Reverse Beacon Network (RBN): Globales Skimmer-Netzwerk für Bandbeobachtung

Amateurfunk

Ein CQ auf 14025 kHz, keine Antwort — und trotzdem weißt du 30 Sekunden später, dass dich in Finnland jemand mit 22 dB über dem Rauschen gehört hat. Genau das leistet das Reverse Beacon Network: ein weltweites Netz automatischer Empfangsstationen, die mithören, decodieren und melden. Dieser Artikel erklärt, wie das technisch funktioniert, wie ihr es für Antennen- und Ausbreitungstests nutzt — und warum Österreich in diesem Netz eine auffällige Lücke ist.

Beacon rückwärts gedacht

Ein klassisches Bake sendet, und ihr hört zu. Das Reverse Beacon Network (RBN) dreht das um: Ihr sendet, und ein Netz von Empfangsstationen hört zu. Diese Stationen — Skimmer genannt — decodieren automatisch alles, was sie an CW-, RTTY-, FT4- und FT8-Signalen aufnehmen können, und melden jeden erkannten Anruf mit Rufzeichen, Frequenz, Signal-Rausch-Abstand und Zeitstempel an einen zentralen Server.

Der Unterschied zum gewöhnlichen DX-Cluster: Dort spottet ein Mensch, der zufällig zugehört hat. Im RBN spottet Software, die permanent ganze Bandsegmente parallel decodiert. Das Ergebnis ist eine erstaunlich vollständige, minutengenaue Landkarte davon, wer euch hört — nicht davon, wer euch antwortet.

Website: reversebeacon.net

Die Idee entstand im März 2008 aus einem E-Mail-Wechsel zwischen Felipe, PY1NB (Betreiber von DXWatch.com), und Pete Smith, N4ZR. Auslöser war die kurz zuvor erschienene Software CW Skimmer von Alex Shovkoplyas, VE3NEA, die erstmals hunderte CW-Signale gleichzeitig decodieren konnte. Felipe schrieb die erste Aggregator-Software, ab Ende März 2008 wurden Contester und DXer als „Rückwärtsbaken" angeworben — das RBN war geboren.

Wie ein Skimmer arbeitet

Ein Skimmer ist ein breitbandiger SDR-Empfänger plus Decodersoftware. Typisch werden pro Empfangskanal 192 kHz Bandbreite gleichzeitig digitalisiert — also praktisch das gesamte CW-Segment eines Bandes auf einmal. Die Software legt auf jedes erkannte Signal einen eigenen, rund 50 Hz breiten Decoder; laut Hersteller sind so bis zu 700 parallele CW-Decoder möglich.

Die Verarbeitungskette einer Skimmer-Station sieht so aus:

  • SDR-Hardware (Red Pitaya, Airspy, QS1R, Perseus, RX888 …) liefert das I/Q-Signal
  • Skimmer Server (CW) bzw. RTTY Skimmer Server decodiert mehrere Bänder parallel
  • CWSL_Tee + CWSL_DIGI (Alex Ranaldi, W2AXG, Open Source) zapfen denselben Datenstrom für FT4/FT8 an, decodiert wird über WSJT-X
  • Aggregator (Dick Williams, W3OA) sammelt die Spots aller lokalen Skimmer und schickt sie zum RBN-Server

Auf einem einzigen Red Pitaya laufen so rund sieben CW-Bänder — mit einem zweiten Empfänger das Doppelte, zusätzlich zu den FT4/FT8-Kanälen. Wichtig ist eine saubere Zeitsynchronisation per NTP, sonst sind die Spots wertlos.

Wer gerade mithört: die Zahlen

Das RBN ist kein Museumsstück, aber auch kein Massenphänomen. Ein Blick in die Knotenliste am 3. August 2026 (Stationen, die in der letzten Stunde gemeldet haben):

KontinentSkimmer online
Europa98
Nordamerika78
Asien32
Ozeanien8
Afrika6
Südamerika5
gesamt227

Nach Betriebsarten dominiert CW klar: 212 Knoten melden CW, 42 zusätzlich oder ausschließlich FT4/FT8, 14 RTTY, elf weitere laufen als „MIXED". Wer also wissen will, ob sein Signal ankommt, misst faktisch mit einem CW-Netz — auch wenn FT8 zahlenmäßig die meisten Spots erzeugt.

