30 Aktivierungen
(~3000km / ~38 Stunden reine Fahrzeit)
Mein Leben besteht aktuell aus arbeiten und funken. Na gut, im Sommer als Lehrerin nur aus funken. Privatleben habe ich gefühlt keines mehr. Mein Umfeld habe ich schon infiziert mit Funkvokabular und sogar die Oma meiner Tochter fragt nicht mehr "Wie geht's?" sondern "Wo funkst du heute?" und statt "Schöne Ferien" bekomme ich "Gute Funkkontakte". Meine ältere Schwester liebt den Aprs Tracker, damit sie immer checken kann, ob ich noch lebe und ein lieber Nicht-Funker-Freund schreibt schon mal "Turrach meldet 5.9 periodisch! seventythreeee". Derselbe nennt mich auch immer öfter YLSi.
Eigentlich ist mein Motto immer "Warum leicht wenn es schwer auch geht". Jetzt drehen wir den Spieß einmal um. Bis jetzt ging es mir erstrangig um das Wandern - egal wie lang, weit, hoch oder schwer - und zweitrangig um das Funken. Nach circa 50.000 Höhenmetern positiv dieses Jahr in den Beinen, schreien jedoch vor allem meine Knie nach einer Pause. Die Pechsalbe und Beinwellsalbe reichen irgendwie nicht mehr aus, um die Schmerzen in den Griff zu bekommen.
Die perfekte Zeit also, um den geplanten Funk-Roadtrip zu starten. Alles sollte sich um die Aktivierung von drei 4000er Gipfeln in der Schweiz drehen. Dieses Projekt plane ich mit einer französischen Freundin seit Jänner. Der Termin ist für Mitte August angesetzt. 2 Wochen davor sagt der Bergführer die Tour ab, da die Gletscherspalten immer gefährlicher werden. Breithorn, Pollux und Castor ersetzt er durch eine andere 4tägige Tour. Da jedoch kein einziger Sota Summit für mich dabei ist, sage ich ab.
Mein Trip beginnt eigentlich schon am 8.8. mit dem Fieldday 69. An dem Tag fahre ich mit Sack und Pack in Richtung Koralpe, aktiviere den Gr. Speikkogel, den Moschkogel und die Handalm und fahre noch ein Stück weiter zum Fieldday der Steirerer. Leider bekomme ich kein Gesicht zu bekannten Stimmen zu sehen. OE6TNO, Jürgen ist sogar zeitgleich mit mir dort und trotzdem schaffen wir es, uns nicht über den Weg zu laufen. Ich kann auch nicht lange bleiben, da es am selben Tag noch nach Wien weiter geht. 6 Stunden an einem Tag Autofahrt reichen mir für den Anfang. Eine Nacht bleibe ich in Wien und sitze am 9.8. um 7 Uhr schon wieder im Auto.

Tag 1 (9.8.) - Bayrischer Wald
- Brotjacklriegel (DM/BW-012)
- Fürberg (DM/BW-324)
- Eschenberg (DM/BW-271)
- Kronberg (DM/BW-263)
Ich suche mir erst am Vorabend gegen 22 Uhr wahllos ein paar Summits im Bayrischen Wald heraus. Man hat ja die Qual der Wahl da oben und die vielen 10er Gipfelchen sind einfach zu verlockend, um nicht einen Abstecher hinzumachen. Ich nehme mir auf jeden Fall keine Zeit, um eine richtige Tour zu planen. Schwerer Fehler, denn schon am 1. Gipfel (Brotjacklriegel) bekomme ich die Rechnung präsentiert. Ein enormer Störsender vermiest mir gleich meine erste Aktivierung in Deutschland. Das Mic Gain drehe ich auf 90% hoch und höre sogar die stärksten Stationen beim Scannen der Frequenzen extrem leise. DC0RB Wolfgang rettet mich vor dem Totalversagen, und spätestens ab jetzt bin ich sehr dankbar für seine Tipps.
