Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Es gibt Funkamateure, die machen einfach ihr Hobby. Und es gibt Egon Eilmeldung, OE0EGN, der macht Weltgeschichte. Zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung, und die ist, das muss man ihm lassen, bemerkenswert stabil.
Egon ist vor einigen Jahren zugezogen — seit seiner Frühpensionierung, um genau zu sein — in ein Tal irgendwo in den Bergen, das wir aus purer Menschenfreundlichkeit nicht namentlich nennen. Seither ist das Tal nicht mehr dasselbe. Nicht weil sich landschaftlich etwas geändert hätte, sondern weil dort jetzt jemand wohnt, der jeden Sonnenaufgang für eine Lagemeldung hält.
Die Frühpension ist dabei kein Detail, sondern die Grundlage des gesamten Betriebs. Egon hat, was den anderen im Tal fehlt: Zeit. Unbegrenzt. Und diese Zeit investiert er nicht in den Garten, nicht in die Enkel, nicht in das eine Antennenprojekt, das er seit Jahren ankündigt — sondern restlos in seine Rolle als Standortkommandant. Während die anderen in der Arbeit sitzen, hält Egon die Stellung: schreibt Lagemeldungen, überwacht die Gewitterlage, aktualisiert Lagemeldungen und schreibt zur Sicherheit noch eine Lagemeldung. Wo andere ein Hobby haben, hat Egon eine Vollzeitstelle — unbezahlt, selbst ernannt und mit einem Pflichtbewusstsein ausgeführt, das man sich für Nützlicheres wünschen würde.
Denn Egon sendet nicht. Egon informiert. Der Unterschied ist ihm heilig. Ein normaler Mensch käme morgens auf die Runde und sagte: „Guten Morgen, schönes Wetter heute." Egon nicht. Egons Morgengruß liest sich wie ein Tagesbefehl aus einem Hauptquartier, das nur er kennt: „Guten Morgen — heute beginnt eine Großveranstaltung von weltweiter Tragweite, an der ich von einem meiner Standorte teilnehmen werde. Bitte nehmt euch die Zeit." Was folgt, ist keine Einladung. Es ist eine Mobilmachung.
Und hier kommt die eigentliche Pointe: Verteilt werden Egons Lagemeldungen gar nicht von Egon. Das übernimmt sein Leiter. Egon informiert — und irgendwo sitzt ein pflichtbewusster Mensch, der jede einzelne Eilmeldung nimmt und sie in sämtliche Kanäle kippt: in die Vereinsgruppe, in den zweiten Verteiler, in die dritte Gruppe, die eigentlich für Fielddays gedacht war, und sicherheitshalber noch per E-Mail an alle, die er erreichen kann. Drei Kanäle, dieselbe Meldung, viermal am Tag. Und das Beste daran: Niemand versteht, was die Meldung eigentlich sagen will. Zwischen „Standort Alpha", „Gewitterlage", „vorgeschoben" und „bitte um Beachtung" geht die einzige Information, die zählen würde — nämlich ob man jetzt irgendetwas tun soll oder nicht —, restlos verloren. Man liest es dreimal, legt das Handy weg und weiß genau so viel wie vorher: nichts. Ohne seinen Verteiler wäre Egon ein Mann, der in seinem Gartenhaus Tagesbefehle an die Regentonne diktiert. Mit ihm ist er ein Sender ohne Empfänger, aber mit voller Reichweite.
Am liebsten sind Egon die Contest-Wochenenden, an denen die österreichische HQ-Station auf Sendung geht. Nicht, weil er den Amateurfunk als Sport liebt — sondern weil er dann endlich ein Format hat, das seiner Selbstwahrnehmung entspricht: eine Weltmeisterschaft. Ein normaler OM würde sagen: „Ich geb heute ein paar Punkte ab." Egon sagt: „Ich werde vom Standort aus mitmischen und gegebenenfalls auf anderen Bändern aushelfen, sofern die Gewitterlage in anderen Bundesländern dies erfordert." Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Die Gewitterlage. In anderen Bundesländern. Egon sitzt in seinem Gartenhaus und hält sich bereit, das nationale Contest-Ergebnis im Alleingang zu retten, falls es in der Steiermark blitzt. Der Zivilschutz der Nation, aufgebaut auf einer G5 und viel Sendungsbewusstsein.
Apropos Standort. Egon hat nicht ein Shack. Egon hat Standorte. Mehrzahl. Und jeder davon trägt einen Codenamen, als wäre er in einem geheimen Bunkerprogramm untergebracht. „Standort Alpha" — das ist in Wahrheit die Klubfunkstelle oben am Gipfelhäuschen, das Kleinod des Vereins, das Generationen von Funkamateuren mit Herzblut aufgebaut, gehegt und Stück für Stück auf den Berg getragen haben. Für alle anderen ist es die geliebte Klubstation, ein Ort, an den man hinaufsteigt und zu dem jeder ein bisschen etwas beigetragen hat. Für Egon ist es „Standort Alpha", sein vorgeschobener Gefechtsstand, den er in seinen Lagemeldungen so selbstverständlich für sich reklamiert, als hätte er das Häuschen eigenhändig auf den Gipfel gestellt. Sein zweiter „Standort" ist dann wieder ehrlicher: ein Holzhäuschen neben der Regentonne, das nur deshalb „der vorgeschobene Standort" heißt, weil Egon davorsteht. Aber „vom Standort Alpha werde ich auf 80 Meter in Telegrafie mitmischen" klingt eben nach Kommandozentrale und nicht nach Klubhütte, und darauf kommt es Egon an. Immer.
