SO2R: Single-Operator-Two-Radio für Contester

Ein Contest lebt von der Rate: möglichst viele Verbindungen pro Stunde, möglichst viele Multiplikatoren. Und da gibt es eine unbequeme Wahrheit – während du CQ rufst und auf eine Antwort wartest, passiert auf deinem Band gerade nichts, was dir Punkte bringt. Genau diese Totzeit greift SO2R an: Ein einziger Operator bedient zwei Funkgeräte gleichzeitig und füllt die Lücken auf dem einen Radio mit Betrieb auf dem anderen. Klingt nach Multitasking am Limit – und genau das ist es auch. Dieser Beitrag erklärt, wie SO2R funktioniert, welche Ausbaustufen es gibt, welche Hardware man wirklich braucht, und worauf man beim Stationsschutz achten muss, damit man sich nicht das eigene Empfänger-Frontend zerschießt.

Was ist SO2R?

SO2R steht für Single-Operator-Two-Radio: eine Person, zwei komplette Stationen an zwei getrennten Antennen – meist auf zwei verschiedenen Bändern. Der Grundgedanke ist einfach. Auf dem einen Radio betreibt man Run: Man ruft CQ und arbeitet die Anrufer der Reihe nach ab, im besten Fall eine schnelle Kette an Verbindungen. Auf dem zweiten Radio betreibt man in denselben Sekunden Search & Pounce: Man dreht ein anderes Band ab, sucht seltene Stationen und neue Multiplikatoren und ruft sie gezielt an.

Der Trick liegt im Timing. Immer dann, wenn auf dem Run-Radio gerade nichts Wichtiges zu tun ist – während die eigene Aussendung läuft oder man auf den nächsten Anrufer wartet – hört und tunt man auf dem zweiten Radio. Aus zwei halb genutzten Bändern wird so ein durchgehend produktiver Betrieb. Ganz wichtig und in allen Contest-Reglements gleich: Gesendet werden darf immer nur auf einem Radio gleichzeitig. SO2R verdoppelt nicht die Sendeleistung oder die Signale in der Luft – es verdoppelt nur, wie effizient ein Operator seine Zeit nutzt.

Die Betriebstechnik in der Praxis

Ein typischer Ablauf sieht so aus:

  • Run auf Radio 1 – zum Beispiel CQ auf 20 m, wo gerade viel los ist. Die Software sendet den CQ-Ruf und den Rapport, während man selbst schon woanders hinhört.
  • Search & Pounce auf Radio 2 – während der CQ läuft, dreht man auf 40 m das Band ab und sucht Stationen, die man auf 20 m nicht bekommt.
  • Bandhüpfen – wird der Run auf 20 m zäh, wechselt die Run-Funktion sofort auf ein anderes Band. Das Radio, das eben noch „gesucht" hat, wird zum Run-Radio und umgekehrt.

So elegant das klingt, so anspruchsvoll ist es. Die eigentliche Hürde ist nicht die Technik, sondern der Kopf: Man hört auf beiden Ohren unterschiedliche Bänder (klassisch das eine RX-Signal links, das andere rechts im Kopfhörer), muss ständig entscheiden, wo die nächste Aktion sinnvoller ist, und darf dabei den Faden nicht verlieren. Diese kognitive Last ist der Grund, warum SO2R viel Übung braucht – und warum die meisten Top-Contester klein anfangen und sich langsam steigern.

Die zwingende Voraussetzung dafür ist automatischer Sendebetrieb: Die Software muss CQ-Rufe und Rapporte selbst aussenden. Müsste man jedes Mal selbst ins Mikrofon sprechen oder die Taste drücken, bliebe keine Sekunde, um am zweiten Radio zu tunen – und der ganze Vorteil wäre dahin.

Videos: SO2R sehen und hören

Drei Videos vom Überblick über einen deutschsprachigen Vortrag bis zur Live-Demo:

SO2R Contesting Techniques – Konferenzvortrag der RSGB (Radio Society of Great Britain, Quelle: YouTube)
Contesting: SO2R mit einem Transceiver und 2BSIQ – deutschsprachiger Vortrag von DL2SAX (AFU-Tag München 2020, Quelle: YouTube)
Live-Demo: 2BSIQ mit zwei parallelen Pile-Ups, Operator YV1KK (ARRL SSB Contest 2019 – Kopfhörer empfohlen, Quelle: YouTube)

Die Ausbaustufen: von SO2V bis 2BSIQ

SO2R ist kein Entweder-oder, sondern eine Leiter, die man Stufe für Stufe hochklettern kann:

  • SO1R – ein Radio, ein Band zur Zeit. Der klassische, einfache Contestbetrieb. Hier fängt jeder an.
  • SO2V (Single-Operator-Two-VFO) – nur ein Transceiver, aber einer mit zweitem Empfänger (Sub-RX), wie er in Geräten wie Elecraft K3, Yaesu FTdx101 oder FlexRadio steckt. Man hört auf zwei Frequenzen, sendet aber nur auf einer. In der Logging-Software fühlt sich das fast wie SO2R an – der ideale, günstige Einstieg, weil kein zweites komplettes Radio und kein zweites Antennensystem nötig ist.
  • SO2R – zwei vollwertige Radios an zwei Antennen. Man kann auf zwei Bändern hören und dazwischen die Run-Funktion hin- und herschieben. Sendeleistung immer nur auf einem.
  • 2BSIQ (Two-Band Synchronized Interleaved QSOs) – die Königsklasse. Man ruft auf beiden Bändern quasi gleichzeitig CQ, die Aussendungen werden aber so verschachtelt, dass immer nur ein Band tatsächlich sendet. Der Operator wickelt zwei Run-QSOs ineinander verzahnt ab und erreicht Spitzenraten, die mit einem Radio undenkbar sind. Extrem fordernd, nur mit viel Training beherrschbar.
  • SO3R – drei Radios, der äußerste Rand des Machbaren. Eher Kuriosität und Prestige als Alltag.

Wer wissen will, ob ihm SO2R überhaupt liegt, muss keine zweite Station kaufen: Mit einem Dual-RX-Radio und SO2V kann man die Grundidee – zwei Bänder im Kopf jonglieren – für kleines Geld ausprobieren.

Hardware: die SO2R-Box

Das Herzstück einer SO2R-Station ist ein Umschalter, meist „SO2R-Box" oder „SO2R-Controller" genannt. Er verteilt die Bedienelemente, die man nur einmal hat, automatisch auf das jeweils aktive Radio – gesteuert von der Logging-Software:

  • Kopfhörer-Audio – routet die beiden Empfänger auf die Ohren (getrennt links/rechts oder umschaltbar).
  • Mikrofon und CW-Keyer – schaltet Mic und die Morsetaste (WinKey-basiert) auf das sendende Radio.
  • PTT und PA-Umschaltung – sorgt dafür, dass immer nur das richtige Radio (und die richtige Endstufe) tastet.
  • Fußschalter und Zusatzleitungen – für Bandausgabe, Antennenwahl und Automatik.

Zur Gerätelage 2026 – ehrlich: Viele der klassischen Boxen sind inzwischen abgekündigt, die Preise am Markt schwanken stark. Wer heute einsteigt, orientiert sich am besten an dem, was noch gepflegt oder als Bausatz erhältlich ist:

  • microHAM MK2R+ – lange das Referenzgerät der Spitzencontester, komplette SO2R-Lösung mit eigener Routing-Software. Inzwischen eingestellt; neu praktisch nicht mehr regulär zu bekommen, gebraucht je nach Zustand grob im mittleren dreistelligen Bereich.
  • microHAM u2R (micro2R) – die kompaktere, noch aktuellere Lösung aus demselben Haus, mit integriertem Keyer.
  • YCCC SO2R Box – ein quelloffenes Projekt aus der Contest-Club-Szene (Yankee Clipper Contest Club). Schaltpläne, Firmware und Doku sind frei verfügbar, die Box wird als Löt-Bausatz zum Selbstkostenpreis in Gruppen gebaut. Steckt nahezu alles, was die kommerziellen Boxen können, arbeitet treiberlos über USB – die derzeit attraktivste Selbstbau-Option.
  • Top Ten Devices DX Doubler – ein Klassiker, nicht mehr produziert und nur noch gebraucht zu finden. Historisch günstig, heute Glückssache am Gebrauchtmarkt.

Als Antennen braucht SO2R getrennte Antennen pro Band – idealerweise mit möglichst großem Abstand und guter Entkopplung. Und genau hier beginnt das Thema, das man nicht überspringen darf.