Wie schnell man doch auf einem Berg mit 10 Punkten oben und wieder unten sein kann! Ich bin fasziniert. Die Alert-Zeiten kann ich unterbieten ohne hetzen zu müssen und ich muss nicht einmal wie sonst im Gehen essen.
Gipfel 2 und 3 (Fürberg, Eschenberg) versöhnen mich wieder und ich bin froh, dass sie im Wald sind wo es schattig ist. Mein Highlight-QSO ist mit IN3KSK Paolo, der es aus Bozen mit 10W und einem Rapport von 57 zu mir in den Bayrischen Wald schafft.
Und als ich als Zugabe noch den Kronberg schaffe und entspannt auf der Bank neben dem Gipfelkreuz sitze, ist mein Fazit am Ende des 1. Tages: nur 500 Höhenmeter für 4 Gipfel und keine Schmerzen. Dafür fühle ich mich äußerst doof, die Punkte nicht wirklich verdient zu haben. Mein Nicht-Funker-Freund meint, ich sollte mich schämen, dass ich auf den Maulwurfshügeln da Punkte schnorre. Unrecht hat er ja nicht. Wenn man normalerweise einige Stunden Zustieg gewohnt ist, dann fühlen sie sich nicht nur wie billige sondern wie geschenkte Punkte an. Spätestens am 5. Tag denke ich anders, denn ein Roadtrip mit vielen Aktivierungen, großer Hitze und vielen km Fahrzeit ist durchaus anstrengend.


Tag 2 (10.8.) - Schwäbische Alp
- Römerstein (DM/BW-078)
- Herrenwald (DM/BW-852)
- Burg Hohenzollern (DM/BW-846)
Nach einer Nacht irgendwo im Wald, geht es um 6h30 wieder weiter - etwas mehr als 3 Stunden Fahrt auf der deutschen Autobahn. Sogar ein Smart rauscht mit 150kmh links an mir vorbei. 8 Jahre lang bin ich diese Strecke mehrmals pro Jahr von Frankreich nach Österreich gefahren, als ich mit meiner Tochter im Burgund lebte. 8 Jahre lang sind wir auf der Fahrt kaum von der Autobahn überhaupt abgefahren. Und nach 8 Jahren wieder in Österreich schaffe ich es, endlich wieder in Richtung 2. Zuhause zu fahren und nütze jede Gelegenheit, um endlich die Gegenden abseits der Autobahn etwas zu entdecken. Wieder einmal liebe ich Sotlas dafür.
Auch in der Schwäbischen Alb suche ich nur random ein paar Gipfel heraus, wobei ich als erstes auf die Burg Hohenzollern stoße und den Rest drum herum plane. Am Römerstein bin ich nach 10 Minuten Zustieg allein auf einer Wiese mit Grillplatz und genieße die absolute Ruhe beim Funken. Weiter geht's zum Herrenwald - 5 Minuten Abstieg, 30 Minuten Autofahrt, 20 Minuten Aufstieg, aufbauen und funken mitten im Wald. Die Wolken schauen ein bisschen bedrohlich aus, aber erst am Parkplatz beginnt es leicht zu regnen. Auf der Fahrt zur Burg Hohenzollern sieht es auch recht schwarz über der Burg aus. Egal, wenn ich nicht funken kann, dann mache ich Sightseeing in der Burg.
Gesagt, getan. Parken, Ticket kaufen, 15 Min. hoch gehen. In der Burg werfe ich die EndFed über die Burgmauer und versuche, niemandem im Weg zu sein. Ich werde trotzdem mehrmals auf meine Fischerei angesprochen. Das SWR ist etwas hoch und durch die dicke Burgmauer komme ich auch nicht in alle Richtungen. Nach 3 hart erkämpften QSOs beginnt es wieder zu regnen und ich baue schnell ab. Unter einem Baum zücke ich das Handfunkgerät und rufe gefühlt 100 Mal rein bis endlich 2 Pensionisten Erbarmen mit mir haben und antworten. Dafür sind die Gespräche umso netter und einer gibt mir mit dem Berg Belchen einen Tipp für den nächsten Tag im Schwarzwald.
