MeshCore: Funken ohne Handynetz — und warum jetzt der richtige Moment zum Mitmachen ist

Es gibt Momente, in denen man bei einem Funkprojekt früh genug dabei sein kann, dass die eigene Beteiligung noch etwas verändert. Bei MeshCore ist dieser Moment jetzt. Das Netz wächst, die Karte hat noch weiße Flecken — und jedes zusätzliche Gerät, vor allem jeder zusätzliche Repeater, macht einen Unterschied, den man am selben Abend sieht.

Der Einstieg kostet weniger als ein Abendessen: rund 20 Euro, keine Lizenz, keine Prüfung, keine laufenden Kosten. In Kärnten ist mit dem CarinthiaMesh Wiki gerade eine Anleitung entstanden, die den Weg hinein Schritt für Schritt erklärt. Aber das Netz endet nicht an der Kärntner Grenze — und dieser Artikel auch nicht.

Worum es geht, in drei Sätzen

MeshCore ist ein Open-Source-Protokoll für Textnachrichten über LoRa-Funk auf 868 MHz. Die Geräte sind handflächengroß, kosten ab etwa 20 Euro und funken direkt miteinander — ohne Handynetz, ohne Internet, ohne Vertrag und ohne laufende Kosten. Wer außer Reichweite ist, wird über feste Stationen an erhöhten Standorten erreicht, so wie über ein Relais im Funk.

Was es nicht ist: kein Ersatz fürs Handy. Keine Sprache, keine Bilder. Text, und der braucht Sekunden statt Millisekunden. Genau diese Beschränkung ist der Grund, warum es über Kilometer funktioniert, wo WLAN und Mobilfunk längst aufgegeben haben.

Warum das eine gute Sache ist

Der Reiz liegt in dem, was fehlt: keine Basisstation, kein Provider, keine Rechnung, kein Abschaltdatum. Zwei Geräte funktionieren miteinander, auch wenn ringsum nichts mehr steht. Das macht MeshCore zu einem der wenigen Kommunikationswege, die einen Ausfall der öffentlichen Netze überstehen — und zu einem naheliegenden Baustein neben autarker Notstromversorgung.

Dazu kommt ein Punkt, der bei Funk selten so klar ist: Das Netz gehört niemandem. Es gibt keine Anmeldung, keinen Betreiber, den man um Erlaubnis fragt. Wer ein Gerät einschaltet, ist Teil davon. Wer einen Repeater aufstellt, vergrößert es für alle.

Und es hört nicht an Staatsgrenzen auf. Dasselbe Frequenzband gilt EU-weit, dieselben Einstellungen funktionieren in Slowenien, Italien und Bayern — Funkwellen kennen keine Zollstationen. In einem Land wie Kärnten, wo man von manchen Bergen aus in drei Länder blickt, ist das keine Theorie: Ein Repeater an der richtigen Stelle verbindet Tal- und Nachbarschaften über die Grenze hinweg. Wer im Grenzraum wohnt, macht das Netz durch Mitmachen automatisch größer, als es eine einzelne Region je werden könnte.

Was du brauchst

Keine Lizenz, keine Prüfung, keine Anmeldung. Nur ein Gerät:

  • Heltec LoRa32 V3 — ab ca. 20 €. Nackte Platine, kein Gehäuse, kein Akku. Reicht zum Ausprobieren.
  • Seeed Wio Tracker L1 Pro — ca. 40–65 €, teilweise mit MeshCore ab Werk. Auspacken, koppeln, fertig.
  • Seeed T1000-E — ähnliche Klasse, kompaktes Anhänger-Format.

Der eine Fehler beim Kauf: immer die 868-MHz-Variante nehmen. Dieselben Geräte gibt es mit 915 MHz — das ist die US-Version und hier nicht zulässig. Die Produktbilder sehen identisch aus, der Unterschied steht nur in der Artikelbezeichnung.

Der eine Fehler danach: die Funkparameter. Zwei Geräte hören einander nur, wenn vier Werte exakt übereinstimmen. Im österreichischen Netz gilt 869,618 MHz / 62,5 kHz / SF8 / CR8, in der Kommandozeile:

set radio 869.618,62.5,8,8

Manche Firmware startet mit älteren Werten (869,525 MHz, 250 kHz, SF11). Damit funkt man technisch einwandfrei — nur eben allein. Das Symptom sieht exakt wie ein Hardwaredefekt aus: Gerät läuft, App verbindet, es kommt nie etwas an. Wer das weiß, spart sich einen Abend Fehlersuche und eine unnötige Retoure.

Mehr braucht dieser Artikel nicht zu erklären, denn der Rest steht ohnehin besser dokumentiert an anderer Stelle.

Wo du weiterliest

Statt hier ein halbes Handbuch abzuschreiben — die Anlaufstellen:

  • CarinthiaMesh Wiki: Schnellstart — fünf Schritte von der Bestellung bis zur ersten Nachricht. Dazu Funkeinstellungen, Kanäle und eine sauber recherchierte Seite zur Rechtslage. Insgesamt sechzehn Seiten, offen lesbar, ohne Anmeldung.
  • KÄRNTEN FUNKT: MeshCore — der Villacher Funkverein dokumentiert Geräte, Rechtslage und Praxis seit Längerem; ein Teil der Angaben im CarinthiaMesh-Wiki stammt von dort. Besonders lesenswert: MeshCore und Meshtastic im Vergleich — nüchtern, ohne Lagerdenken. Der Verein betreibt mit #kf einen eigenen offenen Kanal.
  • MeshCore Flasher — Firmware direkt im Browser aufspielen (Chrome oder Edge, Firefox kann kein WebSerial). Als Rolle Companion wählen, das ist das Handgerät zum Lesen und Schreiben.
  • Karten: map.carinthiamesh.com zeigt Stationen, Kanäle und Lücken in der Abdeckung. Für Meshtastic gibt es unsere eigene Meshmap.