Die Verteilung erklärt auch die Grenzen der Aussagekraft: In Europa und Nordamerika ist die Abdeckung dicht, in Afrika, Südamerika und Ozeanien hängt vieles an einer Handvoll Stationen. Kein Spot aus Südamerika heißt daher nicht zwingend „Band zu", sondern manchmal nur „dort hört gerade niemand automatisch mit".

Funkamateur beim CW-Betrieb an einer Handtaste, daneben Transceiver und Logbuch
Ein CQ genügt: Wer in CW ruft, wird vom RBN automatisch protokolliert — ganz ohne Gegenstation. Foto: NW7US, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

So wirst du gespottet — und so nicht

Ein Skimmer spottet nicht einfach jedes Signal. Damit ein Rufzeichen in die Datenbank wandert, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:

1. Ein Schlüsselwort: Die Software sucht nach CQ oder TEST (in passenden Zusammenhängen auch FD, SS, NA und UP). Ein QSO mitten im Betrieb erzeugt keinen Spot — gespottet werden Anrufe, nicht Verbindungen.

2. Genug Wiederholungen: Der Skimmer wertet ein fortlaufendes Fenster von 256 Zeichen aus und gleicht das Rufzeichen gegen eine Musterdatei ab. Häufige, „bekannte" Rufzeichen brauchen zwei Wiederholungen, seltenere drei, unbekannte vier. Die Wiederholungen müssen nicht in einem einzigen Anruf stecken.

Praktische Konsequenzen für den eigenen Betrieb:

  • Sauberes CW gibt saubere Spots. Verschliffene Zeichen erzeugen „busted calls" — euer Rufzeichen taucht dann verstümmelt auf.
  • Keine halben Zeichenabstände unmittelbar vor oder nach dem Rufzeichen — ein häufiger Grund für Fehldecodierungen.
  • Nicht ständig QSY machen, sonst reißt das 256-Zeichen-Fenster ab, bevor genug Wiederholungen zusammenkommen.
  • Zweimal „CQ CQ DE OE0XYZ OE0XYZ K" ist in der Regel die günstigere Anrufform als ein einzelner langer CQ-Ruf.

Wer CW erst aufbaut, findet in unseren Artikeln CW lernen 2026 und CW-Betrieb in der Praxis den Unterbau — das RBN ist dafür übrigens ein hervorragendes Übungsgerät: Es sagt euch ohne Gegenstation, ob eure Gebeweise maschinenlesbar ist.

Video-Tipp (deutsch): DL2YMR zeigt in „Amateurfunk Praxis — Reverse Beacon Network RBN", wie man die Weboberfläche bedient und die Spots liest.

Was ihr damit wirklich messen könnt

Antennenvergleich. Die stärkste Anwendung: Zwei Antennen kurz hintereinander an denselben Skimmern messen. Weil dieselben Empfänger innerhalb weniger Minuten beide Signale bewerten, sind die dB-Differenzen belastbar — deutlich belastbarer als „der OM in DL sagt, du bist lauter". Das Signal Comparison Tool auf reversebeacon.net macht genau das auch im Vergleich zu anderen Stationen.

Richtdiagramm in der Praxis. Beam drehen, jeweils CQ rufen, Spots nach Skimmer-Standort auswerten: So wird sichtbar, wohin die Antenne wirklich strahlt — inklusive der Nebenkeulen und der Löcher, die die Umgebung ins Diagramm frisst.

Leistungsvergleich. 100 W gegen 10 W ergibt theoretisch 10 dB. Wenn die Skimmer nur 4 dB Unterschied melden, liegt der Verdacht auf Verlusten in der Speiseleitung, auf Mantelwellen oder auf einem hoffnungslos rauschenden Empfänger am anderen Ende nahe.

Ausbreitungsbeobachtung. Die RBN-Analysewerkzeuge zeigen, welche Pfade gerade offen sind — eine hervorragende Ergänzung zur Prognose, etwa wenn ihr Gray-Line-Öffnungen jagt oder modellbasierte Vorhersagen gegen die Realität prüfen wollt. Auf unserer Seite findet ihr dazu die Ausbreitungs- und Cluster-Werkzeuge.

Video-Tipp: N4LQ vergleicht zwei Antennen ausschließlich über RBN-Spots — die Methode zum Nachmachen.

Österreich hat genau einen Skimmer

Und damit zum unbequemen Teil. In der RBN-Knotenliste vom 3. August 2026 findet sich eine einzige österreichische Station:

  • OE6ADD, Locator JN77PA (Steiermark) — CW, 14 Empfangskanäle auf zehn Bändern von 160 m bis 10 m inklusive 60 m, seit rund sechs Jahren im Netz und aktuell online.

