Nur Mesh is fesch — oder wie Mario Maschenwerk ein ganzes Tal vernetzte und niemand etwas zu sagen hatte

SATIREDies ist ein satirischer Beitrag aus der Rubrik Störsender. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Rufzeichen, Frequenzen oder Vorschriften sind rein zufällig – oder absichtlich übertrieben.

Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter

In Kärnten wächst seit Monaten ein Funknetz, das niemandem gehört, das keiner anmeldet und das keiner abschalten kann. Der Leitspruch der Szene lautet: Nur Mesh is fesch. Euer Hansl findet das großartig. Euer Hansl hat selber zwei Knoten am Fensterbrett. Und genau deshalb darf euer Hansl das jetzt aufschreiben. Hi.

Zwanzig Euro. Angeblich.

Mario Maschenwerk hat im Feber einen Artikel gelesen. Zwanzig Euro, keine Lizenz, keine Prüfung, keine laufenden Kosten. Mario hat gerechnet: weniger als ein Abendessen. Mario hat bestellt.

Der aktuelle Stand von Marios Abendessen: ein Heltec um 19,90. Ein Gehäuse aus dem 3D-Drucker (Filament 24 €, Drucker war ja schon da, der zählt nicht). Eine bessere Antenne um 31 €, weil die mitgelieferte „eh nur zum Ausprobieren" ist. Eine zweite bessere Antenne, weil die erste bessere nicht besser war. Eine Powerbank. Eine zweite Powerbank, für unterwegs. Ein Solarpaneel um 89 €. Ein zweites Board „zum Vergleichen". Ein drittes Board, weil zwei gehen kaputt und drei nie. Ein Mastschelle-Set. Ein Alurohr. Wetterschutzgehäuse. Kabelverschraubungen. Und ein Lötkolben, den er ohnehin gebraucht hätte.

Summe: 640 Euro. Mario sagt weiterhin, das Hobby koste zwanzig Euro. Und er hat recht. Das Hobby kostet zwanzig Euro. Der Rest ist Zubehör. Nur Mesh is fesch — das Zubehör ist teuer. Hi.

Die vier heiligen Zahlen

Wer im Netz sein will, muss vier Werte exakt treffen: 869,618 — 62,5 — SF8 — CR8. Diese vier Zahlen werden in Kärnten mittlerweile aufgesagt wie ein Rosenkranz. Beim Grillfest. Beim Bäcker. Auf Kindergeburtstagen.

Und dann gibt es Sigi Spreizfaktor. Sigi funkt seit März auf SF11. Die alten Werte, aus der Firmware ab Werk. Sein Gerät läuft einwandfrei, die App verbindet sauber, die LED blinkt vorbildlich, jedes Paket geht raus wie aus dem Lehrbuch. Es kommt nur nichts zurück. Seit fünf Monaten.

Sigi hat in dieser Zeit zwei Geräte retourniert, einen Router neu gestartet und einmal beim Hersteller angerufen. Er betreibt in Wahrheit das exklusivste Netz Österreichs: keine Störungen, keine Wiederholungen, keine Diskussionen, keine Deppen. Ein Netz aus einem einzigen Teilnehmer, technisch perfekt. Manche Funkamateure träumen davon ihr Leben lang, euer Hansl kennt da einige — nachzulesen beim Relais-Polizisten.

Der 915er

Franz Fehlband hat vier Euro gespart. Beim Marktplatz-Angebot stand dieselbe Bezeichnung, dasselbe Produktfoto, dieselbe Farbe. Nur eben 915 MHz. Die US-Version.

Das Gerät bootet. Die App verbindet. Der Akku hält vier Tage. Es ist in jeder Hinsicht ein hervorragendes Gerät, und es spricht mit nichts und niemandem auf diesem Kontinent. Franz besitzt jetzt den teuersten Schlüsselanhänger Kärntens, und der Rücksendeprozess läuft seit sechs Wochen. Gespart: vier Euro. Hi hi.

Die Karte ist das eigentliche Hobby

Und dann ist da die Karte. Die Karte mit den Knoten, den Abdeckungsflächen und — das ist der Punkt — den weißen Flecken.

Ein weißer Fleck auf der Karte tut einem Mesh-Menschen körperlich weh. Mario fährt seit April nicht mehr auf Berge, weil dort die Aussicht schön ist. Mario fährt auf Berge, weil sie Sichtverbindung haben. Der Sommerurlaub wurde heuer nach Höhenprofil ausgewählt. Die Schwiegermutter wohnt seit Neuestem „strategisch günstig". Beim Autofahren schaut Mario nicht mehr auf die Straße, sondern auf Dachfirste und fragt sich, wer dort wohnt und ob der Mensch nett ist.