Bis der Regen vorbei ist, mache ich eine Tour durch alle Stockwerke der Burg und am Parkplatz suche ich Belchen und überlege mir dieses Mal, DM/BW-001, 002 und 003 zu aktivieren. Unter dem Feldberg (001) schlage ich mein Lager auf und muss zu meinem Leidwesen feststellen, dass auch hier wieder ein Sender am Gipfel ist.
Das Auto ist rasch wieder zum Schlafplatz umfunktioniert. Sitze umlegen, Matte aufpumpen, etwas kochen, essen, Zähen putzen, Notizen machen, Ohrstöpsel rein, schlafen. Je einfacher desto besser.







Tag 3 (11.8.) - Schwarzwald
- Feldberg (DM/BW-001)
- Herzogenhorn (DM/BW-002)
- Belchen (DM/BW-003)
- Le Molkenrain (FL/VO-017)
Da ich heute schon Vorort bin, kann ich nach dem Sonnenaufgang und dem Frühstück schon um 8 Uhr am 1. Berg QRV sein. Gemütlich schlenderte ich die 15 Min. Anstieg auf den Gipfel. Schön langsam gewöhne ich mich an diese Luxuszustiege.
Um diese Uhrzeit erwarte ich mir nicht sehr viel und bin erstaunt, dass doch einige der mittlerweile bekannten Stimmen auf 20m QRV sind wie SQ9CWO Jan, SM4VBO Stefan, EA3EVL Pablo, DL9NCI Georg, HB9DIZ Markus (der mich auch über Signal den gesamten Trip über „begleitet“) oder F4WBN Christian (mit einem Standard-Rapport meinerseits von 59). Das freut mich sehr, und als ich dann auch noch mit dem Schweizer Bergfex René HB9NBG ein total nettes und langes QSO auf 2m führen darf, bin ich überhaupt hin und weg. Er empfiehlt mir einige 3000er in der Schweiz, die ich mir für die Rückfahrt aus Frankreich notiere.
Weiter geht's zu 002. Hier ist der Zustieg mit 35 Minuten eine Spur länger und es erwartet mich ein riesiges Gipfelkreuz und eine Bank zum Sitzen und loggen. Das Netz ist nicht immer besonders gut, aber spotten schaffe ich jedes Mal irgendwie.
Auf zu 003, wo mich eine Gondel nach oben bringt und nur noch 15 Minuten Aufstieg übrig bleiben.
In der Gondel nach oben, schaue ich mir an, was der nächste Tag so bringen könnte. Ich wische auf Sotlas weiter in den Westen und suche nach dem Le Grand Ballon im Elsass. Schnell finde ich noch ein paar andere Hügel und tada der nächste Tag ist geplant.
Es ist so eine große Hilfe, wenn man auf Sotlas einen Track vorfindet. Das erspart einem so viel Zeit und ich bin wirklich dankbar dafür. Genau deshalb lade ich auch immer Tracks und Beschreibungen bzw. Fotos hoch wenn noch keine vorhanden sind. Das ist insgesamt gar nicht so wenig Arbeit (zumindest bei meiner Anzahl an Aktivierungen), aber ich hoffe, dass jemand die Tracks dann auch so hilfreich findet wie ich.
Durch die kurzen Gehzeiten sind die 3 Gipfel schneller aktiviert als geplant und weiter geht die Reise Richtung Frankreich. Ich fahre so wenig Autobahn wie möglich und werde extrem sentimental als ich endlich auf französischen Boden bin. Ich kriege mich fast 2 Tage lang nicht mehr ein und kämpfe ständig mit den Tränen - auch beim Funken.
Da ich schon 2 Stunden später am Parkplatz, wo ich schlafen will, ankomme, gehe ich noch einmal los und bin nach 20 Minuten am Molkenrain. Somit aktiviere ich meinen ersten französischen Gipfel. Die Propagation ist nicht besonders gut, aber es werden immerhin 6 QSOs.


