Was zählt, wenn niemand zählt

Ohne Punkte stünde kaum jemand um fünf Uhr früh am Gipfel. Die Aktivierungsprogramme sind eines der besten Dinge, die dem Amateurfunk in den letzten zwanzig Jahren passiert sind. Und trotzdem kennt fast jeder diesen einen Moment: Man ist gerade kein Mensch am anderen Ende, sondern ein Datenfeld. Über das, was dazwischen liegt, und was bleibt, wenn niemand mitzählt.

Zuerst das Lob, und zwar ernst gemeint

Es gehört sich, mit dem Offensichtlichen anzufangen: Die Programme funktionieren. Und zwar besser als alles, was sich irgendein Verein je an Mitgliederwerbung ausgedacht hat.

SOTA hat Funkamateure auf Berge gebracht, die vorher nicht einmal wussten, dass sie gerne wandern. POTA und WWFF haben die Ortsstelle in den Nationalpark verlegt. Die xOTA-Programme sind inzwischen so zahlreich, dass es eine eigene Karte braucht, um den Überblick zu behalten. Wer sonntags um sechs mit fünfzehn Kilo am Rücken im Nebel steht, tut das nicht aus reiner Kontemplation. Er tut es auch, weil da eine Wertung ist. Weil jemand mitzählt.

Und das ist gut so. Punkte sind kein Makel. Punkte sind der Grund, warum jemand aufsteht. Sie sind der Anlass, der aus einem vagen „irgendwann müsste man mal" ein Datum im Kalender macht. Wer aus dieser Motivation einen Vorwurf bastelt, hat schlicht nicht verstanden, wie Menschen funktionieren.

Dasselbe gilt für Conteste. Ein Wochenende Contest bringt einem Anfänger mehr Betriebspraxis als drei Monate Zuhören. Wer nie eines mitgemacht hat, sollte es tun.

Es geht in diesem Text also ausdrücklich nicht darum, dass jemand Punkte sammelt. Es geht um etwas Kleineres und Konkreteres.

Der Moment, in dem es kippt

Es gibt einen Punkt, an dem sich ein QSO verändert. Man merkt ihn sofort, und man kann ihn erstaunlich schwer beschreiben. Versuchen wir es trotzdem, nicht über Motive, sondern über das, was tatsächlich passiert:

  • Man ruft an, bekommt Rufzeichen und Rapport, gibt Rufzeichen und Rapport zurück, und noch bevor das letzte Wort draußen ist, ruft die Gegenstelle schon den Nächsten. Kein „danke", kein „73". Man war ein Eintrag.
  • Man fragt vom Gipfel aus, wie das Wetter drüben ist. Antwort: „Ist notiert, 73." Die Frage war offenbar nicht Teil des Protokolls.
  • Ein Chaser wird ungehalten, weil sein Rufzeichen beim dritten Versuch noch immer nicht durchgekommen ist. Nicht besorgt, ob man ihn hört, sondern verärgert, dass die Zeile in seinem Log fehlt.
  • Ein Summit-to-Summit wird abgewickelt wie eine Paketübergabe. Zwei Menschen stehen gleichzeitig auf zwei Bergen, unter Aufwand von jeweils mehreren Stunden Aufstieg, und tauschen dabei ausschließlich Zahlen aus.
  • Jemand fragt nach der Referenznummer, bevor er nach dem Rufzeichen fragt.

Nichts davon ist verboten. Nichts davon ist unhöflich im formalen Sinn. Und doch bleibt jedes Mal derselbe Nachgeschmack: Man war für den anderen keine Person, sondern ein Feld in einer Maske.

Das Bittere daran ist, dass der Aufwand auf beiden Seiten enorm ist. Zwei Leute investieren Stunden, Höhenmeter, Wetterrisiko und gutes Gerät, und behandeln dann die dreißig Sekunden, für die das alles gemacht wurde, wie eine Formalität, die man hinter sich bringt.

Ein ehrlicher Einwand, und er steht in den Regeln

Bevor sich jetzt jemand bestätigt fühlt, der grundsätzlich gegen alles Zählen ist: Kürze ist nicht dasselbe wie Kälte. Und wer als Chaser ausgiebig plaudern will, hat die Regeln gegen sich, nicht für sich.