Gerlinde Gateway betreibt vier Repeater. Drei davon stehen am selben Dachboden und schauen aus demselben Fenster in dieselbe Richtung. Die Karte zeigt dort einen wunderschön dunkelgrünen Fleck von hoher Redundanz. Der Fleck heißt: Gerlindes Haus.

Die Werkstatt vom Michi Modulation

Und dann gibt es Michi Modulation, im Kanal nur „der Spaßvogel". Michi hat einen 3D-Drucker. Michi hat vor allem Zeit mit diesem 3D-Drucker.

Michi hat bisher gedruckt: vierzehn Gehäusevarianten, von denen elf zu keinem Board passen, das er besitzt. Ein wetterfestes Außengehäuse aus PLA, das sich im Juli am Südbalkon in eine sehr ausdrucksstarke Skulptur verwandelt hat. Einen Antennenhalter für eine Antenne, die er nicht hat. Eine Autohalterung für ein Gerät, das im Auto sinnlos ist, weil man dort ohnehin ein Handy hat. Eine Handyhalterung, damit man die App bedienen kann, während das Board direkt daneben liegt. Und einen Knotenständer in Form eines Murmeltiers, „für die Tarnung am Berg", wobei niemand ein Murmeltier tarnen wollte und schon gar kein Murmeltier auf 1.900 Metern jemanden stören würde.

Sein Meisterstück: ein Repeater-Gehäuse im Format eines Vogelhäuschens. Funktional ausgezeichnet, wetterfest, belüftet, unauffällig. Im Mai ist eine Kohlmeise eingezogen. Der Repeater läuft seither ununterbrochen, weil man ihn während der Brutzeit nicht abschalten darf, und Michi hat aus Prinzip nicht widersprochen. Der zuverlässigste Knoten im ganzen Netz wird derzeit von einem Vogel bewacht.

Dazu die Sammlung: sechzig Kalibrierungswürfel, vierzig Benchy-Schiffchen, ein Gitterturm im Maßstab 1:87 als Deko für den Schreibtisch, und seit Mai ein Gehäuse für ein Board, das er im April verkauft hat. Er druckt es fertig. Aus Respekt.

Von Michi stammt übrigens auch der Leitspruch. Er hat ihn im März als 3D-Schriftzug gedruckt, zweifarbig, mit Stützstruktur, und ans Gartentor geschraubt: NUR MESH IS FESCH. Seither steht er auf Aufklebern, auf Mastschellen, auf zwei Autoheckscheiben und auf dem Deckel einer Jausenbox. Ein Hobby ist erst dann ein Hobby, wenn jemand einen Spruch dafür druckt, den keiner bestellt hat.

Und jetzt die Pointe, die euren Hansl leise ärgert: Michi ist der Einzige in der ganzen Szene, der etwas herstellt, das andere Leute wirklich haben wollen. Seine Gehäuse hängen mittlerweile an Masten von Villach bis ins Gailtal. Er verlangt nichts dafür, er will nur wissen, ob's hält. Während im Discord seit dem Frühjahr über Routing-Philosophie gestritten wird, hat der Spaßvogel mit einem Drucker und einer Rolle Filament mehr Knoten wetterfest gemacht als jede Diskussion.

Wer beim Basteln Spaß hat, ist am Ende der Nützlichste. Das war schon immer so, in jedem Funkhobby. Nur merkt man es erst, wenn's regnet.

Was in diesem Netz übertragen wird

Und jetzt kommt der Teil, bei dem euer Hansl sein Bier abgestellt hat.

Das Netz steht. Über dreihundert Knoten. Kein Provider, kein Rechenzentrum, kein Vertrag, kein Abschaltdatum. Reichweite über ganze Täler. Eine Infrastruktur, für die ein Mobilfunkbetreiber zweistellige Millionen ausgeben würde.

Der gesamte Verkehr einer durchschnittlichen Woche:

  • zwölfmal „Servus"
  • „Test"
  • „Test 2"
  • „hört mich wer?"
  • „jetzt geht's" (vier Minuten später, ohne dass jemand etwas geändert hätte)
  • „ich probier nur kurz, sorry"
  • „kein Problem, ich auch"
  • ein Wetterbericht von einem Bot, den niemand bestellt hat und den alle behalten wollen

Ein Netz mit der Kapazität eines Bundeslandes und dem Gesprächsbedarf eines Wartezimmers.

