
Und hier beginnt der Teil, wegen dem ich diesen Artikel überhaupt schreibe. Denn wer schon einmal mit sich selbst gefunkt hat, weiß: Das ist ein bisschen peinlich, aber es merkt ja niemand.
Außer man macht es wie Manfred.
Manfreds sechs Knoten heißen:
- Manfred
- Manfred 2
- Manfred_2
- Manfred 2 (neu)
- Manfredl
- manfred_final
Es gibt einen siebten Knoten, der heißt manfred_final_2, aber der ist nur sporadisch da, weil er in einem Auto liegt.
Die Kontaktliste sortiert alphabetisch. Wer im Bezirk die App aufmacht, bekommt daher zuerst sechs Zeilen Manfred und dann alles andere. Um das zu durchschauen, braucht es keine Ausbildung in Kryptoanalyse. Es braucht Augen.
Manfred hält das für ausreichend getarnt. Er hat einmal in der Gruppe geschrieben, es seien "mehrere Stationen im Raum aktiv". Das stimmt sogar. Der Raum ist ein Wohnzimmer.
Die Ansage
Damit wären wir bei dem Detail, das Manfred bis heute nicht bedacht hat.
Ein Knoten, der weiterleitet, meldet sich im MeshCore-Netz von selbst. In regelmäßigen Abständen schickt er eine Ansage ins Netz, damit die anderen wissen, dass es ihn gibt. Man muss ihn nicht suchen. Er sagt Bescheid.
Sechsmal.
Diese sechs Ansagen kommen nicht irgendwann, sondern innerhalb derselben Sekunde, weil Manfred alle sechs Geräte an einem Abend geflasht und gemeinsam eingeschaltet hat. Sie kommen von derselben Position auf fünf Nachkommastellen. Sie melden dieselbe Firmwareversion und denselben Boardtyp. Und sie hören einander mit einem Signalpegel, den man in der freien Wildbahn nie sieht, weil es dort zwischen zwei Stationen selten 40 Zentimeter sind.
Und wenn Manfred abends die Steckerleiste ausschaltet, verschwinden sechs Repeater gleichzeitig aus dem Bezirk. Um 22:40. Jeden Tag. Wie ein sehr kleines, sehr pünktliches Blackout.
Manfred wundert sich, warum ihn niemand fragt, wer die anderen fünf sind.
Das Gespräch
Der Verkehr selbst ist rege. Ich habe ein paar Zeilen mitgeschrieben, weil sie sonst niemand glaubt:
Manfred: "Test 1 2 3, hört mich wer?"
Manfred 2: "Ja, laut und deutlich!"
Manfred: "Super, danke für den Rapport!"
Manfred_2: "Bei mir auch top."
Manfredl: "👍"
Eine halbe Stunde später:
manfred_final: "Wie ist die Reichweite bei euch so?"
Manfred 2 (neu): "Erstaunlich gut für die kleine Antenne."
manfred_final: "Das dachte ich mir auch."
Der schönste Moment der bisherigen Saison war allerdings der Abend, an dem Manfred vergessen hat, auf welchem Knoten er gerade tippt. Er hat sich eine Frage gestellt und sie mit demselben Gerät beantwortet. Dann hat er sich mit demselben Gerät dafür bedankt. Und dann, und das ist der Punkt, an dem ich das Handy weggelegt habe, hat er sich mit demselben Gerät ein 73 gewünscht.
Das Netz hat es brav weitergereicht. Das Netz fragt nicht.
Der Schalter
Jetzt der unlustige Absatz, den es leider braucht. Und der Teil, bei dem man Manfred zugutehalten muss, dass er mitgedacht hat.
MeshCore ist bewusst anders gebaut als andere Meshsysteme. Nicht jedes Gerät leitet weiter. Ein normaler Knoten, ein Companion, sendet und empfängt für seinen Besitzer, und das war es. Weitergereicht wird nur von Knoten, bei denen die Rolle Repeater eingeschaltet ist. Genau das ist der Grund, warum im MeshCore-Netz so wenig Hintergrundverkehr läuft und warum ein Text auch dann noch durchkommt, wenn viele Leute mitmachen. Nachzulesen in MeshCore: Funken ohne Handynetz und im Vergleich in MeshCom vs. Meshtastic.
Ein Companion ist also standardmäßig harmlos. Man muss schon etwas tun, damit ein Gerät für alle anderen mitsendet.
Manfred hat etwas getan.
Manfred hat nämlich gelesen, was in jedem vernünftigen Einsteigertext steht: dass ein Repeater mehr bringt als zwanzig Handgeräte und dass Repeater der eigentliche Hebel im Netz sind. Das hat er verstanden. Das hat er wirklich verstanden. Er hat daraufhin alle sechs Geräte auf Repeater gestellt.
Er ist ja nicht dumm. Er ist schlau. Er hat den richtigen Satz gelesen, die richtige Einstellung gefunden und sie sechsmal aktiviert. Nur eben auf einem Tisch.
Damit steht in Manfreds Wohnzimmer die höchste Repeaterdichte Österreichs, gemessen in Geräten pro Quadratmeter, und was ihn erreicht, verlässt ihn sechsfach. Jedes "👍" von Manfredl wird von den anderen fünf aufgegriffen und pflichtbewusst hinausgereicht. Alles, was von den Bergrepeatern hereinkommt, wird von seinen sechs Geräten noch einmal in die Gegend geschickt, und die Bergrepeater tragen es dann in aller Gewissenhaftigkeit weiter, weil sie nicht wissen können, dass sie gerade mit einer Kommode reden.
