Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Man muss der Weißt-eh-Runde eines lassen: Sie ist verlässlich. Heute waren gleich zwei ihrer Herren wieder auf Sendung, und sie lieferten, was sie am besten können. Nicht Funkbetrieb. Sondern Stimmung.
Der erste ist Bartl Blattler, OE0BBL, in der Runde nur „der Schattseitler" genannt, weil er vom schattigen Ende des Tals herunterfunkt und die Welt auch entsprechend beleuchtet sieht. Bartl ist über siebzig, war früher ein stolzer Schuhplattler und plattelt heute nur noch auf der Frequenz: laut, taktfest und immer auf jemand anderen. Auf Sendung ist er ein Löwe. Von Angesicht zu Angesicht, so erzählt man sich, ist der Löwe eher ein Meerschweinchen mit gekränkter Miene. Fein und feig, wie es in der Runde heißt: großmäulig übers Mikrofon, empfindlich, sobald jemand zurückredet. Manieren sind bei Bartl eine Betriebsart, die er nie freigeschaltet hat.
Bartl ist außerdem ein so wichtiger Mann, dass ihm die Zeit fehlt, sein ganzes Rufzeichen zu sagen. „Hier 0BBL", brummt er. Das OE, das Präfix, das einem Zuhörer überhaupt erst verrät, aus welchem Land da gefunkt wird, lässt er grundsätzlich weg. Damit ist er nicht allein: Sein Kollege aus der Runde, den wir gleich hören, meldet sich genauso nur mit „0POL" und sonst nichts. Warum die beiden das OE verschlucken, weiß man nicht so genau. Vielleicht halten sie es für überflüssig, kennt ja eh jeder. Vielleicht scheuen sie das Buchstabieren: „Oscar Echo", zwei Wörter, das grenzt schon an Fließbandarbeit. Und vielleicht, man weiß es wirklich nicht, sitzt das NATO-Alphabet einfach nicht, und ein „Oscar Echo" wäre ein ähnliches Risiko wie ein ganzer englischer Satz. Dass die Buchstabiertafel genau dafür erfunden wurde, damit ein Neuling am anderen Ende überhaupt weiß, mit wem er es zu tun hat, ändert an all dem nichts. Wer sie nicht kennt, ist selber schuld.
Sein Lieblingssport aber ist der Neuling. Fragt einer höflich in die Runde, „is the frequency in use? is the frequency occupied?", dann prustet Bartl los. So ein Getue! Auf Englisch! Da lacht die halbe Schattseite. Der wahre Grund für die Heiterkeit bleibt unausgesprochen, ist aber jedem klar, der einmal versucht hat, mit Bartl ein englisches Wort zu wechseln: Es geht nicht, weil er es nicht kann. Und was man nicht kann, macht man am besten lächerlich, bevor es jemand merkt.
Wie gut Bartl mit Sprache steht, verrät im Übrigen sein eigenes QRZ-Profil. Man sollte meinen, in einer Zeit, in der jedes Telefon Tippfehler in Echtzeit ausbessert und jede Übersetzung einen Klick entfernt ist, bekäme selbst der Schattseitler eine saubere Seite zustande. Weit gefehlt. Bartls Profil ist ein kleines Denkmal, nicht für den Funkbetrieb, sondern für den Fehler in all seinen Formen: den Rechtschreibfehler, den Grammatikfehler, den Tatsachenfehler und ganz oben, in stolzer Fettschrift, den Denkfehler, dass man über die Sprache anderer lachen darf, während die eigene in Trümmern liegt.
Überhaupt, dieses Profil. Wer Bartl nur dort liest, hält ihn für einen herzensguten, bescheidenen alten Herrn: die einfache Station, der viele Selbstbau, das freundliche „73" am Schluss. Ein Bild zum Gernhaben. Nur hat dieses Bild mit dem Mann auf der Frequenz ungefähr so viel zu tun wie ein Hochglanzprospekt mit dem tatsächlichen Wetter. Im Netz gibt man sich so, wie man gern gesehen würde. Auf der Frequenz gibt man sich, wie man ist. Und zwischen diesen beiden Bartls liegen Welten. Man kann sich eben anders darstellen, als man wirklich ist. Nur das Mikrofon, das verrät einen jedes Mal.
