Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Jeden Morgen um Punkt sieben, pünktlich wie das Rieseln des Kaffees in die Tasse, öffnet sich das Relais OE0XRR, und mit ihm die vielleicht beständigste Institution des österreichischen Amateurfunks: die Weißt-eh-Runde. So nennen wir sie; sie selbst bevorzugen einen anderen Titel. „Die Funkspezialisten" heißen sie sich gegenseitig, ein Ehrentitel, den sie einander verliehen haben, für Verdienste, die nie jemand geprüft hat. Um sieben treten die Spezialisten an — die Eifrigsten schon ein paar Minuten davor, wartend, dass das Relais aufsperrt —, und ihre Spezialität ist, mit Verlaub, das Ablästern.
Weißt-eh-Runde heißt sie bei uns, weil in ihr jeder Satz mit „weißt eh" beginnt und mit „hamma nie braucht" endet. Dazwischen liegt die gesammelte Weisheit dreier Herren, die alles schon gesehen, alles schon gewusst und aus Prinzip nichts Neues mehr vor haben.
Wortführer ist Ottokar Oberlehrer, OE0OTT, ein Mann, dessen Lebensinhalt es ist, aus jeder Errungenschaft zuerst das Überflüssige herauszuhören. Ihm zur Seite Poldi Pauschal, OE0POL, der zu allem eine Meinung hat, besonders zu Dingen, die er nicht kennt, und der Kurti, OE0KUR, der eigentlich nur zustimmt, aber das mit einer Inbrunst, die einen ganzen Verein ersetzt. Drei Rufzeichen, ein Weltbild: Früher war alles besser, und wer das bestreitet, hat entweder ein Smartphone oder zu viel Zeit.
Dabei sind die drei gar nicht allein. Auf OE0XRR hören morgens deutlich mehr Leute zu, als sich melden — der halbe Bezirk sozusagen. Dazu die Mobilisten, die auf dem Weg in die Arbeit vom Auto aus kurz aufdrehen, und die Portablen, die von einem Hügel oder einer Parkbank aus mit dem Handfunkgerät hereinkommen. Nur: viel zu sagen haben die selten. Ein „Guten Morgen, bin mobil unterwegs", ein „QRV portabel vom Berg", ein knappes „servas" zurück vom Ottokar — und damit ist der Beitrag für heute auch schon gewürdigt. Danach läuft das Programm der drei weiter, als hätte niemand hereingegrüßt. Die meisten stört das nicht weiter. Man dreht ja nicht auf, weil man reden will — man dreht auf, weil es im Auto oder am Gipfel sonst so still ist. Eine Stimme am Morgen, irgendeine, ist besser als das Verkehrsfunk-Gedudel. Und sei es die vom Ottokar, der gerade zum dritten Mal erklärt, warum früher alles besser war.
Und manchmal — immer dann, wenn er die Heidi auf der Alm besucht — meldet sich der Peterle. Portabel mit dem Handfunkgerät, Kuhglocken im Hintergrund, bester Laune. Der Peterle will nichts erklären und nichts beweisen; er sagt nur kurz, wie schön es heroben sei, wünscht in die Runde einen guten Morgen und verschwindet wieder Richtung Almhütte. Für einen Augenblick wird die Weißt-eh-Runde dann fast selber still — nicht aus Respekt, sondern weil niemand so recht weiß, was man auf so viel Zufriedenheit erwidern soll. Dann räuspert sich der Ottokar und erklärt, dass die Funkverbindung von der Alm eh viel zu schwach sei. Weißt eh.
Die Lieblingsdisziplin der Spezialisten ist das Fachsimpeln, und ihr Lieblingsobjekt die Antenne. Über Antennen wird gemault wie andere Leute über das Wetter: Der neue Beam vom Nachbarn strahle falsch, die Mehrband-Vertikal sei ein einziger Kompromiss, und ein anständiges Dipol hätten die Jungen ohnehin noch nie gesehen. Das Bemerkenswerte daran ist, dass vieles davon stimmt — es ist echtes Wissen, nur eben von damals. Denn früher, da haben die drei tatsächlich alles selbst gemacht: Masten gestellt, Drähte gespannt, bei jedem Wetter aufs Dach. Heute wird der Mast nicht mehr bestiegen, sondern nur noch besprochen. Aus dem Selbermachen ist Zungenakrobatik geworden, und aus den Praktikern von einst sind die Kommentatoren von heute — die vom Spielfeldrand genau erklären, wie man den Ball hätte halten müssen, während längst andere spielen.
Womöglich liegt hier sogar eine ganz technische Erklärung für die Grundstimmung der Runde. Der eine oder andere hat in seinen aktiven Jahren reichlich mit Richtantennen gearbeitet, mit noch reichlicherer Leistung — und ist der HF dabei das eine oder andere Mal ein bisschen zu nahe gekommen. Man will ja nichts unterstellen. Aber wer jahrzehntelang direkt vor einer gut ausgeleuchteten Keule gestanden ist, bei dem darf ein gewisser Grundgereiztheitspegel als messtechnisch nachvollziehbar gelten. Strahlung, sagt man, wirkt langsam. Beim Ottokar, sagt die Runde hinter vorgehaltener Hand, hat sie ganze Arbeit geleistet.