Wir sind hier auf einem Band mit Duty-Cycle-Grenzen und bei einer Modulation, bei der ein einziges Textpaket lang genug auf der Luft ist, dass man es mitzählen kann. Die Sendezeit, die Manfreds Tisch erzeugt, fehlt allen anderen. Sie fehlt auch dem, der irgendwann einmal wirklich etwas ausrichten muss, wenn kein Handynetz mehr da ist. Genau deshalb hat MeshCore diesen Schalter überhaupt getrennt.
Manfred sieht in seiner App einen vollen Kanal und ist zufrieden. Er hat vergangene Woche geschrieben, das Netz sei "endlich lebendig geworden".
Der Keller
Es gibt in dieser Geschichte genau einen Menschen, der Manfred geantwortet hat, ohne Manfred zu sein.
Aufmerksame Leser kennen ihn: Kurt Kellerknoten, OE0KKN, Sysop des einzigen Relais des Landes, das zwei Meter unter dem Rasen steht, und Betreiber eines Meshknotens daneben. Auch bei Kurt ist die Repeater-Rolle eingeschaltet. Sie ist es seit vier Jahren. Ein Repeater, der nie etwas zum Weiterleiten bekommen hat, ist zumindest sparsam.
Manfred hat nämlich irgendwann bemerkt, dass es in erreichbarer Nähe einen Repeater gibt. Er hat das in der Gruppe stolz vermeldet. Er hat daraufhin Knoten Nummer vier, also Manfred 2 (neu), vom Wohnzimmer auf den Balkon getragen, "um den Keller zu erreichen".
Ich möchte diesen Satz kurz stehen lassen. Ein Mann trägt ein Funkgerät ins Freie, um einen Keller zu erreichen.
Es hat, gegen jede Vernunft, tatsächlich funktioniert. Nicht wegen der Höhe, sondern weil zwischen Balkon und Kellerfenster eine Kellerabgangstiege liegt und Physik gelegentlich Humor hat. Kurt hat also nach vier Jahren zum ersten Mal fremden Verkehr gesehen.
Seine Antwort ist überliefert. Sie lautete:
"Darf ich testen???"
Manfred hat geantwortet: "Klar, ich bin eh mit mehreren Stationen da."
Und damit haben die beiden, jeder auf seine Art, das gesamte Bezirksnetz an diesem Abend unter sich ausgemacht: einer, der sechs Geräte hat und niemanden, und einer, der niemanden hat und um Erlaubnis fragt. Wenn das nicht Amateurfunk ist, dann weiß ich es auch nicht.
Die Statistik
Manfred zitiert gern Zahlen. Er hat neulich ausgerechnet, dass über seine Knoten 94 Prozent des Verkehrs im Bezirk laufen.
Die Zahl stimmt. Ich habe sie nachgerechnet.
91 Prozent davon ist Manfred, der mit Manfred spricht, sechsfach weitergereicht von Manfred. 3 Prozent sind die Ansagen seiner sechs Repeater, die dem Netz im Viertelstundentakt mitteilen, dass es sie gibt, und zwar alle. Der Rest ist Kurt, der fragt, ob er darf.
Und weil ein Repeater, der sich meldet, auch auf der Karte landet, steht das alles zusätzlich im Netz: sechs Einträge, exakt übereinander, seit Monaten unbewegt, mit Namen, die sich in einem Unterstrich unterscheiden.
Wer auf der Karte ganz weit hineinzoomt, sieht Manfreds Wohnzimmer. Es ist der dichteste Repeaterstandort des Bezirks. Er ist 480 Meter hoch und liegt im Erdgeschoß.
Hansls Fazit
Hansls Fazit: Ich habe nichts gegen mehrere Knoten. Wer einen Repeater am Berg, einen im Auto und einen daheim betreibt, macht genau das Richtige, und das Netz lebt von solchen Leuten. Ein zweites Gerät zum Testen ist vernünftig. Ein drittes am Fahrrad ist Hobby.
Der Unterschied ist nicht die Anzahl. Der Unterschied ist, wohin man sie stellt, mit wem man redet und wo man den Repeater-Schalter einschaltet. Dass es diesen Schalter bei MeshCore überhaupt getrennt gibt, ist keine Schikane, sondern das Beste am System: Man leitet nicht mit, weil man dabei ist, sondern weil man an einer Stelle steht, an der Weiterleiten hilft.
Manfreds Fehler ist nicht, dass er sechs Geräte hat. Sein Fehler ist, dass alle sechs auf demselben Tisch stehen, alle sechs auf Repeater, und dass er die Stille, die ihn gestört hat, nicht behoben, sondern übertönt hat. Er hat sich ein Netz gekauft, statt eines zu suchen. Das ist die technisch elegantere Lösung für ein Problem, das er nicht hatte.
Und die fast gleichen Namen sind dabei das ehrlichste Detail der ganzen Geschichte. Wer sich als sechs Leute ausgeben will, nennt sich nicht sechsmal Manfred. Manfred wollte nie jemand anderer sein. Er wollte nur, dass ihm jemand antwortet. Notfalls er selbst.
Also, ganz ohne Spott, an alle mit vollem Karton und leerer Nodeliste: Nimm eines der Geräte, stell es auf Repeater und trag es hinauf, egal wohin, Hauptsache über die Dachrinne. Die anderen fünf lass Companion und lass sie liegen. Dann ist es zwei Wochen lang still, und dann meldet sich irgendwann jemand, den du nicht selbst bezahlt hast.
Das ist der Moment, wegen dem wir das alles machen.
Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind beabsichtigt, aber juristisch nicht verwertbar. Der Autor übernimmt keine Haftung für spontane Selbsterkenntnis, auch nicht mehrfach.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Verwendete Illustrationen wurden, sofern nicht anders gekennzeichnet, mit KI erstellt. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Anregungen und Beschwerden, auch von allen sechs Manfreds, gerne an [email protected].