Seine Weltsicht hat er aus der alten Heimat mitgebracht, und er lässt keine Gelegenheit aus, sie zu teilen. Die Prüfung hat er „natürlich in Deutschland" gemacht — warum, verrät er mit einem vielsagenden Lächeln, das andeuten soll, dass die österreichische zu leicht gewesen wäre. Beim großen Contest lobt er die deutsche HQ-Station in den höchsten Tönen: „Bei denen sind die heimischen Stationen ein wesentlicher Faktor im Ergebnis", sagt er, und man hört die leise Enttäuschung heraus, dass die Österreicher das noch nicht ganz begriffen haben. Egon misst OE grundsätzlich an DL. OE verliert grundsätzlich. Und Egon ist grundsätzlich der Einzige, der das offen ausspricht — findet Egon.
Am schönsten wird es, wenn Besuch kommt. Ein Besuch bei Egon ist kein Kaffee unter Freunden. Es ist ein Staatsbesuch, und Egon ist Protokollchef, Pressestelle und Gastgeber in Personalunion. Wochen vorher kündigt er es auf der Runde an, in einem Ton, als reise eine Delegation an: „Befreundete Funkspezialisten aus dem Rheinland" seien auf Urlaub in Österreich und würden ihm die Ehre erweisen. Der Gast bringe eine tragbare Satellitenstation mit und werde den Betrieb über die tieffliegenden Satelliten vorführen. Wer Interesse habe, möge sich einfinden. Der Überflug erfolge — Egon legt größten Wert auf diese Feststellung — auf die Minute genau, und diese Minute nennt er so feierlich, als hinge das Schicksal des Abendlandes daran. Egon gibt Uhrzeiten grundsätzlich sekundengenau an, weil Ungenauigkeit etwas für Menschen ist, die keine Standorte haben.
Was Egon bei all dem nie erwähnt: dass der Gast der eigentlich interessante Mensch ist. Ein echter Funkfreund, der wirklich etwas kann, der geduldig seine Station aufbaut, jedem die Antenne erklärt und sich über jeden Zuhörer freut. Neben diesem Mann steht Egon wie ein Reiseführer neben dem Grand Canyon: laut, überflüssig und fest überzeugt, dass die Leute seinetwegen gekommen sind.
Und dann, natürlich, der Höhepunkt jeder Egon-Veranstaltung, das eigentliche Ziel hinter allen Standorten, Codenamen und Lagemeldungen: die Nachbesprechung beim Wirt. „Anschließend gehen wir zur Nachbesprechung", schreibt Egon, mit einem zwinkernden Emoji, das verraten soll, dass er auch Humor hat. Hat er nicht. Aber er hat einen Stammtisch, und dort hält er die Rede, die er auf der Runde schon dreimal angekündigt hat: über den Contest, den er entschieden hat, über die Gewitter, die er abgewehrt hat, und über die Satelliten, die pünktlich waren, weil er es so wollte.
Die Locals im Tal haben mit Egon inzwischen einen stillen Frieden geschlossen. Sie lassen ihn seine Lagemeldungen absetzen, sie sagen brav „danke Egon", und wenn er fertig ist, drehen sie das VFO fünfundzwanzig Kilohertz weiter, wo die eigentliche Runde stattfindet — die, zu der Egon nie kommt, weil sie ihm zu wenig Format hat. Dort wird über Antennen geredet, über Fielddays, über die Kinder, die zum ersten Mal ans Mikrofon dürfen. Ganz ohne Codenamen. Ganz ohne Weltmeisterschaft. Einfach so.
Hansls Fazit: Egon Eilmeldung hat aus einem schönen Hobby einen Frontabschnitt gemacht, den nur er verteidigt, gegen einen Feind, den nur er sieht. Das Traurige ist nicht, dass er wichtig sein will — das wollen viele. Das Traurige ist, dass er dabei die einzigen übersieht, die ihn wirklich gebraucht hätten: die Nachbarn, die einfach nur einen netten Menschen auf der Frequenz gesucht haben. Man muss keinen Standort haben, um dazuzugehören. Man muss nur zuhören können. Genau das hat Egon nie gelernt — er war immer auf Sendung.
Alle Personen, Rufzeichen und Standorte in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind rein zufällig, sofern sich niemand angesprochen fühlt — und beabsichtigt, sofern doch. Der Autor übernimmt keine Haftung für spontane Selbsterkenntnis.
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Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Verwendete Illustrationen wurden, sofern nicht anders gekennzeichnet, mit KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI) erstellt. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Feedback — auch vom Standort — gerne an [email protected].