Stationsschutz: bitte nicht das Frontend grillen

Bei SO2R sendet ein Radio mit voller Leistung, während das andere direkt daneben empfängt. Das ist technisch heikel: Ein starkes Sendesignal kann in den empfindlichen Empfängereingang des zweiten Radios einkoppeln und ihn zerstören – oder ihn zumindest so zustopfen, dass Empfang unmöglich wird. Ohne Schutzmaßnahmen ist SO2R deshalb keine gute Idee. Die wichtigsten Bausteine:

  • Bandpassfilter (BPF) pro Radio und Band – halten Oberwellen und Nachbarband-Energie zurück und schützen den mithörenden Empfänger. Anbieter gibt es einige (etwa 4O3A, Dunestar, Designs nach W3NQN).
  • Triplexer und Combiner – erlauben mit hoher Isolation den gleichzeitigen Betrieb mehrerer Bänder an einer einzigen Tribander-Antenne.
  • Koax-Stubs (Viertelwellen-Leitungen) – bringen 20–30 dB zusätzliche Dämpfung auf den Harmonischen und wirken auf Sende- und Empfangsseite; besonders wertvoll gegen Inband-Oberwellen wie 40 m → 20 m.
  • Interlock und Sequencer – verhindern zuverlässig, dass beide Radios gleichzeitig senden. Das ist doppelt wichtig: für die Regelkonformität und als Hardware-Schutz, weil PTT und Endstufen sauber nacheinander schalten.
Ein Interlock-System für Contest-Stationen (Multi-Single, Multi-Two oder SO2R) am Beispiel ED1R (Quelle: YouTube)

Software

Die Logging-Software ist das Gehirn der SO2R-Station – sie steuert beide Radios, entscheidet, welches gerade sendet, und schaltet die Box passend um:

  • N1MM+ Logger – kostenlos und der faktische SO2R-Standard, mit umfangreicher Unterstützung für SO2R, SO2V und 2BSIQ.
  • Win-Test – kommerziell, in der europäischen Contest-Szene weit verbreitet, sehr gute SO2R-Funktionen.
  • WriteLog – langjährig etabliert und SO2R-fähig.
  • DXLog.net – aus der TR-Log/CT-Linie, aktiv gepflegt, mit großer Contest-Bibliothek und SO2R/2BSIQ-Unterstützung.

Wer digital contestet, findet in unserem Überblick zu Online-Logbüchern ergänzende Hinweise zum Logging nach dem Contest; wer in CW-Contests Gas geben will, dem hilft unser Beitrag zum CW-Lernen.

SO2R in Österreich

Contestbetrieb auf hohem Niveau gibt es auch bei uns. Die bekannteste Adresse ist OE3A, die Contest-Clubstation des ÖVSV im Amateurfunkzentrum in Wiener Neudorf. Sie nimmt regelmäßig an großen internationalen Contesten teil und wird von mehreren Operatoren betrieben – ein guter Ort, um Contest-Luft zu schnuppern und die Technik einmal live zu erleben. Ob eine Station dabei als klassisches Single-Op-SO2R oder als Mehr-Operator-Kategorie (Multi-Single, Multi-Two) antritt, hängt vom jeweiligen Contest und der Aufstellung ab – die Grenzen sind fließend, und viele Konzepte (Bandpässe, Interlocks, getrennte Antennen) sind dieselben.

Für den Einstieg gilt: Man muss keine Clubstation sein, um SO2R auszuprobieren. Zwei einfache Transceiver, ein paar Filter und eine kostenlose Software reichen für die ersten Gehversuche – der Rest ist Übung.

Lohnt sich das? SO2R gegen SO1R

Der Unterschied in der Rate ist real, aber er kommt nicht geschenkt:

  • SO1R – ein Radio, einfach zu bedienen, entspannter. Solide Raten, aber in den Lücken passiert nichts.
  • SO2R – zwei Radios, deutlich mehr Verbindungen und Multiplikatoren möglich, dafür hohe Konzentration, mehr Technik und eine spürbare Lernkurve.

Die ehrliche Empfehlung: Anfänger beginnen mit SO1R. Wer Blut geleckt hat, probiert als nächsten Schritt SO2V mit einem Dual-RX-Radio – das kostet fast nichts und lehrt das Wichtigste, nämlich zwei Frequenzen gleichzeitig im Kopf zu behalten. Erst wenn das sitzt, lohnt der Sprung auf echtes SO2R mit zwei Radios. Und 2BSIQ? Das ist das Ziel am Horizont, an dem sich auch erfahrene Contester noch die Zähne ausbeißen – und genau das macht den Reiz aus.

SO2R ist am Ende weniger eine Frage der Ausrüstung als der Übung. Die Box kann man kaufen, die Filter auch – die Fähigkeit, zwei Bänder gleichzeitig zu dirigieren, muss man sich erarbeiten. Aber wer sie einmal beherrscht, hört einen Contest nie wieder mit nur einem Ohr.

73 – eure oeradio.at-Redaktion


Quellen und weiterführende Links


Transparenzhinweis

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die Inhalte wurden von der oeradio.at-Redaktion geprüft und für die österreichische Amateurfunk-Community aufbereitet. Titelbild: Contest-Station DP6T, Foto von Ptolusque, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

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