Tag 4 (12.8.) - Elsass
- Le Grand Ballon de Guebwiller (FL/VO-001)
- Le Storkenkopf (FL/VO-078)
- Klintzkopf (FL/VO-079)
- Le Lauchenkopf (FL/VO-081)
Jetzt bin ich überhaupt mitten im Zustiegs-Schlaraffenland. Zu jedem der geplanten Gipfel geht man maximal 20 Minuten.
Heute bin ich nach dem 4. Gipfel sogar schon um 14 Uhr 45 wieder beim Auto. Da wären sich ja locker noch zwei Gipfel ausgegangen (hi). Ich bevorzuge einen chilligen Nachmittag inkl. Bad in einem Wildbach und einer Sieste mitten im Wald auf der Picknickdecke. Highlight 1 des Tages: auf der Straße von Gipfel 2 zu 3 werd ich bei 60km/h abwärts von 2 Radfahrern überholt. Highlight 2: vor Gipfel 4 treffe ich auf F4SCQ Laurent, mit dem ich schon die Gipfel davor funke und somit auch gleich zu einem Complete in Frankreich komme, denn er ist mir 2 Mal einen Gipfel voraus. Wir plaudern circa 20 Minuten und ich freue mich, endlich einmal zufällig am Berg einen anderen Funker anzutreffen.



Tag 5 (13.8.) - Elsass
- Rothenbachkopf (FL/VO-080)
- Le Rainkopf (FL/VO-170)
Ich schlafe so gut, dass ich erst um 7h30 aufwache. Der erste Alert ist für 8h30 gesetzt. Da ich das ohnehin nicht mehr schaffe, beeile ich mich erst gar nicht. Das Funken am Fließband geht mir heute selber auf die Nerven, aber jetzt bin ich schon einmal da. 2 Summits mache ich noch im Elsass, dann habe ich genug. Da schaue ich mir lieber an, ob ich in Frankreich irgendwo einen Berg zum Erstaktivieren finde.
Mein 1. Gipfel heute ist wohl ein Hotspot für Paragleiter, denn die fliegen die ganze (Funk)zeit über meinem Kopf herum.
Es ist nur im Schatten aushaltbar und die Almwiesen hier sind komplett braun und extrem trocken.
Wie es Radfahrer und Läufer bei der Mittagshitze auf den Alpenstraßen hier aushalten, ist mir ein Rätsel. Nach fast 3 Stunden aktivieren am Rainkopf in der prallen Sonne wanke ich selber Richtung Auto.
Die Hitze ist brutal, und ich lege mich wieder in denselben Bach wie vom Vortag. Bei 40 Grad auf der Autobahn geht es nach dieser längeren Abkühlpause im Bach in Richtung Burgund weiter.
Nach 4h30 Autofahrt schlafe ich wieder mitten im Wald 10 Minuten vom Ort entfernt, wo ich am nächsten Tag starte. Letztes Highlight: 2 lange, fette Sternschnuppen, die ich aus dem Heckfenster gegen 23 Uhr zu sehen bekomme.





Tag 6 (14.8.) - Parc Naturel du Morvan
- Tureau des Grands Bois (FL/VL-003)
- Haut Folin (FL/VL-001)
- Mont Prenelay (FL/VL-022)
- Mont Beuvray (FL/VL-002)
Den Morvan Nationalpark kenne ich vom Klettern und freue mich sehr auf's Funken. Heute fällt mir ein, dass ich ja eigentlich schlimme Knieschmerzen hatte. Halleluja, die sind jetzt weg! Andererseits ist mittlerweile kein Berg mehr höher als 900m, da wo ich ab jetzt aktiviere, und ich kann seit Beginn des Funktrips mit den Laufschuhen statt den Wanderschuhen funken gehen.
