Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Klara Kurzwelle, OE0KKW, ist Funkamateurin. Das ist eigentlich der ganze Satz. Sie hat die Prüfung mit fast voller Punktzahl bestanden, ihre Duoband-Antenne selbst gebaut und gelötet, seit sie zwölf ist. Sie wollte einfach funken. Was dann passierte, hat mit Funken nichts mehr zu tun.
Der erste Durchgang
Es ist ein Dienstagabend, als Klara zum ersten Mal die PTT drückt. Das Ortsrelais ist seit Jahren praktisch tot. Gelegentlich ein Träger, manchmal ein Rauschen, einmal pro Woche ein „Test, eins, zwei“. Klara sagt: „OE0KKW für einen ersten Durchgang, ist hier jemand QRV?„
Vier Sekunden Stille. Dann bricht die Hölle los.
Eine Frauenstimme. Auf dem Relais. Eine echte Frauenstimme. In den Shacks der Umgebung fallen Lötkolben zu Boden. Drei OMs, die seit Monaten behaupten, keine Zeit zum Funken zu haben, sind innerhalb von neunzig Sekunden QRV. Einer davon aus dem Urlaub. Aus Kroatien. Über EchoLink.
Der Spot
Um 19:47 Uhr erscheint im DX-Cluster ein Spot, der in die Geschichte des Ortsverbands eingehen wird: „OE0KKW 145.6125 YL!!! ECHT!!! KEIN SCHERZ!!!“ Drei Rufzeichen weiter unten fragt jemand: „QSL via Büro?“ Es geht um ein Relais-QSO. Zwölf Kilometer Entfernung.
Innerhalb einer halben Stunde sind siebenundvierzig Stationen auf dem Relais. Siebenundvierzig. Das Relais hatte in den letzten drei Jahren zusammen keine siebenundvierzig Nutzer. OMs, die ihre Geräte verkauft hatten, kaufen sie zurück. Einer steigt auf den Dachboden und repariert eine Antenne, die seit 2019 kaputt ist. Die Reparatur dauert elf Minuten. Sie war nie das Problem.
Das Pile-Up
Was folgt, ist das erste Pile-Up der Relaisgeschichte. Stationen rufen übereinander, dazwischen, durcheinander. Einer ruft „nur das Suffix!„, als wäre es eine DXpedition auf einer unbewohnten Insel. Klara versucht, der Reihe nach abzuarbeiten. Sie macht das souverän, geduldig, mit sauberer Betriebstechnik. Es fällt niemandem auf. Alle sind zu beschäftigt damit, nervös zu sein.
In den Shacks passieren derweil bemerkenswerte Dinge. OMs, deren Modulation seit Jahren klingt wie ein Föhn in der Badewanne, prüfen plötzlich ihren Hub. Einer richtet vor dem Tastendruck sein Hemd. Es ist Funk. Sie kann ihn nicht sehen. Er macht es trotzdem.
Die Expertenberatung
Im dritten QSO erwähnt Klara beiläufig, dass sie ihre Antenne selbst gebaut hat. Eine J-Antenne aus Twinlead, sauber abgestimmt, SWR 1,2. Das löst den zweiten Notfall des Abends aus: akuten Erklärungsbedarf.
Fünf OMs erklären ihr nacheinander ihre eigene Antenne. Einer beginnt bei den Grundlagen: „Eine Antenne, das ist sozusagen der verlängerte Arm des Senders…“ Klara hat das Ding gebaut. Sie hat es vermessen. Sie könnte die Speisepunktimpedanz auswendig hersagen. Sie kommt nicht dazu. Der OM ist noch bei der Wellenausbreitung. Als sie einwirft, dass sie den Balun selbst gewickelt hat, entsteht eine Pause. Dann sagt er: „Ja, aber wer hat Ihnen denn dabei geholfen?„
Das vierte QSO beginnt mit der Frage, die jede Funkamateurin auswendig kennt, bevor sie ihr erstes Logbuch voll hat: „Und das Rufzeichen, ist das vom Gatten?“ Klara antwortet ruhig, dass das Rufzeichen ihr gehört, die Lizenz auch, und der Gatte existiert nicht. Im Hintergrund hört man, wie jemand sehr schnell seine QRZ-Bio aktualisiert.
