Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Der Klubabend ist gerettet. Das sagt Gottfried Grundsatz, OE0GRS, und weil es sonst niemand sagt, sagt er es öfter.
Gerettet hat er ihn vor dem Tippen. Vorher hatte allerdings schon jemand anderer die eigentliche Arbeit erledigt.
Das Schlechtreden
Der Bursch war neunzehn, frisch geprüft und hat den Fehler gemacht, Ideen zu haben. Ein Fuchsjagd-Nachmittag für die Schule. Ein Ballon mit Tracker. Ein Wochenende, an dem man Neulingen zeigt, wie man eine Antenne baut, statt ihnen zu erklären, warum ihre schlecht ist.
Jede dieser Ideen hat am selben Tisch dieselbe Behandlung bekommen.
„Haben wir schon probiert." „Das zahlt sich nicht aus." „Da kommt eh keiner." „Und wer räumt nachher auf?" Kein einziges Nein am Stück, nur dreißig kleine, über Monate verteilt, freundlich im Ton, tödlich in der Summe. Keiner hat ihn hinausgeworfen. Sie haben ihm nur jedes Mal erklärt, warum das, was er will, ohnehin nichts wird.
Den Rest hat Johannes Quantensprung, OE0QTS, erledigt.
Johannes ist der Lauteste im Raum, zuverlässig, in jeder Runde, bei jedem Thema. Er redet über Dinge, die er nicht macht, in einer Lautstärke, die keinen Widerspruch vorsieht. Sein Wissen ist breit, sein Interesse an Nachfragen gering. Und an einem Mittwoch im Herbst hat er dem Neunzehnjährigen vor versammelter Runde etwas an den Kopf geworfen, das man hier nicht wiederholt, weil es auch beim zweiten Lesen nicht besser wird.
Gelacht haben zwei. Widersprochen hat keiner. Und das ist der Teil, über den drei Jahre später niemand redet, wenn über den fehlenden Nachwuchs geredet wird.
Der Quantensprung
Zu Johannes gehört ein Detail, das man kennen muss, um ihn richtig einzuordnen.
Johannes kennt sich nämlich auch mit Quantencomputern aus. Er hat der Runde vor zwei Jahren erklärt, dass der Quantencomputer in Kürze alle anderen Computer ersetzen wird. Alle. Den Laptop, das Logbuch, den Raspberry im Shack. Er hat das nicht als Frage formuliert, sondern als Ankündigung, und er hat dabei jenen Gesichtsausdruck aufgesetzt, den Menschen haben, die einen Artikel bis zur Überschrift gelesen haben.
Der Stand der Dinge ist, kurz gefasst: Ein Quantenrechner ist kein besserer Computer, sondern ein Spezialwerkzeug für eine Handvoll Problemklassen, Faktorisierung etwa oder Quantenchemie. Er hat kein Betriebssystem, das dir ein Log führt, er braucht Kühlung nahe dem absoluten Nullpunkt, und er wird deinen FT8-Rechner so wenig ersetzen wie ein Rasterelektronenmikroskop deine Lesebrille. Wer das weiß, sagt „ergänzt". Wer es nicht weiß, sagt „ersetzt", und zwar laut.
Man könnte das lustig finden. Ich finde es deshalb nicht lustig, weil derselbe Mann mit derselben Sicherheit einem Neunzehnjährigen erklärt hat, was aus ihm nie wird.
Kleine Fußnote für die Statistikabteilung: Wenn auf dieser Seite ein Artikel erscheint, der jemandem nicht passt, dann klickt manchmal jemand einen Stern. Einen einzigen, ohne Kommentar, meist innerhalb einer Stunde nach dem Erscheinen. Ich sage nicht, wer das ist. Ich sage nur, dass ein Mensch, der eine Meinung hat, sie hinschreibt, und dass ein Klick ohne Text die kürzeste Art ist, eine zu haben, ohne eine zu formulieren.
Der Feldzug
Als der Bursch weg war, war noch ein Rest übrig: die Gruppe am Telefon, in der ein paar Jüngere Fotos ihrer Antennen und ihrer Portabeltouren gepostet haben. Zu viel Betrieb für Gottfrieds Geschmack. Zu viel Freude an der falschen Stelle.