Der Tag beginnt durchaus vielversprechend als mir der lokale Postler eine schöne Wanderung und eine Dame mit aus ihrem Haus heraus einen guten Morgen wünscht. Aber was soll ich sagen - schon wieder ein Sender am Gipfel. Das Funken geht nur schleppend voran und auf 2m höre ich mehrere Stationen, die mich absolut nicht hören können. Was soll's, es beginnt zu regnen und ich packe alles wieder zusammen.
Am Haut Folin kann ich die Antenne überhaupt gleich neben dem Auto aufbauen und am Parkplatz funken. Dafür ist dann am Mont Preneley wieder etwas mehr zu gehen. Hier beginnt der Fluss Yonne und der Wald ist typisch für den Morvan. Eine Mischung aus verzaubert und verwunschen, wo das Moos die Bäume hochwächst und die Gnome und Wichteln jeden Moment hinter einem Baum hervorspringen könnten. Auf 2m habe ich einige Gegenstationen und muss grinsen, denn die plaudern offensichtlich sehr gern und meine QSOs dauern gefühlt ewig. Am Vortag hatte ich die Idee, mir über aprs.fi einige lokale Rufzeichen aufzuschreiben und diese dann über QRZ anzuschreiben mit der Bitte um Weiterleitung, sollte jemand mit mir funken wollen. Obwohl es am letzten Berg Beuvray fast 40 Grad hat, freue ich mich vor allem über diese lokalen Kontakte. Bei jeder Aktivierung meldet sich jemand anderes auf 2m.
Am späten Nachmittag fahre ich noch 1h30 Richtung Charolles. Hier habe ich meine halbe Seele zurückgelassen, als ich 2018 mit meiner Tochter wieder nach Österreich zurückgezogen bin. Ich schlafe bei Freunden und werde natürlich wieder recht nostalgisch. Mein Herz tut aber vor allem weh, weil die normalerweise so schöne grüne Landschaft komplett braun und verbrannt ist.



Tag 7 & 8 (15. + 16.8.) - Charollais, Brionnais
- Grande Roche (FL/VL-105)
- Mont Saint Cyr (FL/VL-030)
- Butte de Suin (FL/VL-039)
- La Mère Boitier (FL/VL-031)
In meiner Naivität glaube ich, 2 Gipfel pro Tag aktivieren zu können und nachmittags/abends noch Freunde zu treffen. Bescheid gegeben habe ich nur 2 Leuten, dass ich in der Gegend bin. Na ja, die News verbreitet sich wohl von selbst, und nach 2 Tagen und einer Affenhitze von 40 Grad, ist mir der Rummel (so lieb er gemeint ist) zu viel und ich flüchte wieder. Zu viele soziale Kontakte sind extrem überfordernd für mich.
Highlight 1 der Aktivierungen im Charollais- Brionnais Gebiet: als ich auf der Butte de Suin bin, kommt F4ELU Roger persönlich vorbei. Von diesem Summit aus habe ich gleich 10 QSOs auf 2m was mich total freut, und ab jetzt dürfte ich auch in der Gegend bekannt sein, denn meine Nachricht wurde offensichtlich über die sozialen Netzwerke verbreitet.
Highlight 2 vom Summit La Mère Boitier ist das S2S auf 2m und 70cm mit dem 212km entfernten HB9HCS Stefan. Der freut sich genauso wie ich darüber.
Jetzt ist aber endgültig genug mit den Bergerln hier. Mein Lieblingsfreund schreibt mir: "Ein 600er und ein 758er an einem Tag - ist das in deinem Alter noch gscheid?"
Na gut, dann muss eben wieder was Gscheits her. Auf Sotlas zoome ich in das Meer voller roter Punkte in den franz. Alpen und suche gezielt nach einem Berg für eine Erstaktivierung. Ziemlich schnell werde ich fündig. Le Grand Coin, 2.730m hoch, 1.200hm, 4 Stunden Zustieg. Klingt doch schon gscheiter als 600m und 758m hoch.