Zur Seite steht ihm an diesem Vormittag Poldi Pauschal, OE0POL, der Zweite im Bunde. Poldi kennt sich aus. Poldi kennt sich überall aus, aber heute besonders beim Satellitenfunk, einem Gebiet, das er vor allem dadurch beherrscht, dass er noch nie einen Satelliten gearbeitet hat. Das hindert ihn nicht, jedem, der es versucht, ausführlich zu erklären, warum es so, wie der es macht, nicht geht. Poldi mault. Poldi mault über die Doppler-Korrektur, über die Antenne, über die Software, über die Jugend. Poldi mault, wie andere atmen: unwillkürlich, gleichmäßig, den ganzen Tag.
Was die beiden eint, ist das Erzählen. Man hört sie stundenlang, und immer geht es darum, was sie alles bewegt haben: die Relais, die sie mitaufgebaut, die Verbindungen, die nur sie geschafft, die Zeiten, die besser waren, weil sie dabei waren. Nur eines hört man nie: dass einer von ihnen einem Jüngeren tatsächlich zeigt, wie es geht. Ihr Wissen weiterzugeben käme ihnen nicht in den Sinn, und das nährt einen leisen Verdacht. Vielleicht hüten sie es ja wie einen Schatz. Vielleicht ist aber, hinter all dem Erzählen, auch einfach gar nicht so viel da, das man weitergeben könnte.
Und wehe, ein Junger traut sich. Ist die Frequenz einmal offen, die Runde wartet auf den nächsten Sprecher, und ein neues, noch unsicheres Rufzeichen ruft hinein, dann dauert es keine zwei Sätze, bis Poldi zurückschlägt. „Host nimmer viel zum Erzählen? Is ja kei WhatsApp." Zack, das war's. Der Junge verstummt, die alte Ordnung ist wiederhergestellt, und Poldi hat bewiesen, was er beweisen wollte: Geredet wird, wenn er es erlaubt, und geschwiegen, wenn er es sagt. Man nennt so einen in der Werkstatt einen Vollkoffer mit Rufzeichen, und ausnahmsweise ist das noch die freundliche Beschreibung.
Und das ist der Punkt, an dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Denn stell dir vor, du bist neu. Sechzehn vielleicht, oder fünfzig und endlich Zeit fürs alte Traumhobby. Du hast die Prüfung geschafft, das erste Gerät steht am Tisch, das Herz klopft, du drückst die Taste und fragst, vielleicht sogar auf Englisch, weil du es ordentlich machen willst, ob die Frequenz frei ist. Und was dir entgegenkommt, ist kein „grüß dich, leg los", sondern das Gelächter zweier Herren, die dir in einem einzigen Moment beibringen, dass du hier nicht erwünscht bist. Du drehst weiter. Und du kommst nicht wieder.
So verliert ein Hobby seine Zukunft. Nicht an das Internet, nicht an fehlende Frequenzen, sondern an ein paar Vormittage voller Häme. Jeder vertriebene Neuling ist ein Rufzeichen, das nie wieder auf Sendung geht. Und die Weißt-eh-Runde? Die wird sich in zehn Jahren bitter beklagen, dass keiner mehr nachkommt, und keinen Moment auf die Idee kommen, dass sie selbst die Tür zugehalten hat.
Hansls Fazit: Das Traurige an Bartl und Poldi ist nicht ihre Unart. Das Traurige ist, wie billig das Gegenteil wäre. Ein freundliches „die Frequenz ist frei, schön dass du da bist" kostet nichts, dauert zwei Sekunden und entscheidet trotzdem darüber, ob aus einem zaghaften Neuling ein Funkamateur fürs Leben wird oder ein Mensch, der das Handmikrofon nie wieder anfasst. Wir Älteren sind nicht die Torwächter des Hobbys. Wir sind seine Gastgeber. Ein Gastgeber lacht seine Gäste nicht aus, weil sie höflich anklopfen; er macht die Tür auf. Also, liebe Schattseite: Sagt euer ganzes Rufzeichen, buchstabiert das OE, beantwortet die englische Frage mit dem bisschen Englisch, das ihr habt, und wenn es nur ein „yes, free, please" ist. Der Nachwuchs merkt sich nicht, wie sauber ihr funkt. Er merkt sich, wie ihr ihn behandelt habt.
Alle Personen, Rufzeichen und Schattseiten in diesem Beitrag sind frei erfunden. OE0BBL und OE0POL sind Nicht-Rufzeichen und stehen für niemand Bestimmten. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind rein zufällig, sofern sich niemand angesprochen fühlt, und beabsichtigt, sofern doch. Für spontane Selbsterkenntnis übernimmt der Autor keine Haftung, weder auf Deutsch noch auf Englisch.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Verwendete Illustrationen wurden, sofern nicht anders gekennzeichnet, mit KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI) erstellt. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Feedback, auch von der Schattseite und gern auf Englisch, an [email protected].