Gottfried hat das beendet, und zwar ordentlich. Er hat das Thema in jede Sitzung gebracht. Er sprach von Datenschutz, ohne je zu sagen, welche Daten. Er sprach von der Abhängigkeit vom Mobilfunknetz, was technisch sogar stimmt, und legte in derselben Minute sein eigenes Telefon auf den Tisch, weil er den Wetterbericht brauchte. Er erklärte einer Runde von Leuten mit gültiger Bewilligung, dass Schreiben kein Funkbetrieb sei.
Das stärkste Argument war das leiseste: „Das haben wir früher auch ohne gebraucht."
Der Sieg
Gottfried hat gewonnen. Das muss man ihm lassen, und es ist der traurigste Satz dieser Geschichte.
Ankündigungen liefen wieder über den Aushang im Klublokal und über die Runde am Mittwoch, die um 19:30 beginnt, für alle, die um 19:30 nicht arbeiten, kein Kind ins Bett bringen und nicht sechzig Kilometer entfernt studieren. Wer nicht gehört wurde, war nicht da. Wer nicht da war, war nicht interessiert.
Seither ist es schön im Klublokal. Sieben Leute an einem Tisch für vierzig, das Schnitzel kommt schneller, das Bier auch, und niemand hält einem ungefragt ein Display unter die Nase. Es wird über Antennen geredet, über die alten Zeiten und über den Zustand des Vereins. Über den Zustand des Vereins wird lange geredet. Immer mit demselben Ergebnis: Die Jugend interessiert sich halt nicht mehr.

Der Einbruch
Und dann kam das Meshnetz.
Im Frühjahr begannen ein paar Leute, MeshCore-Geräte aufzustellen. Kleine Kastln um zwanzig Euro, 868 MHz, keine Prüfung, keine Lizenz, kein Provider. Das Netz wuchs schneller, als irgendwer gedacht hätte, in zwei Wochen auf 32 Standorte, und irgendwann lag die Abdeckung auch über Gottfrieds Tal.
Was dann geschah, hat niemand angekündigt. Aus dem Dunkel hinter den gerahmten Urkunden trat die Schnitzelfraktion ins Netz.
Zuerst Gottfried. „Test", schrieb er. Dann „Test 2". Dann, eine Stunde später, „Hört mich wer?" Um 22:40, also lange nach dem Ende der Mittwochsrunde. Dann Erich mit dem Balkondipol. Dann der Kassier. Dann zwei Leute, von denen man annahm, sie hätten das Hobby aufgegeben, und die tatsächlich nur aufgehört hatten, in den Raum zu kommen, in dem geredet wurde.
Und dann, mit der Wucht eines Mannes, der ein neues Thema gefunden hat, Johannes. Er hat im Kanal binnen einer Woche erklärt, wie Mesh-Routing funktioniert. Er hat es falsch erklärt. Er hat es laut erklärt.
Der feine Unterschied
Man könnte jetzt darauf hinweisen, dass Gottfried exakt das tut, was er drei Jahre lang bekämpft hat. Tippen. In einer Gruppe. Mit Leuten, die gerade nicht im selben Raum sitzen.
Das wäre unfair, denn Gottfried hat eine Erklärung, und er hatte sie sofort parat, was darauf schließen lässt, dass er sie schon vorher brauchte: „Das ist etwas ganz anderes. Das ist Funk."
Und da hat er sogar recht. Es ist wirklich etwas anderes. Es ist langsamer, es kann keine Bilder, es hat keine Lesebestätigung und keine Sprachnachrichten, Gott sei Dank. Es läuft über Geräte, die man selbst aufstellt, und über Repeater, die Nachbarn bezahlt haben, statt über ein Rechenzentrum in Irland. Das ist ein ehrlicher Unterschied, und er ist der Grund, warum das Netz vielen von uns gefällt.
Nur eines ist es nicht: Es ist kein Amateurfunk. Auf 868 MHz braucht es keine Lizenz, kein Rufzeichen und keine Prüfung. Gottfried, der jahrelang erklärt hat, dass Schreiben kein Funkbetrieb ist, schreibt jetzt in einem Netz, in dem seine Bewilligung genau nichts wert ist, neben Leuten, die nie eine Prüfung gemacht haben. Und er schreibt gern.
Wir gönnen es ihm. Wirklich. Es ist nur auffällig, wie schnell aus „das ist kein Funk" ein „das ist ja auch Funk" wird, sobald das Kastl auf dem eigenen Fensterbrett steht.
Der private Kanal
Nach zwei Wochen im öffentlichen Kanal kam der Wunsch nach einem eigenen. Das ist bei jeder Gruppe so, und es ist nicht einmal unvernünftig. Bei der Schnitzelfraktion klang die Begründung allerdings vertraut: Da schreiben ja auch Leute mit, die man nicht kennt.