Bevor jetzt jemand grinst: Wir Funkamateure kennen das. Wir haben Relaisfunkstellen auf Bergen stehen, gewartet, entstört, mit Notstrom gepuffert, für die Vereine seit den Achtzigern Miete zahlen. Und dort ist es genauso still. Nur teurer. Hi.

Der Reichweitenrekord

„34 Kilometer!!!" Screenshot. Drei Ausrufezeichen. Neun Daumen hoch.

Die Rahmenbedingungen, die im Screenshot fehlen: Dobratsch. Gerlitzen. Beide Gegenstellen auf einem Gipfel. Freie Sicht wie im Prospekt. Und die Gegenstelle war Marios Schwager Kurt, der mit dem zweiten Board, einer Thermoskanne und mäßiger Begeisterung hinaufgeschickt worden war.

Kurt ist kein Funkamateur. Kurt ist Infrastruktur.

Das Schisma

MeshCore oder Meshtastic: Die Hardware ist dieselbe. Entschieden wird beim Flashen. Es ist also eine Glaubensfrage, die man mit einem USB-Kabel beantwortet und in vier Minuten widerruft.

Das hält niemanden auf. Auf Discord wird seit dem Frühjahr diskutiert, ob Handgeräte weiterleiten dürfen. Nicht ob sie es können — das ist geklärt. Ob sie dürfen. Theologie mit Ping-Zeiten.

Norbert Node, OE0NOD, betreibt beides. Zwei Boards, zwei Firmwares, ein Fensterbrett. Er gilt in beiden Lagern als nicht ganz zuverlässig.

Euer Hansl hat das alles schon einmal gesehen. FM gegen SSB. Dann Packet gegen alles. Dann DMR gegen D-Star gegen C4FM, drei Systeme, die sich bis heute nicht grüßen. Dazu, wenn's sein muss, noch MeshCom und HAMNET als Nebenkriegsschauplätze. Neue Technik, alter Streit. Der einzige Fortschritt: Die Bekehrung dauert jetzt vier Minuten statt vierzig Jahre.

Das netzunabhängige Netz und seine Abhängigkeit

Das Schönste an MeshCore: kein Provider, kein Betreiber, kein Server, keine Anmeldung. Völlig unabhängig von der Infrastruktur.

Die Community organisiert sich auf Discord. Also: über das Internet. Über einen amerikanischen Cloud-Dienst. Auf neun Kanälen, mit vierhundert Mitgliedern und rund vierzig Nachrichten pro Tag. Das ist ungefähr das Vierzigfache dessen, was im Funknetz selbst passiert.

Als in Villach im Juni das Internet zwei Stunden lang weg war, wurde das ausführlich diskutiert. Danach. Hi hi.

Die Winterfrage

Seit Oktober steht im Wiki die Frage: „Wie hält sich Solarbetrieb über den Winter?" Sie wird in jeder Runde gestellt, von jedem Neuen, und niemand kann sie beantworten. Sie ist zur Gretchenfrage der Szene geworden. Man hält Vermutungen dagegen, Paneelgrößen, Neigungswinkel, Akkuchemie.

Die Antwort ist im April eingetroffen und lautet: nicht.

Genauer: von Ende November bis Mitte Februar liefert ein 10-Watt-Paneel im Nordhang eines Kärntner Tals ungefähr so viel Energie wie eine Kerze in einem Schuhkarton. Die Erkenntnis ist im Wiki noch nicht dokumentiert. Es kümmert sich gerade jemand darum. Seit April.

Der Ernstfall

Marios Lieblingsargument: Blackout. Handynetz weg, Internet weg, alles weg — und das Mesh steht. Er hat dafür sogar einen Plan, mit Rollen, Kanälen und Meldeschema.

Zwei Details aus der Praxis. Erstens hängt Marios Repeater am Dachboden an einer ganz normalen Steckdose. Zweitens ist die Powerbank seines Handgeräts seit Mai leer, weil es keinen Anlass gab, sie zu laden.

Im Feber war in seinem Ort tatsächlich vierzig Minuten der Strom weg. Drei Leute haben in den Kanal geschrieben. Alle drei mit dem Handy in der anderen Hand, das auch funktioniert hat. Wer es wirklich ernst meint, liest bei uns die Blackout-Vorsorge — dort steht, was ein Notfunkkonzept von einer Bastelei unterscheidet.

