Der Entwickler — Wie Siegfried Pickerl wieder etwas entwickelte und nur das Pickerl fertig wurde

SATIREDies ist ein satirischer Beitrag aus der Rubrik Störsender. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Rufzeichen, Frequenzen oder Vorschriften sind rein zufällig – oder absichtlich übertrieben.

Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter

„I entwickl grad wieder was", sagt Siegfried Pickerl, OE0PIC, und lässt den Satz einen Moment stehen wie eine Torte auf dem Tisch. Es ist die Ortsrunde, es ist kurz nach dem Tagesordnungspunkt „Allfälliges", und bis eben ging es um den Kassenstand. Jetzt geht es um Siegfried. Genau so hat er es geplant.

Wer den Funkspezialisten noch nicht kennt: Siegfried hat in jungen Jahren Röhrenradios repariert. Das war echtes Handwerk. Man öffnete die Rückwand, roch den Staub von dreißig Jahren, fand den Kondensator, der es nicht mehr tat, und das Magische Auge leuchtete wieder grün. Siegfried war darin gut, und es war die letzte Zeit, in der er etwas wirklich verstand, weil es noch etwas zu verstehen gab: Eine Röhre ist ehrlich. Man sieht sie glühen.

Seither „entwickelt" er. Der Antennenumschalter von 2011 ist noch in Entwicklung. Das Netzteil „mit allem Drum und Dran" ist in Entwicklung, auch wenn niemand weiß, was das Drum und das Dran sein sollen. Der Rotorsteuerkasten hat seit Jahren den Status „Prototyp, knapp vor Serie". Alles, was Siegfried baut, ist knapp vor irgendetwas. Und alles trägt vorne ein Pickerl: Entwickelt von S. Pickerl — Ihr Spezialist. Das Pickerl ist stets das Erste, was fertig wird.

Diesmal mit Prozessor

Das neue Projekt hat einen Prozessor. Mehr verrät Siegfried nicht, „sonst kopieren es die anderen". Es sitzt auf einer Platine, die laut Beschriftung „Rev. C" ist. Rev. A und Rev. B hat nie jemand gesehen, Rev. D gibt es nur im Kopf. Ein Gehäuse gibt es auch, es stammt von einem früheren Projekt, weshalb es hinten ein Loch für einen Drehschalter hat, den es jetzt nicht mehr braucht. Aber wegen des Lochs läuft das Gerät so gut gelüftet, wie es sich Siegfried immer gewünscht hat.

Prozessoren, sagt Siegfried, seien ja heute nichts mehr. Früher habe man einen Baustein gekauft, ihn in einen Sockel gesteckt und gewusst, was er tut. Heute hat jeder Chip ein Datenblatt mit tausend Seiten, hinten ein Kapitel „Errata", und die Anschlüsse sind so klein, dass man das Löten gleich aufgeben kann. „Man kann ja nicht einmal mehr reinschauen", sagt er traurig. Das ist der Moment, in dem man ihm ehrlich Mitgefühl entgegenbringt, denn er hat recht: Man kann tatsächlich nicht mehr hineinschauen. Das war bei den Röhren besser.

Und dann sind da die Stückzahlen. Siegfried bekommt seinen Prozessor nicht einzeln. Er bekommt ihn nur im Gebinde. Mindestabnahme: dreitausend. Gebraucht hat er einen. Die anderen 2.999 liegen im Keller, in einer Rolle, auf der „Nicht stürzen" steht, was Siegfried als ein Zeichen sieht, es nicht zu tun. „Das ist eine Investition", sagt er. Und wenn jemand fragt, in was, sagt er: „In die Zukunft." Die Zukunft hat im Keller allerdings einen Wasserschaden und zählt bereits zu den älteren Beständen.

Der Auftritt

Siegfried entwickelt nicht, wenn es ruhig ist. Er entwickelt, wenn er wichtig sein will. Man erkennt es am Tonfall. Kommt jemand mit einem schönen Projekt in die Runde, einem fertigen, funktionierenden, das jemand tatsächlich benutzt, wird Siegfried auf einmal sehr still, schaut auf sein Handy und sagt nach genau neunzig Sekunden: „Ich entwickl da grad was mit einem Prozessor." Dann dreht sich der Raum zu ihm. Dann erzählt er, was er alles nicht erzählen darf.

Es gibt dabei ein paar Standardsätze. „Das wird was Größeres." „Da hängt ein ganzer Zeitplan dran." „Ich bin da in Gesprächen." Mit wem, bleibt offen. Wahrscheinlich mit dem Händler, der ihm die dreitausend verkauft hat und sich seither um sein Wohlbefinden sorgt. Wenn jemand freundlich fragt, wann es fertig ist, sagt Siegfried: „Najaaa." Das Najaaa ist hier ausnahmsweise nicht gegen andere gerichtet. Es richtet sich nach innen.