Die SOTA General Rules werden an dieser Stelle ungewöhnlich deutlich. Chaser, heißt es dort, müssen mit Rücksicht auf den Aktivierer operieren, der womöglich unter schwierigen Bedingungen arbeitet. Und dann wörtlich: „Making over-long overs, giving a full breakdown of your station and asking unnecessary questions delays the Activator and infuriates other Chasers." Zu lange Durchgänge, die komplette Stationsbeschreibung und unnötige Fragen halten den Aktivierer auf und ärgern die anderen Chaser.

Das ist keine Nebenbemerkung. Wer bei voller Frequenz über seine Antennenkonstruktion referiert, ist nicht der Bessere. Er ist der Rücksichtslose, und zwar gegenüber allen anderen, die warten, und gegenüber dem, der bei fünf Grad und Wind am Gipfel steht und ein sehr reales Zeitbudget hat. Wer eine Aktivierung sauber und zügig abarbeitet, damit möglichst viele ins Log kommen, macht genau das Richtige.

Der Unterschied liegt also nicht in der Länge. Er liegt darin, ob danach noch eine Tür offen ist und wer sie aufmacht. Ob nach dem Rapport ein Halbsatz kommt, wenn die Frequenz es hergibt. Ob der Aktivierer, wenn das Pile-Up abebbt, nochmal fragt: „Sind noch Anrufer da? Sonst hätte ich Zeit." Ob jemand merkt, dass da drüben einer zum ersten Mal aktiviert und gerade weiche Knie hat.

Zwei Sekunden Aufmerksamkeit im richtigen Moment, nicht zwei Minuten Sendezeit im falschen. Darum geht es.

Was in den SOTA-Regeln wirklich steht

An dieser Stelle lohnt es sich, einmal nachzulesen, was in den Programmregeln eigentlich drinsteht. Das Ergebnis ist eindeutiger, als man erwarten würde.

Regel 3.1 der SOTA General Rules beschreibt den Zweck des Programms: Amateurfunkbetrieb von Gipfeln zu fördern und ein award system bereitzustellen. Ein Diplomprogramm also. Das Wort „Contest" kommt im gesamten Regelwerk übrigens genau ein einziges Mal vor, und zwar in einem Nebensatz über Contest-Rufzeichen. Als Wettkampf beschreibt sich SOTA nirgends.

Noch deutlicher wird Regel 3.7.2 zur Punktevergabe. Die Punkte gibt es pro Expedition, ausdrücklich „regardless of the total number of QSOs made" — unabhängig von der Zahl der Verbindungen, sobald die Mindestanzahl erreicht ist. Und pro Gipfel nur einmal im Kalenderjahr.

Das ist bemerkenswert, wenn man kurz darüber nachdenkt: Wer schneller abfertigt, bekommt dafür keinen einzigen Punkt mehr. Die Hektik, um die es in diesem Text geht, wird von der Wertung nicht einmal belohnt. Die Punkte dokumentieren, dass du oben warst. Nicht, wie viele du erwischt hast.

Und dann wird es richtig interessant. Regel 3.7.1, Absatz 14:

„All SOTA operations are expected to be conducted in the spirit of the programme. Where it is determined that an Activation has not been conducted in the spirit of the Programme, the points for the Activation will be forfeited and other sanctions may be applied."

SOTA General Rules S0.1, Ausgabe 1.21

Der Geist des Programms ist keine Stimmungsfrage und keine Höflichkeitsempfehlung. Er ist eine Regel, mit Punkteverlust als Sanktion. Und in Regel 3.7.3, dem Code of Conduct, steht der Satz, den man sich einrahmen könnte: „The Golden Rule is that all participants are required to operate in a manner that is in keeping with the spirit of the Programme."

Das dreht die ganze Diskussion um. Wer Kontakte abfertigt, als hinge eine Meisterschaft dran, beruft sich nicht auf die Regeln. Er verstößt gegen sie. Die Programme sind sauber. Was gelegentlich einreist, ist eine Haltung von woanders: die Contest-Logik, dorthin importiert, wo sie nie vorgesehen war.

Und deshalb ist die richtige Frage auch nicht „wer ist hier ein Punktesammler", sondern eine, die man sich selbst stellen kann: Wann habe ich das letzte Mal ein QSO geführt, das in keiner Wertung steht?

Wer darauf keine Antwort findet, sollte nicht schlechter über sich denken. Er sollte einfach am nächsten Wochenende eines führen.

Was das mit denen macht, die neu sind

Es gibt eine Gruppe, für die dieser Unterschied nicht Geschmacksfrage ist, sondern Weichenstellung: die Neuen.