3h15 Auto fahren, auf der Autobahn bei einem brennenden und quer auf der Straße liegenden LKW vorbei fahren, eine kurvenreiche Alpenstraße überwinden, Schlafplatz oberhalb von Saint Jean de Maurienne suchen, Auto umfunktionieren und dem Gewitter aus dem Auto aus zusehen „et bonne nuit“.




Tag 9 (17.8.)
- Le Grand Coin (F/AB-217)
Jetzt heißt es wieder, mehr Höhenmeter, mehr Wasser mitnehmen, mehr Gewand, mehr Gewicht - same old same old. Ich bin den ganzen Vormittag mit me myself and I allein am Berg unterwegs, dafür sehe ich ein Murmeltier, 3 Gämse, einen Steinbock und wie ich zuerst denke einen Adler. Als jedoch aus einem Adler zuerst 3, dann 5 und dann 9 werden, komme ich immer mehr zur Überzeugung, dass es Geier sein müssen. Die sind riesig und echt schön, wie sie da über mir kreisen. Den Gefallen tot umzufallen tue ich ihnen aber nicht. ;)
Das Wetter sollte bis zum Nachmittag halten, aber als es schon vor 10 Uhr richtig schwarz wird, schaue ich noch einmal auf meteoblue. Dammit - jetzt regnet es ab 9 Uhr mit einer Wahrscheinlichkeit von 75%. Ich keuche noch schneller nach oben, und nach den vielen Aktivierungen der letzten Tage, geht zumindest der Antennenaufbau wie im Schlaf. Ich bin um 10h40 QRV, freue mich total auf/über die Erstaktivierung und muss kurz vor 11 schnell wieder abbauen. Es wird so schwarz und der Nebel nimmt mir jegliche Sicht. Kurz versuche ich noch mein Glück auf 2m und sprinte dann auch schon wieder los. Zuerst 900m am Grad fast flach entlang, dann noch ziemlich lang nach unten ohne Schutz, Baum, Felsen oder Unterstand. Hier möchte ich kein Gewitter erwischen. Nach 30 Minuten wird es jedoch wieder etwas heller und ich komme aus dem Nebel raus, der nur noch die Bergspitzen umhüllt. Ein paar Heidelbeeren gehen sich noch aus und erst 100m vor der Ankunft am Parkplatz, beginnt es leicht zu regnen. Ufff! Glück gehabt! Dafür: autsch, meine Knie...
Ich setze mich in das Restaurant am Col du Chaussy, esse etwas und warte bis der Regen sich wieder verzieht. Den Rest des Nachmittags regnet es immer wieder und ich hau mich auf's Ohr im Auto. Vorher suche ich noch eine gute Gehroute auf den nächsten Summit und hoffe auf besseres Wetter für die nächste Erstaktivierung.




Tag 10 (18.8.)
- Le Bellachat (F/AB-196)
Heute steigern wir die Höhenmeter pos. mit 1.370 noch etwas, und auch der Summit ist mit 2.822m höher als gestern. Das heißt, längerer Zustieg und das Wetter muss halten. Bis 12h30 wird dies der absolut schönste und beste Funktag der Tour. Danach wird er eher zu einem Albtraum. Der Aufstieg ist so schön, dass ich gefühlt alle 2 Minuten nach dem Handy greife und ein Foto mache. Die Landschaft ist atemberaubend wild, unberührt und schön, und ich treffe auf hunderte von Schafen, auf mehr als 10 Steinböcke (2 in 10 Meter Entfernung) und auf mehrere Murmeltiere (eines ist nur 5 Meter entfernt). Das Wetter ist traumhaft und ich komme überglücklich am Gipfel an. Die Erstaktivierung klappt, und ich warte zum Schluss extra noch eine halbe Stunde auf IK2LEY Fabio, damit ich mit 50 QOSs QRT machen kann.