Das liebste Feindbild der Runde ist der Notfunk. Kaum kündigt die Jugend eine Krisenkommunikations-Übung an, läuft Ottokar zur Hochform auf. „Krisenkommunikation!", ruft er, und man hört das Ausrufezeichen bis ins Nachbartal. „Wozu denn? Wenn der Weltuntergang kommt, ruf ich meinen Nachbarn übern Gartenzaun, da brauch ich kein Batteriegedöns." Poldi bestätigt, dass er persönlich noch keinen Weltuntergang erlebt habe, was ja wohl Beweis genug sei. Und der Kurti sagt „genau" — dreimal, zur Sicherheit.
Dass die Notfunk-Leute nicht auf den Weltuntergang warten, sondern auf den ganz gewöhnlichen Blackout, das Hochwasser, den Sturm, der das Handynetz für zwei Tage in Rente schickt — geschenkt. In der Weißt-eh-Runde gilt der eiserne Grundsatz: Was ich noch nie gebraucht habe, wird auch nie jemand brauchen. Ein Argument, so wasserdicht, dass es sich mit Fakten gar nicht erst einlässt.
Der zweite große Kampf gilt dem Rapport. Wagt es ein Neuling, brav „du kommst bei mir mit S9 rein, wie ist mein Signal?" ins Relais zu sprechen, ist die Empörung vollständig. „A Rapport! Aufs Relais!", schnaubt Ottokar, als hätte jemand in der Kirche telefoniert. „Des Relais hört di eh imma glei, wozu der Zirkus?" Dass ein Rapport auf einem Umsetzer sehr wohl etwas aussagt — über die eigene Zuleitung, die Antenne, den Standort, das Gerät —, ficht ihn nicht an. Für Ottokar ist ein Signalbericht keine Information, sondern eine Zumutung: Er müsste ja zuhören, und Zuhören war noch nie seine Betriebsart.
Und dann ist da noch eine Sache, die keiner ausspricht. Der Poldi ist gar nicht von hier. Er hätte zwei, drei Umsetzer in Reichweite, näher, stärker, besser. Aber dort, in seiner eigenen Gegend, redet halt keiner mit ihm. Also dreht er jeden Morgen ein Tal weiter auf OE0XRR, wo wenigstens der Ottokar „weißt eh" brummt und der Kurti „genau" sagt. Es ist nicht die beste Runde der Welt. Aber es ist eine Runde, und eine Runde, die einen morgens um sieben erwartet, schlägt jedes SWR. Man kann über die Weißt-eh-Runde vieles sagen — aber sie lässt keinen allein, der um sieben aufdreht. Nicht einmal einen, der eigentlich ganz woanders hingehört.
Das Schöne ist die Ironie, die die Runde beharrlich überhört. Denn niemand hängt so sehr am Relais wie diese drei. Es ist ihr Wohnzimmer, ihr Stammtisch, ihre Tageszeitung. Fiele es aus, wären sie verloren — und genau darum ist der Blackout, über den sie am lautesten lästern, die einzige echte Bedrohung ihres Vormittags.
Und dann, an einem grauen Dienstag, fällt der Strom. Nicht der Weltuntergang, nur ein umgestürzter Baum in der Umspannstation, aber das halbe Tal ist dunkel, das Handynetz nach vierzig Minuten tot. Ottokar greift zum Handfunkgerät, dreht auf OE0XRR — und das Relais antwortet. Es lebt. Es lebt, weil an ihm ein Notstromakku hängt, den die Notfunk-Jugend im Frühjahr gespendet, montiert und, unter Ottokars Spott, feierlich in Betrieb genommen hat. „Batteriegedöns", hatte er es damals genannt.
Jetzt sitzt er im Dunkeln, das Funkgerät leuchtet, und über den Umsetzer, den ein paar junge Leute am Leben halten, sagt Ottokar Oberlehrer den vielleicht ehrlichsten Satz seines Funkerlebens: „Is wer da? Bei mir is der Strom weg." Und irgendwo antwortet eine ruhige, junge Stimme: „Servus Ottokar. Ja, wir hören dich. Alles gut, das Relais läuft auf Akku. Meld dich einfach, wenn du was brauchst." Kein Triumph, kein „hab ichs nicht gesagt". Nur einer, der zuhört.
Hansls Fazit: Die Weißt-eh-Runde besteht nicht aus bösen Menschen. Sie besteht aus Männern, die ein Hobby lieben, das ihnen davonzulaufen droht — und die den Spott als Rüstung tragen, weil Zugeben, dass man etwas nicht mehr versteht, schwerer ist als Lästern. Das Traurige daran ist nicht ihre Häme. Das Traurige ist, dass sie die Jungen, die ihnen im Ernstfall den Umsetzer am Leben halten, erst dann als Funkfreunde erkennen, wenn das Licht ausgeht. Dabei wäre es so einfach: einmal „danke" statt „hamma nie braucht". Einmal einem Rapport zuhören, statt ihn abzukanzeln. Der Notfunk schafft niemanden ab — am wenigsten den Ottokar. Er hält nur das Relais am Laufen, auf dem der Ottokar morgen wieder erklären wird, dass man das alles nicht braucht. Und weißt eh: genau dafür machen es die Jungen trotzdem.
Alle Personen, Rufzeichen und Relais in diesem Beitrag sind frei erfunden. OE0OTT, OE0POL, OE0KUR und OE0XRR sind Nicht-Rufzeichen und stehen für niemand Bestimmten. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind rein zufällig, sofern sich niemand angesprochen fühlt — und beabsichtigt, sofern doch. Für spontane Selbsterkenntnis übernimmt der Autor keine Haftung, auch nicht bei S9.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Verwendete Illustrationen wurden, sofern nicht anders gekennzeichnet, mit KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI) erstellt. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Feedback — auch aus der Weißt-eh-Runde — gerne an [email protected].