Wer frisch lizenziert mit einem Handfunkgerät und einer mäßigen Antenne auf einen Berg steigt und dort zum ersten Mal ruft, hat eine Erwartung im Kopf. Diese Erwartung entscheidet sich in ungefähr dreißig Sekunden. Kommt „danke fürs Rufen, hat mich gefreut, viel Erfolg noch", dann ist ein Funkamateur entstanden. Kommt „59, 73" und ein sofortiger Anruf an den Nächsten, dann ist da jemand, der sich fragt, wofür er eigentlich die Prüfung gemacht hat.

Wir haben das an anderer Stelle schon deutlicher gesagt, und es gilt draußen genauso wie am Relais: Wer keine Antwort bekommt, ruft irgendwann nicht mehr. Und wer nur Zahlen zurückbekommt, hört ungefähr genauso schnell auf, nur langsamer und leiser, sodass es niemandem auffällt.

Was bleibt, wenn niemand mitzählt

Ein Gedankenexperiment: Angenommen, morgen fallen alle Datenbanken aus. Keine Referenzen, keine Logs, keine Ranglisten, keine Punkte. Nur noch ein Berg, ein Gerät, eine Frequenz und irgendwo jemand, der zuhört.

Was würde man dann noch machen?

Vermutlich immer noch hinaufgehen. Vermutlich immer noch rufen. Und die Antwort, die dann käme, wäre die interessanteste des ganzen Jahres, weil sie niemandem etwas einbringt außer den zwei Beteiligten.

Genau diese QSOs sind es, an die man sich erinnert. Nicht die vierhundert Einträge im Log, sondern der eine, bei dem jemand gefragt hat, ob der Steig oben noch schneefrei ist. Der OM, der einem geduldig erklärt hat, warum die Antenne nicht abstimmt, obwohl er selbst gerade lieber DX gemacht hätte. Der Anfänger, dem man gesagt hat, dass sein Signal für ein Handfunkgerät erstaunlich gut ankommt, und der deswegen nächste Woche wieder hinaufgeht.

Punkte verfallen. Ranglisten werden zurückgesetzt. Was bleibt, sind Leute, die sich an dich erinnern.

Zehn Sekunden

Es braucht keine neue Regel, keine Ermahnung und schon gar keinen erhobenen Zeigefinger. Jeder soll das Hobby so betreiben, wie es ihm Freude macht, auch verbissen, auch mit Tabelle, auch mit Jahreszielen. Das ist völlig in Ordnung.

Die Bitte ist kleiner. Ein Satz mehr, wenn die Frequenz es zulässt. Eine Frage, die nicht im Log-Formular vorgesehen ist. Ein „danke, das war mein erstes Summit-to-Summit" beantwortet mit mehr als einer Zahl.

Das kostet zehn Sekunden. Und es ist, ziemlich zuverlässig, das Einzige, woran sich der andere in fünf Jahren noch erinnert.

Miteinander statt gegeneinander, auch dann, wenn miteinander nicht in der Wertung steht.

73 de OE8YML


Quellen

Alle Regelzitate stammen aus dem geltenden Regelwerk des SOTA-Programms:

  • Summits on the Air — General Rules, Dokumentreferenz S0.1, Ausgabe 1.21 vom 01.06.2022, freigegeben vom SOTA Management Team. Im Einzelnen: Regel 3.1 (Purpose), Regel 3.7.1 Absatz 14 (Criteria for a valid Expedition), Regel 3.7.2 (Scoring) und Regel 3.7.3 (Code of Conduct).
  • Ergänzend gelten je Land die Association Reference Manuals, für Österreich das ARM der Association OE. Punktestufen, Saisonbonus und Gipfellisten stehen dort, nicht in den General Rules.

Die deutschen Wiedergaben sind sinngemäße Übersetzungen; maßgeblich ist jeweils der englische Originaltext. Wo im Artikel ein Schluss über den Wortlaut hinausgeht, ist er als solcher gekennzeichnet.


Transparenzhinweis

Für diesen Beitrag habe ich KI (Claude, Anthropic) als Schreibhilfe eingesetzt. Inhalt, Auswahl und Haltung sind meine, ebenso die redaktionelle Verantwortung. Das Titelbild wurde mit KI erstellt. Die beschriebenen Situationen sind verallgemeinerte Beobachtungen aus dem Funkbetrieb und beziehen sich auf kein bestimmtes Programm, keine Ortsstelle und keine bestimmte Person. Anmerkungen, Widerspruch und eigene Erfahrungen gerne an [email protected]. Gerade beim Thema Betriebskultur ist Widerspruch das Interessanteste, was mich erreichen kann.

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