Und warum euer Hansl trotzdem dabei ist

Jetzt der unangenehme Teil, für mich.

Ich habe zwei Knoten. Einen am Fensterbrett, einen am Dachboden. Ich schaue auf die Karte, öfter als in den Kanal. Ich habe im Juni einen Berg befahren, den ich sonst nie befahren hätte. Und mein Alurohr steht auch schon da.

Warum? Weil im April jemand auf mein „Servus" geantwortet hat. Sechs Kilometer entfernt, jemand, den ich nie zuvor gehört habe, über eine Verbindung, an der kein Provider, kein Vertrag und kein Rechenzentrum beteiligt war. Zwei Geräte, dazwischen Luft.

Und euer Hansl hat gegrinst wie ein OM beim ersten QSO. Genau dieses Gefühl hat uns vor vierzig Jahren an die Kurzwelle gebracht. Nur dass es diesmal keine Prüfung braucht, kein Rufzeichen und keine dreitausend Euro — sondern einen Abend, ein USB-Kabel und dreißig Euro.

Deshalb ein Wort an die Fraktion, die jetzt „das ist ja gar kein Amateurfunk!" ruft: Stimmt. Hat auch niemand behauptet, es steht sogar wörtlich so in unserem MeshCore-Artikel. Und wer eine bestandene Prüfung braucht, um sich anderen überlegen zu fühlen, hat sie vermutlich knapp bestanden. Da draußen sitzen gerade hunderte Leute, die freiwillig Antennen aufstellen, Reichweiten messen und über Ausbreitung reden. Wenn wir das nicht sympathisch finden, haben wir das falsche Hobby. Und wer sich anschaut, wo lizenzfreies Funken bei den meisten von uns angefangen hat, kennt den Rest der Geschichte ohnehin.

Die Moral von der Geschicht'

  • Das Hobby kostet zwanzig Euro. Das Zubehör kostet den Rest, und das Alurohr kommt sicher.
  • Vier Zahlen entscheiden, ob du im Netz bist — oder ob du das exklusivste Netz Österreichs betreibst: deins.
  • Ein Repeater am Berg ist mehr wert als zwanzig Knoten in der Lade. Ein Knoten in der Lade ist immer noch mehr wert als drei Boards im Warenkorb.
  • Wer öfter auf die Karte schaut als in den Kanal, betreibt kein Funknetz, sondern eine Landkarte mit Hobby.
  • Elf unbrauchbare Gehäuse und ein brauchbares sind eine bessere Bilanz als null Gehäuse und eine Meinung. Fragt die Kohlmeise.
  • Ein Netz, das niemandem gehört, gehört auch dir. Also schreib was hinein. „Servus" reicht.
  • Und wer sich in diesem Artikel wiedererkannt hat: euer Hansl auch. Auf beiden Fensterbrettern. Hi.

Also, liebe Leute: baut's weiter, druckt's weiter, stellt's Repeater auf und schreibt's endlich was in den Kanal. Denn eines stimmt, auch wenn euer Hansl ein ganzes Kapitel lang das Gegenteil behauptet hat: Nur Mesh is fesch.

73 und 62,5 kHz Bandbreite,
euer Hansl Hohlleiter, OE0HHL


Transparenzhinweis

Dieser Artikel ist Satire. Mario Maschenwerk, Sigi Spreizfaktor, Franz Fehlband, Gerlinde Gateway, Michi Modulation, Norbert Node und Schwager Kurt sind frei erfunden; die Kohlmeise ebenfalls, sie steht aber stellvertretend für alle Vögel, die in Funkinfrastruktur einziehen, und das sind mehr, als man glaubt; die genannten Rufzeichen liegen im nicht vergebenen OE0-Präfix. Ähnlichkeiten mit lebenden Knotenbetreibern sind rein zufällig und in der Regel gut dokumentiert — auf der Karte. Die technischen Angaben (868 MHz, 869,618 / 62,5 kHz / SF8 / CR8, Hardwarepreise) entsprechen dem Stand unseres MeshCore-Einstiegsartikels, die Winter-Solarrechnung ist eine satirische Zuspitzung und keine Messreihe. Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) verfasst und von der oeradio.at-Redaktion geprüft; das Titelbild ist KI-generiert. Widerspruch, Ergänzungen und echte Winterdaten gerne an [email protected].

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