Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Kevin Klickzahl, OE0KKZ, ist Funkamateur. Das steht so in seiner QRZ-Bio. Gleich unter „Content Creator | Ham Radio Enthusiast | Tech Reviewer„. Über dem Rufzeichen prangt ein professionelles Bannerfoto: Kevin vor seinem Shack, Ring Light im Gesicht, Mikrofon auf Schwenkarm, drei Monitore im Hintergrund. Der Transceiver steht auch im Bild. Dekorativ. Seit acht Monaten nicht eingeschaltet.
Kevins YouTube-Kanal heißt „OE0KKZ – Ham Radio & Beyond„. Das „Beyond“ ist wichtig, weil es den Teil abdeckt, der mit Amateurfunk nichts zu tun hat — also ungefähr neunzig Prozent des Contents. Kevin hat siebenundvierzig Subscriber. Drei davon sind seine Mutter, sein Arbeitskollege und ein Bot aus Indonesien. Die anderen vierundvierzig hat er sich über drei Jahre erarbeitet, Video für Video, Thumbnail für Thumbnail.
Das Unboxing-Imperium
Kevins Spezialität sind Unboxing-Videos. Neunzig Minuten für einen Handtransceiver. Neunzig. Minuten. Er filmt den Karton von allen Seiten. Er kommentiert die Verpackungsqualität. Er lobt das beiliegende USB-Kabel. Er liest das Handbuch vor — komplett. Seite eins bis siebenundachtzig. Inklusive der japanischen Sicherheitshinweise. „Leute, das ist mega wichtig, das überspringen die meisten!“ Die meisten überspringen auch Kevins Videos. Durchschnittliche Watchtime: zwei Minuten dreiundzwanzig. Bei neunzig Minuten Laufzeit.
Aber Kevin lässt sich nicht entmutigen. „Qualität braucht Zeit„, sagt er in jedem zweiten Video. Was stimmt: Er braucht sechs Stunden für den Schnitt eines Unboxings. Davon vier Stunden für die Farbkorrektur des Intros. Das Intro ist achtzehn Sekunden lang und zeigt seinen Rufzeichen-Schriftzug mit einer Animation, die er drei Wochen lang in After Effects gebaut hat. Achtzehn Sekunden. Drei Wochen. Das ist Hingabe.
Der Greenscreen-Shack
Kevins Shack ist ein Meisterwerk der Inszenierung. Akustikschaum an den Wänden, LED-Streifen hinter dem Schreibtisch (RGB, natürlich, per App steuerbar), ein Studiomikrofon für dreihundert Euro und eine Kamera, die mehr gekostet hat als sein Transceiver. Der Transceiver selbst steht leicht angewinkelt, damit er im Kamerabild gut rüberkommt. Ergonomisch zum Filmen, nicht zum Funken.
Die Antenne? Ein Drahtdipol im Dachboden. Kevin hat ihn vor zwei Jahren aufgehängt. Seitdem war er einmal kurz auf vierzig Meter, hat „CQ“ gerufen, keine Antwort bekommen und beschlossen, dass die Bänder „gerade total dead“ sind. Das war bei einem SFI von hundertfünfzig. Kevin hat seitdem nicht mehr gefunkt. Aber er hat seitdem dreiundzwanzig Videos über Funken gemacht.
Der Algorithmus-OM
Kevin denkt in Thumbnails. Jedes Erlebnis wird danach bewertet, ob es „Content“ ist. Ein Fieldday? Content. Ein neuer Transceiver im Geschäft? Content. Ein Sonnenuntergang über der Antenne? Content. Ein tatsächliches QSO? Eher nicht — das lässt sich schlecht filmen und bringt keine Klicks.
Sein meistgesehenes Video hat vierhundertzwölf Aufrufe. Es heißt „Meine Katze sitzt auf meinem ICOM“ und zeigt genau das: Eine Katze, die auf einem IC-7300 sitzt. Funktechnik kommt darin nicht vor. Die Katze auch nicht mehr — sie hat sich erschrocken, als Kevin einmal versehentlich den Transceiver eingeschaltet hat. Das Geräusch von CW kannte sie nicht. Kevin auch nicht.
Sein am wenigsten gesehenes Video hat drei Aufrufe. Es heißt „Wie ich mein erstes QSO auf Kurzwelle gemacht habe„. Er hat es nie hochgeladen. Weil er es nie gemacht hat. Der Titel steht seit acht Monaten in seiner Content-Planung unter „Coming Soon„.