Die Eingemeindung
Was dann kommt, kennt man sonst nur von seltenen DXCC-Entitäten: die Verwaltung der Sensation. Drei OMs schlagen ein „Eyeball-QSO“ vor, noch diese Woche, ganz unverbindlich, der Stammtisch trifft sich eh am Freitag. Einer bietet an, ihre Antenne zu „überprüfen“. Die Antenne mit SWR 1,2. Einer will ein Foto für die Klubzeitung. Sie hat dreimal gefunkt.
Nach sechs Tagen meldet sich der Vereinsvorstand. Man habe gehört, es gebe jetzt „eine Dame im Verband“, und man wolle ihr, völlig unbürokratisch, der Vorstand ist da ganz modern, das YL-Referat anbieten. Klara fragt, was das YL-Referat macht. Das weiß niemand so genau. Es gab noch nie eines. Es gab ja noch nie eine YL. Hauptsache, sie ist jetzt zuständig. Für sich selbst. Wie Fridolin Seilschaft gelernt hat: Wer eine Funktion hat, ist eingeordnet. Und wer eingeordnet ist, stört nicht mehr.
Auch Diethelm Besserwisser schaltet sich ein. Er korrigiert Klaras Aussage zur Relaisablage. Klaras Aussage war richtig. Diethelms Korrektur ist falsch. Klara korrigiert die Korrektur, freundlich, mit Quellenangabe. Diethelm ist seitdem auffällig still, wenn sie QRV ist. Es ist der größte Beitrag zur Frequenzökonomie seit Jahren.
Der einzige Normale
Es gibt übrigens genau einen OM, der Klara von Anfang an exakt gleich behandelt hat wie alle anderen: Konrad Kurzruf. Im Contest arbeitet er OE0KKW in vier Sekunden ab. „Neunundfünfzig danke QRZ.“ Kein Erstaunen, keine Beratung, keine Frage nach dem Gatten. Für Konrad ist Klara eine Nummer im Log wie jede andere. Es ist die traurigste Pointe dieser Geschichte: Der einzige Mensch, der sie wie einen Funkamateur behandelt, ist der, der niemanden wie einen Menschen behandelt.

Die Lösung
Nach sechs Wochen entdeckt Klara die Telegrafie. Nicht, weil CW romantisch ist. Nicht wegen der Tradition. Sondern wegen einer Eigenschaft, die in keinem Lehrbuch steht: CW hat keine Stimme.
Auf zwanzig Meter ist OE0KKW einfach ein sauberes Signal mit einer guten Handschrift. Niemand hört, dass sie eine Frau ist. Niemand erklärt ihr ihre Antenne. Niemand fragt nach dem Gatten. Sie arbeitet DX, Stück für Stück, ruhig und präzise, und die Gegenstationen geben ihr ein „FB OP“ und einen Schlussgruß, und das war’s. Ein QSO. Einfach nur ein QSO.
Klara sitzt abends an der Taste und ist zum ersten Mal, seit sie die Lizenz hat, genau das, was sie immer sein wollte: kein seltenes DX. Ein Funkamateur unter Funkamateuren. Dafür musste sie nur in eine Betriebsart wechseln, in der man sie nicht erkennt.
Man kann das eine schöne Geschichte finden. Man sollte es nicht.
Hansls Fazit: Es heißt immer, es gebe so wenige Funkamateurinnen, weil sich Frauen für das Hobby halt nicht interessieren. Klara Kurzwelle hat sich interessiert. Sie hat gelernt, gebaut, gelötet, eine Prüfung bestanden und die PTT gedrückt. Und das Hobby hat reagiert wie ein Pile-Up auf eine unbewohnte Insel. Vielleicht liegt es nicht am Interesse. Vielleicht liegt es daran, was passiert, wenn eine Frau auf den Bändern auftaucht. Wer mehr YLs im Amateurfunk will, muss nur eines tun: sie behandeln wie Funkamateure. Nicht wie DXCC-Entitäten. Klara hätte gerne über ihren Balun geredet. Es hat nur keiner gefragt.
Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Relaisrunden sind rein zufällig, aber statistisch wahrscheinlich. Der Autor übernimmt keine Haftung für spontan reparierte Dachbodenantennen, eilig aktualisierte QRZ-Bios oder neu gegründete YL-Referate ohne Aufgabenbeschreibung.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Feedback gerne an [email protected].