Wo man sich trifft

Im Netz selbst ist Public der überregionale Treffpunkt — dort landet jeder Neue, ohne etwas einzurichten. Regional läuft es über Hashtag-Kanäle: In Kärnten ist das #at-ktn, nach dem Schema #at-<Bundesland>, das sich im österreichischen Netz eingebürgert hat. Wer das Schema kennt, findet die Nachbarkanäle selbst. Regelmäßig aktiv sind außerdem #austria, #test, #vienna und #bot.

Kanal anlegen heißt: Namen eintippen, fertig. Der Schlüssel wird aus dem Namen berechnet, niemand muss dir etwas schicken. Genau deshalb ist so ein Kanal aber nicht privat — wer den Namen kennt, ist drin. Behandle ihn wie ein offenes Funkgespräch; für Vertrauliches gibt es Direktnachrichten, die Ende-zu-Ende zwischen zwei Geräten laufen.

Außerhalb des Funks trifft man sich in der Telegram-Gruppe von CarinthiaMesh. Das ist die erste Adresse, wenn etwas nicht läuft, wenn du wissen willst, ob in deiner Gegend schon jemand funkt, oder wenn du überlegst, einen Repeater aufzustellen — dort sitzen die Leute, die die Geräte tatsächlich in der Hand haben. Wer lieber Discord nutzt: CarinthiaMesh ist auch dort erreichbar. Und für Fragen rund um Meshtastic und den Kanal #kf gibt es die Telegram-Gruppe von KÄRNTEN FUNKT.

MeshCore oder Meshtastic?

Meshtastic ist der bekanntere Name und in Kärnten länger unterwegs. Die gute Nachricht: Die Hardware ist dieselbe. Ein Heltec V3 kann beides, entschieden wird beim Flashen. Man muss sich beim Kauf also nicht festlegen — und wer will, betreibt schlicht zwei Boards.

Der Unterschied ist eine Denkweise, kein Glaubenskrieg. Meshtastic ist für dynamische Ad-hoc-Netze gebaut: Jedes Handgerät leitet mit weiter, jeder neue Knoten verbessert die Abdeckung. MeshCore geht vom anderen Ende heran — nur feste Repeater leiten weiter, Handgeräte senden und empfangen. Das erzeugt deutlich weniger Hintergrundverkehr, und Sendezeit ist auf einem geteilten Band die knappste Ressource überhaupt. Dafür braucht MeshCore Leute, die Repeater an vernünftige Standorte stellen.

Zur Einordnung für Funkamateure: Das hier ist kein Amateurfunk. Kein Rufzeichen, keine Prüfung — dafür auch nicht die Freiheiten des Amateurfunkdienstes. Wer das Meshnetz-Prinzip mit Lizenz sucht, findet das bei MeshCom oder — auf ganz anderer Bandbreite — bei AREDN. Die lizenzfreien Alternativen haben wir in PMR, Meshtastic und CB-Funk im Vergleich gegenübergestellt.

Was gerade gebraucht wird

Wenn du nur eine Sache aus diesem Artikel mitnimmst: Ein Repeater an einem erhöhten Standort mit Strom bringt mehr als zwanzig Handgeräte. Wer so einen Platz hat — Dachboden mit Blick ins Tal, Hütte, Mast, Firmendach —, kann dem Netz mehr geben als jeder andere. Vor dem Aufstellen lohnt der Blick auf die Karte, ob das Gebiet nicht ohnehin versorgt ist.

Darüber hinaus fehlen dem Projekt nach eigener Auskunft vor allem Erfahrungswerte: Wie hält sich Solarbetrieb über den Winter? Wo geht was, und wo eben nicht? Eine Repeaterliste mit Standorten und Betreibern ist ebenfalls noch offen. Wer Reichweitentests macht und die Ergebnisse einträgt, hilft konkret — am Wiki mitschreiben geht auch, ein Account wird auf Anfrage angelegt.

Und ganz ohne Ambitionen: Ein Gerät einschalten und im Kanal „Servus" schreiben reicht schon. Jedes Gerät, das zuhört, macht das Netz für alle anderen nützlicher — und die erste Antwort von jemandem, den man nie zuvor gehört hat, über eine Verbindung, an der kein Provider und kein Rechenzentrum beteiligt ist, hat einen Reiz, den man schwer erklären und leicht erleben kann.

Realistisch bleiben

Zum Schluss die Erwartungsbremse. Reichweite entsteht nicht durch das Gerät, sondern durch den Standort. Im Keller passiert nichts, am Fenster wird es besser, auf freier Fläche mit Sicht ins Tal ganz anders. Die spektakulären Kilometerangaben, die durchs Netz geistern, stammen fast immer von Bergkuppe zu Bergkuppe — im Alltag zwischen zwei Handgeräten in bebautem Gebiet sind es eher wenige Kilometer. Über einen Repeater am Berg wird daraus ein großes Gebiet.

Wer das vorher weiß, ist hinterher nicht enttäuscht — und versteht, warum die Repeater der eigentliche Hebel sind. Es ist eben kein fertiges Produkt, das man kauft. Es ist ein Netz, das genau so groß wird, wie die Leute es bauen, die mitmachen. Bestell dir ein Board, flash es an einem Abend, schreib „Servus" — und schau, wer antwortet.

73 – eure oeradio.at-Redaktion

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