Die Ausrüstungsspirale
Kevin kauft Funkgeräte wie andere Leute Kameraequipment: nicht zum Benutzen, sondern zum Besprechen. Er hat vier Handtransceiver, zwei Mobilgeräte und einen KW-Transceiver. Programmiert ist keiner davon korrekt. Aber zu jedem gibt es ein Review auf seinem Kanal. „Ich bin jetzt seit drei Wochen mit dem Gerät unterwegs und kann sagen…“ — er kann sagen, wie es sich anfühlt, wie schwer es ist, wie das Display aussieht und wie die Menüführung funktioniert. Was er nicht sagen kann: wie es funkt. Weil er es nie auf einer Frequenz gehört hat, auf der jemand geantwortet hat. Weil er nie lange genug zugehört hat.
Kevin hat auch einen NanoVNA. Dazu gibt es ein vierzig Minuten langes Video. Er zeigt, wie man ihn kalibriert. Er zeigt, wie man einen SWR-Plot liest. Er zeigt nicht, wie seine eigene Antenne performt, weil er den NanoVNA noch nie an seine Antenne angeschlossen hat. „Das mache ich in einem Follow-up-Video.“ Das Follow-up steht seit vierzehn Monaten in der Planung.
Die Community
Kevin ist in sieben Facebook-Gruppen, vier Discord-Servern und zwei Telegram-Kanälen zum Thema Amateurfunk. Er postet regelmäßig. Bilder von seinem Shack (mit Filter), Screenshots von seinen Video-Analytics („Danke für 50 Views, Leute, ihr seid der Wahnsinn!„) und Umfragen: „Welchen Transceiver soll ich als nächstes reviewen?“ Die Antwort ist immer egal, weil Kevin das Gerät kauft, das gerade im Angebot ist, und das Review macht, das am einfachsten zu filmen ist.
Was Kevin nie postet: Logbuch-Einträge. Weil es keine gibt.
Auf dem letzten Fieldday war Kevin drei Stunden lang da. Er hat eine Stunde gefilmt, eine Stunde geschnitten (vor Ort, auf dem Laptop, mit Kopfhörern) und eine Stunde über seinen Kanal geredet. Gefunkt hat er nicht. „Ich war heute eher in der Beobachterrolle„, sagte er danach. Das Video heißt „FIELDDAY 2026 — EPIC HAM RADIO EVENT 🔥“ und zeigt hauptsächlich Kevin, der in die Kamera spricht, während im Hintergrund Leute funken.
Die Wahrheit hinter dem Greenscreen
Kevin ist kein schlechter Mensch. Er ist auch kein schlechter Funkamateur — er ist eigentlich gar kein Funkamateur. Er ist ein Technik-YouTuber, der zufällig eine Amateurfunklizenz hat. Das Rufzeichen ist für ihn eine Nische. Ein Alleinstellungsmerkmal in einem Meer von Technik-Kanälen. „Ham Radio“ im Titel bringt eine Zielgruppe, die treu ist, die kommentiert, die Geräte kennt. Dass diese Zielgruppe auch tatsächlich funkt, ist für Kevin ein Detail, das er nicht weiter verfolgt hat.
Abends, wenn die Kamera aus ist, das Ring Light dunkel und der Greenscreen zusammengerollt, sitzt Kevin manchmal vor seinem IC-7300. Er dreht am VFO. Er hört Stimmen auf vierzig Meter. Ein CQ aus Brasilien. Ein Pile-Up auf zwanzig. Eine leise Station aus Japan, kaum über dem Rauschen. Kevin hört zu. Und für einen kurzen Moment denkt er: Vielleicht sollte ich einfach mal das Mikrofon nehmen. Nicht das Studiomikrofon. Das andere.
Dann fällt ihm ein, dass er noch den Weißabgleich für morgen einstellen muss. Und der Moment ist vorbei.
Hansls Fazit: Der YouTube-Funkamateur ist das Symptom einer Zeit, in der das Reden über ein Hobby das Hobby selbst ersetzt hat. Es ist nichts falsch daran, Videos über Amateurfunk zu machen — manche sind sogar richtig gut. Aber wenn das Filmen zum Hauptberuf wird und das Funken zum Requisit, hat man die Reihenfolge verwechselt. Das beste Ham-Radio-Video ist immer noch ein QSO. Und dafür braucht man keine Kamera. Nur ein Mikrofon. Das andere.
Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Content Creators sind rein algorithmisch bedingt. Der Autor übernimmt keine Haftung für spontane Kanalumbenennungen, plötzlich eingeschaltete Transceiver oder Katzen, die vom IC-7300 springen.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Feedback gerne an [email protected].