Am Relais

Am liebsten erzählt Siegfried am Relais. Dort hört ihn jeder, und keiner kann gehen. „OE0PIC für alle, ich bin gerade in der Entwicklung", beginnt er, und dann wird es eine Viertelstunde lang wichtig: Prozessortakt, Zeitplan, Marktlücke. Der Ortsrundenleiter hört mit, ein Schüler hört mit, und irgendwo im Tal hört einer mit, der Elektrotechnik studiert hat und leise das Radio abdreht.

Fragt ihn jemand, wie er die Abstrahlung seiner Schaltung überprüft hat, sagt Siegfried: „Najaaa, das ist eher was für die Theoretiker." Fällt der Name Maxwell, nickt er wissend: „Maxwell … so einen Transceiver hab ich auch, gleich neben dem Kenwood." Dass es ohne diesen Mann das Relais nicht gäbe, über das er gerade spricht, und auch keine Antenne und keinen Prozessor, fällt ihm nicht auf. Er erzählt einfach weiter. Das Relais hält es aus.

Die Pickerlismen

Dazu kommt Siegfrieds Wortschatz. Er verwendet Wörter, die es nicht gibt, und er verwendet sie mit der Ruhe eines Mannes, der sie gerade erfunden hat. „Die Prozessorierung ist abgeschlossen." „Da müssen wir noch die Resonanzialität anschauen." „Der Quarz hat eine schöne Schwingungsfrequenzigkeit." Einmal sprach er von einem „Röhrentransistor". Es war ein ruhiger Abend, und niemand wollte ihn unterbrechen.

Ob das Absicht ist oder Gewohnheit, weiß keiner. Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem: Ein Spezialist kann nicht „weiß ich nicht" sagen, also sagt er etwas, das nach Wissen klingt. Die Ortsrunde führt inzwischen eine Liste. Sie hängt hinter der Kaffeemaschine, trägt den Titel „Pickerlismen" und ist bereits auf der zweiten Seite. Der Schriftführer sagt, es sei das am sorgfältigsten geführte Dokument des ganzen Vereins.

Der Stand der Dinge

Alles in diesem Hobby entwickelt sich. Antennen werden besser, Modi werden schneller, Funkgeräte kleiner, und die Jüngeren bauen mit ein paar Euro Hardware Dinge, für die man vor zwanzig Jahren eine Firma gebraucht hätte. Die Leute lernen, probieren, scheitern, ändern die Schaltung und fragen jemanden. Es entwickelt sich ständig etwas.

Nur OE0PIC nicht.

Das Projekt ist ein halbes Jahrzehnt alt, und das Einzige, was daran Fortschritte macht, ist die Aufkleberqualität. Das aktuelle Pickerl hat eine matte Oberfläche, abgerundete Ecken und einen kleinen Rahmen. Es sieht aus, als stamme es von einem Hersteller, der Rückruf-Aktionen kennt. Das Gerät dahinter kann noch nichts. Aber es kann es schön.

Dabei wäre der Weg einfach. Einer aus der Runde, ein junger OM, hat Siegfried schon einmal angeboten, sich den Prozessor gemeinsam anzusehen. Man würde ein Wochenende lang eine Platine auf den Tisch legen, ein paar Fehler machen, ein paar Fragen stellen. Siegfried hat damals gesagt: „Das ist nett, aber das ist ein bisserl komplex für den Anfang." Es war der freundlichste Satz seines Abends, und der unehrlichste. Siegfried hat Röhrenradios repariert. Er kann das. Er müsste nur wieder etwas nicht wissen dürfen.


Hansls Fazit: Entwickeln heißt, sich zu verändern, am Gerät und an sich selbst. Wer monatelang an einem Prototyp arbeitet, ohne je den Stand zu zeigen, entwickelt vor allem eine Geschichte. Der Prozessor im Keller ist nicht das Problem. Das Problem ist die Rolle, die niemals aufgeht. Wer 2.999 Stück übrig hat, hat in Wirklichkeit 2.999 Gelegenheiten, es einfach zu versuchen. Bis dahin gilt: Das Pickerl hält. Der Rest ist in Entwicklung.

Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind beabsichtigt, aber juristisch nicht verwertbar. Der Autor übernimmt keine Haftung für Lagerbestände im Keller.


Transparenzhinweis

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Anregungen und Beschwerden — auch von Siegfried — gerne an [email protected].

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