Gottfried hat also einen Kanal angelegt. „Nur für uns."
Dazu muss man wissen, wie das im Mesh funktioniert, und es ist kein Geheimnis, es steht in jeder Anleitung: Der Schlüssel eines Kanals wird aus seinem Namen berechnet. Wer den Namen kennt, ist drin. Sofort, ohne Einladung, ohne dass es jemand merkt. Ein Kanalname ist kein Passwort, er ist eine Adresse, die zufällig wie ein Passwort aussieht.
Die Schnitzelfraktion hat den Namen daraufhin verteilt, als wäre er ein Flugblatt.
Gottfried hat ihn am Mittwoch im Klublokal angesagt, zweimal, weil ihn beim ersten Mal hinten keiner verstanden hat. Erich hat ihn in den öffentlichen Kanal geschrieben, mit dem Hinweis, man möge bitte dorthin wechseln, weil hier zu viele mitlesen. Gustl stellt ihn seither auf jedem Gerät ein, das er in die Hand bekommt, auch auf denen von Leuten, die gar nicht gefragt haben. Und Johannes hat im öffentlichen Kanal ausführlich erklärt, warum dieser Kanal sicher ist, unter Nennung des Namens, zweimal, weil ihm der erste Beitrag zu kurz geraten war.
Der private Kanal hat inzwischen mehr Mitleser als der öffentliche. Genau weiß das niemand, weil man im Mesh nicht sieht, wer zuhört. Das ist auch der Teil, den die Runde konsequent überspringt: Dass man niemanden hinauswerfen kann, wenn man nicht weiß, wer drin ist.
Das Bittere daran ist, dass es tatsächlich etwas Privates gäbe. Direktnachrichten laufen Ende zu Ende zwischen zwei Geräten, die kann wirklich niemand mitlesen. Nur benutzt die Schnitzelfraktion keine Direktnachrichten. Direktnachrichten liest ja sonst niemand mit, und wer schreibt, will schließlich gehört werden.
Und ja, es sind dieselben Leute, die den Gruppenchat am Telefon aus Datenschutzgründen abgedreht haben.
Der Flasher
Der zweite Teil der Geschichte hat schon begonnen. Es wird Repeater geben, viele, und das ist ausdrücklich gut, denn genau daran fehlt es dem Netz.
Nur wird es nicht irgendein Gerät sein. Es wird das Gerät sein, das alle haben. Nicht, weil es das beste wäre, sondern weil im Kanal jemand geschrieben hat, dass er dieses hat, und weil beim dritten Mal aus einer Kaufentscheidung eine Norm wird. Am Ende liegen im Bezirk vierzehn identische Kastln auf vierzehn Küchentischen, und wenn der fünfzehnte fragt, ob es Alternativen gäbe, antworten drei Leute: „Nimm das, das haben alle."
Geflasht werden sie alle von Gustl Großsignal, OE0GGS.
Das hat sich so ergeben, wie sich solche Dinge ergeben: Gustl hat als Erster im Kanal geschrieben, dass er das macht, und seither macht er es. Der Mann, der sein Handfunkgerät dreimal pro Woche neu konfiguriert hat, ohne je zu wissen, was sich dadurch ändert, ist jetzt für die Firmware von zwei Dutzend Geräten zuständig.
Er aktualisiert. Sofort, konsequent, bei jedem Release, auch bei denen, deren Änderungsliste aus einem einzigen Wort besteht. Was danach anders ist, weiß er meistens nicht, aber aktuell ist aktuell. Zweimal hat er dabei die Funkparameter verstellt, worauf die betroffenen Geräte technisch einwandfrei funkten, nur eben allein. Im Kanal führte das zu einer Fehlersuche, an der sich acht Leute beteiligten und deren Ergebnis lautete: Gustl war es.
Erreichbar ist er dabei nach wie vor ausschließlich per WhatsApp. Wer ihm im Meshnetz schreibt, für das er die halbe Firmware im Bezirk verantwortet, bekommt keine Antwort. Wer ihn am Telefon anschreibt, bekommt drei.
Und Gustl bürgt. Wenn im Kanal jemand fragt, wie die Abdeckung im Nachbarort ausschaut, antwortet er zuverlässig: „Passt, der Kurt hat dort einen, den hab ich selber geflasht."
