Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Klaus Klagemauer, OE0KLG, ist seit nahezu sechzig Jahren dabei. Das sagt er gerne, und er sagt es oft. „Sechzig Jahre“ ist bei Klaus kein Zeitraum, sondern ein Argument. Es beendet Diskussionen, es entwertet Einwände, es schlägt jeden Newcomer, der zaghaft eine Idee äußert. In sechzig Jahren hat Klaus allerdings noch kein einziges CQ gerufen. Die PTT-Taste seines Transceivers sieht aus wie am Tag des Kaufs. Klaus funkt nicht. Klaus ist dabei.
Sein Shack ist tadellos. Empfänger immer an, Lautsprecher leise im Hintergrund, der Frequenzzähler poliert. Klaus hört zu. Den ganzen Tag. Er hört die Ortsrunde, er hört das Relais, er hört die Conteste am Wochenende — und alles, was er hört, ärgert ihn. Zu laut, zu lang, zu modern, zu jung, zu viel. Klaus nimmt jedes QSO persönlich, auch die, an denen er nicht beteiligt ist. Besonders die.
Und dann gibt es da noch das eine Gerät, das Klaus wirklich beherrscht. Es ist kein Funkgerät. Es ist das Telefon. Genauer: die 600, die Durchwahl zum Landesleiter. Klaus kennt sie auswendig. Er wählt sie, wie andere Menschen atmen. Reflexartig, regelmäßig, unaufhaltsam.
„Du, ich will ja nichts sagen“, beginnt Klaus jedes Gespräch, und dann sagt er vierzig Minuten lang etwas. Über den neuen Digimode, den „kein Mensch braucht“. Über den Fieldday, der „eh nur Spielerei“ sei. Über den Newcomer-Kurs, der „die Prüfung verramscht“. Über das geplante Relais am Berg, das „sicher wieder nichts wird“. Über den Vorstand, die Jugend, die Technik, die Zeit. Klaus ist gegen alles. Nicht aus Bosheit. Sondern weil Dagegensein das Einzige ist, was er kann.
Das ist der Kern, und er ist tragisch: Klaus kann nichts bauen, nichts aktivieren, nichts beitragen. Er hat nie eine Antenne gerichtet, nie eine Runde geleitet, nie einem Anfänger geholfen. Er hat nichts, womit er sich zeigen könnte — außer der Ablehnung dessen, was andere tun. Wer selbst nichts leistet, dem bleibt nur, die Leistung der anderen kleinzureden. Das Dagegensein ist seine Ersatzaktivität. Es ist sein QSO, sein Contest, sein Selbstbauprojekt. Es ist alles, was er hat.
Wenn man Klaus fragt, woher er das alles wisse, kommt der zweite Satz, den er auswendig kann: „Ich bin seit 1966 dabei.“ In Klaus‘ Welt gilt eine einfache Rechnung. Erfahrung = Alter. Nicht, was einer kann, zählt, sondern wie lange er schon da ist. Ein Funkamateur, der seit fünf Jahren Relais baut, Newcomer ausbildet und auf Bergen aktiviert, hat gegen Klaus keine Chance. Klaus war früher da. Das genügt. Das muss genügen, denn mehr hat er nicht.
Und damit sind wir bei der zweiten Gleichung, der eigentlichen Lebensphilosophie der Gattung. Leistung = Absitzen. Klaus misst seinen Beitrag nicht an dem, was er getan hat, sondern an den Jahren, die er abgesessen hat. Jedes Jahr Mitgliedschaft ist für ihn ein Verdienst. Nicht das Wirken, das Verweilen. Nicht das Senden, das Bleiben. Und genau hier wird aus dem traurigen Einzelfall ein System.
Denn Klaus hat ein Ziel. Ein einziges, klares, langfristiges Ziel, das er seit Jahrzehnten verfolgt mit einer Konsequenz, die man fast bewundern müsste, wäre sie nicht so leer: Klaus will die Ehrenurkunde. Die Auszeichnung für langjährige Mitgliedschaft. Sechzig Jahre Treue. Eine gerahmte Bestätigung dafür, dass er lange genug nicht aufgehört hat. Klaus funkt nicht, um zu funken. Klaus bleibt, um geehrt zu werden. Das Funken war nie der Zweck. Das Dabeisein ist der Zweck. Und die Urkunde ist der Beweis.
Das Bittere daran ist nicht Klaus. Das Bittere ist, dass das System ihm recht gibt. Denn die Urkunde bekommt er. Sechzig Jahre dagegen sein wird gefeiert, beklatscht, fotografiert. Wer ein halbes Jahrhundert lang gebremst hat, steht am Ende vorne und nimmt den Applaus entgegen. Der junge OM daneben, der in fünf Jahren ein Relais wieder zum Leben erweckt hat, bekommt nichts. Es gibt keine Urkunde für „hat etwas bewegt“. Es gibt nur die Urkunde für „war lange da“.
Und jetzt der unangenehme Gedanke, der mir beim Schreiben gekommen ist und den ich nicht mehr loswerde: Man könnte fast meinen, genau dafür gibt es manche Vereine. Vor allem die alteingesessenen. Nicht als Werkstatt, nicht als Funkstation, nicht als Schule für die Nächsten — sondern als Resonanzkörper für den Jammer. Als Institution, die jemanden bereithält, der ans Telefon geht, wenn die 600 läutet. Als Bühne, auf der man fürs bloße Bleiben am Ende eine Urkunde bekommt. Ein Verein, der das Absitzen belohnt, zieht Absitzer an. So einfach ist das. So traurig ist das.
Und Klaus ist nicht allein. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis. Es gibt nicht einen Klaus Klagemauer pro Verein — es gibt mehrere. Sie erkennen einander sofort, beim Klang des ersten „Ich will ja nichts sagen“. Sie bilden das stille Quorum in der hinteren Reihe der Jahreshauptversammlung. Sie nicken sich zu. Sie steigern sich gegenseitig: „Siehst eh, der Klaus sagt’s auch.“ Die 600 ist manchmal besetzt — weil schon der nächste Ehrenurkundler dran ist. Es ist eine ganze Gattung. Und sie hält sich für die letzte Bastion der Vernunft.
Nachts, wenn die Bänder schweigen und der Empfänger nur rauscht, sitzt Klaus manchmal da und fragt sich, ob das alles war. Ob sechzig Jahre Zuhören wirklich ein Leben sind. Ob ihn jemand vermissen würde, wenn er morgen aufhörte. Dann schiebt er den Gedanken weg, so wie er ihn seit Jahrzehnten wegschiebt, und freut sich auf die Urkunde. Es ist nicht mehr weit.
Hansls Fazit: Ein Verein lebt nicht von denen, die am längsten da sind, sondern von denen, die am meisten tun. Solange wir die Dauer feiern und die Tat übersehen, züchten wir Ehrenurkundler statt Funkamateure. Die ehrlichste Auszeichnung wäre keine für sechzig Jahre Treue — sondern eine für das erste selbstgebaute Antennchen, das erste geleitete QSO, den ersten Newcomer, dem jemand die Tür aufgehalten hat. Bis es die gibt, klingelt halt weiter die 600.
Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind beabsichtigt, aber juristisch nicht verwertbar. Der Autor übernimmt keine Haftung für spontane Selbsterkenntnis.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Anregungen und Beschwerden — auch von Klaus — gerne an [email protected].