Ja und danach werde ich leider dafür bestraft, dass ich den Weg nach unten abkürzen will. Es ist so steil, dass ich im hohen Gras zwei Mal ausrutsche. Dabei verliere ich mein Handy aus der Hosentasche. Als ich es merke, habe ich keine Ahnung mehr, wo genau ich gerutscht bin. Zuerst suche ich kreuz und quer die Route ab. Nach einiger Zeit wandere ich zur Sennerbehausung, die ich beim Aufstieg gesehen habe, um nach einem Handy zu bitten, damit ich mein eigenes vielleicht lokalisieren könnte. Die Sennerin ist super lieb und borgt mir ihr Handy. Da mein Handy jedoch auf lautlos und im Flugzeugmodus ist, lässt sich nur die letzte Position feststellen aber nicht die aktuellste. Das ist viel zu ungenau, und nach 5 Stunden Sucherei und insgesamt mehr als 2.000 gemachten Höhenmetern gebe ich auf. Außerdem soll es hier viele Wölfe geben und ich möchte keinem begegnen, wenn es Nacht wird. Das Handy der Sennerin bringe ich zurück, beginne den Abstieg, begegne noch 2 Jägern, die am Abend nach oben wandern (vielleicht sind sie auf Wölfejagd) und bin erst spät beim Auto.
Gegen 20 Uhr beschließe ich, dass es ohne Handy echt schwer wird, noch ein paar Tage zu fahren und zu funken und fahre mal Richtung Italien los. Zuerst durch den Tunnel de Fréjus, dann in Richtung Turin und Mailand, dann Richtung Venedig. Gegen halb 1 und halb 5 in der Früh lege ich mich jeweils für 1 Stunde hin und bin um 9 Uhr morgen zuhause. Ausruhen kann ich mich wenig, da ich jetzt auf Fotossuche in der Cloud gehen muss und natürlich eine neue SIM Karte etc. brauche. Zu meinem Leidwesen sind alle Fotos der letzten 8 Tage, sprich alle Fotos, die ich in Frankreich gemacht habe nicht synchronisiert. Einige, die ich versendet hatte, bekomme ich über Whatsapp und Signal wieder retour geschickt, aber vor allem um den letzten Tag tut es mir unendlich leid. Ein einziges Foto habe ich IN3JIB Julian direkt beim Loggen geschickt, als eine Nachricht von ihm erscheint: „du bist ja unstoppable“. Ja und so schnell wurde ich stoppable.

Fazit
Die Schweiz, die eigentlich das Ziel dieses Trips gewesen wäre, habe ich jetzt tatsächlich nur umrundet. Dafür habe ich in 10 Tagen unzählige Kilometer zurückgelegt, circa 38 Stunden im Auto verbracht (zusätzlich auch im Auto geschlafen), 30 Summits aktiviert, viele schöne QSOs geloggt und dabei halb Deutschland und Frankreich durchquert inklusive einer spontanen Nachtfahrt quer durch Italien. Aus dem geplanten 4000er-Projekt wurde somit etwas komplett anderes.
Jetzt weiß ich zwar, dass 10-Punkte-Gipfel schnell aktiviert sein können, aber ein Roadtrip mit Hitze, Autofahrten und Aktivierungen im Schnelldurchlauf eindeutig auch an die Substanz geht.
In dieser Form brauche ich so einen Funk-Roadtrip nicht noch einmal. Beim nächsten Mal lieber wieder ein Gebiet auswählen (wie die Abruzzen im Juli), dort länger bleiben, weniger Kilometer fahren und dafür wieder mehr Zeit am Berg verbringen. So verlockend die vielen roten Punkte auf Sotlas im Bayrischen Wald, im Schwarzwald und im Elsass auch waren – die zwei Erstaktivierungen am Le Bellachat und am Le Grand Coin waren definitiv mein Highlight der gesamten Tour.
Und eines ist sicher: der nächste Trip geht in die Schweiz.

73 de Sigrid Magdalena OE1YLS
Dies ist ein Gastbeitrag von Sigrid Magdalena, OE1YLS. Du hast auch eine Geschichte vom Berg oder aus dem Shack? Schreib uns an [email protected]!