Der Kurt ist Kurt Kellerknoten. Sein Knoten steht im Keller. Ohne angesteckte Antenne. Er läuft seit Monaten tadellos, die Firmware ist topaktuell, und gehört hat ihn noch nie jemand. Kurt fragt ungefähr alle zwei Wochen in die Runde, ob er kurz testen darf. Es antwortet nach wie vor niemand, außer Gustl, der bestätigt, dass alles passt.
Der Aufbauer
Aufgestellt wird dann von Siegfried Pickerl, OE0PIC. Er ist kein Funkamateur, er ist Spezialist, den Unterschied erklärt er gern, ausführlich, ungefragt.
Siegfried fährt hin. Siegfried bohrt. Siegfried erklärt beim Bohren, warum alle anderen es falsch machen würden, und um fair zu bleiben: Bei drei von zehn Standorten stimmt das sogar. Er hat Werkzeug, das sonst niemand hat, er weiß, wie man einen Mast ordentlich erdet, und er ist der Einzige weit und breit, der eine Leiter besitzt, bei der man sich nicht bekreuzigt.
Dann, bevor er den Deckel schließt, klebt er sein Pickerl drauf.
Auf ein Gehäuse, das ein Team in Neuseeland entworfen hat. Über eine Firmware, die Freiwillige geschrieben haben. An einem Standort, den die Frau Kowatsch zur Verfügung stellt, deren Namen aber niemand kennt, weil auf dem Kastl eben nicht „Dach von Frau Kowatsch" steht, sondern das Logo eines Einzelunternehmens mit eigener Website.
In der Knotenliste stehen deshalb sechs Repeater, die technisch identisch sind, und man erkennt sie trotzdem auseinander. Fünf heißen nach Bergen. Einer heißt nach Siegfried.
Der Kanal, in dem sie schreiben
Bleibt eine Kleinigkeit, die Gottfried noch nicht weiß, und ich überlege seit einer Woche, ob ich sie ihm sage.
Der Kanal, in dem die Schnitzelfraktion seit dem Frühjahr so fleißig schreibt, wurde nicht von ihr angelegt. Kanäle im Mesh haben keinen Besitzer, der Schlüssel entsteht aus dem Namen, wer den Namen kennt, ist drin. Aber jemand muss den Namen als Erster vergeben und ihn dann weitersagen, sonst redet man allein.
Vergeben hat ihn ein Zweiundzwanzigjähriger, vor eineinhalb Jahren, gemeinsam mit zwei anderen, die das Netz im Bezirk begonnen haben, weil sie Lust auf Funk hatten und keinen Ort dafür fanden.
Es ist derselbe, dem man dreißigmal erklärt hat, dass seine Ideen nichts werden, und dem Johannes dann gesagt hat, was er von ihm hält.
Er ist immer noch da. Er liest mit, wenn Gottfried um 22:40 fragt, ob ihn wer hört. Und er antwortet. Jedes Mal.
Und jetzt im Ernst
Das hier ist keine Geschichte über alte Männer und neue Technik. Alte Männer und neue Technik vertragen sich blendend, siehe jeden zweiten Selbstbau in diesem Land.
Das ist eine Geschichte über zwei Kanäle. Der eine lief drei Jahre lang über einen Tisch im Klublokal am Mittwoch um halb acht, und wer dort nicht sitzen konnte, existierte nicht. Der andere kostet zwanzig Euro, läuft um zehn Uhr abends vom Sofa aus, und plötzlich sind alle wieder da. Die Jungen, die nie weg waren, und die Alten, von denen man dachte, sie hätten aufgehört.
Der Unterschied zwischen den beiden ist nicht die Technik. Der Unterschied ist, dass im zweiten niemand mitten im Satz erklärt bekommt, dass das eh nichts wird.
Wenn also am nächsten Klubabend jemand sagt, dass sich die Jugend nicht mehr interessiert, dann haltet ihm bitte kein Handy unter die Nase. Zeigt ihm die Nodeliste. Und dann fragt ihn, wer von den Namen darauf eigentlich zuletzt bei ihm am Tisch gesessen ist.
Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind beabsichtigt, aber juristisch nicht verwertbar. Der Autor übernimmt keine Haftung für Schnitzel, die während der Lektüre kalt werden, und keine für Sterne, die danach vergeben werden.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Das Titelbild stammt aus Wikimedia Commons und ist entsprechend gekennzeichnet. Anregungen und Beschwerden, auch von der Schnitzelfraktion, gerne an [email protected].