Zum Vergleich die Nachbarschaft in derselben Liste: Deutschland 21 Knoten, Slowenien 5, Italien 4, Schweiz 3, Ungarn 2, Tschechien 1, Polen 1. Für ein Land mitten in Europa, mit Alpenlagen und entsprechend interessanten Ausbreitungsverhältnissen nach Süden und Südosten, ist ein einzelner Skimmer dünn.

Das ist kein Vorwurf, sondern eine Einladung: Wer ohnehin einen SDR-Empfänger, eine brauchbare Empfangsantenne und einen Dauerlauf-PC im Shack stehen hat, füllt hier eine echte Lücke — und liefert allen OE-Stationen bessere Vergleichsdaten für ihre eigenen Antennen.

Antennenmast mit Kurzwellen-Beam, VHF-Yagi und Multiband-Vertikal
Ein Skimmer braucht keine Contest-Station — eine ruhige Empfangsantenne und ein Dauerlauf-Rechner genügen. Foto: Sterling Coffey, Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Einen eigenen Skimmer betreiben

Hardware. Klassisch ist der Red Pitaya STEMlab 122.88-16, weil er mehrere Bänder gleichzeitig abdeckt. Es gehen aber auch Airspy, QS1R, Perseus oder ein RX888 — entscheidend sind Bandbreite, Dynamikbereich und ein stabiler Referenztakt.

Software. Skimmer Server für CW, optional RTTY Skimmer Server, für FT4/FT8 die Kombination CWSL_Tee + CWSL_DIGI mit WSJT-X, und in jedem Fall der Aggregator, der die Spots ans RBN liefert. Die Kette läuft unter Windows; CW Skimmer bzw. Skimmer Server sind kommerzielle Software (Registrierung über dxatlas.com), CWSL_DIGI und der Aggregator sind kostenlos.

Antenne. Für einen Skimmer zählt Empfangsruhe mehr als Gewinn. Eine unauffällige Drahtantenne mit gutem Signal-Rausch-Verhältnis ist brauchbarer als ein rauschender Beam neben der PV-Anlage — dazu passt unser Artikel über Empfangsantennen für die Low Bands.

Spots abgreifen. Wer die Rohdaten in sein Logprogramm holen will, nutzt die Telnet-Server: telnet.reversebeacon.net Port 7000 für CW und RTTY, Port 7001 für FT4/FT8. Die Server sind bewusst schlank und filtern nicht — das Filtern übernimmt euer Programm.

Video-Tipp: Bob Wilson, N6TV, erklärt Hardware, Software und Aufbau einer CW- und RTTY-Skimmer-Station im Detail.

Grenzen, Streitpunkte, Fallstricke

Es sind nur Anrufe. Das RBN sieht CQ- und TEST-Rufe. Eine Station, die nur Anrufe beantwortet, taucht nie auf — Abwesenheit von Spots ist kein Beweis für Abwesenheit von Betrieb.

Contest-Kategorie. Nach der Debatte 2008/2009 gilt in praktisch allen großen Contesten: Wer Skimmer- oder RBN-Spots nutzt, startet in einer assisted-Kategorie — genauso wie bei DX-Cluster-Nutzung. Das eigene Signal im RBN nachzusehen ist unkritisch, das gezielte Selbstspotten dagegen je nach Ausschreibung nicht erlaubt. Details dazu in unserem Artikel Conteste für Einsteiger.

Die FT8-Flut. Als das RBN im Juni 2018 einen eigenen Telnet-Stream für FT8 einrichtete, war der Grund schlicht Masse: An zwei Beispieltagen im Mai 2018 entfielen 86 bis 87 Prozent aller Spots auf FT8, 13 bis 14 Prozent auf CW und weniger als ein Prozent auf RTTY. Seither laufen die Ströme getrennt — sonst hätte FT8 die CW-Nutzung praktisch unbrauchbar gemacht.

dB sind relativ. Der gemeldete Signal-Rausch-Abstand hängt von Antenne, Vorverstärker und lokalem Störpegel des jeweiligen Skimmers ab. Vergleiche sind aussagekräftig innerhalb desselben Skimmers über kurze Zeiträume — nicht zwischen zwei verschiedenen Stationen.

Nebenbei: RBN als Forschungsdatensatz

Die RBN-Datenbank ist inzwischen ein wissenschaftlich genutztes Ionosphären-Archiv. HamSCI wertet Spots und teilweise auch mitgeschnittene I/Q-Rohdaten von Skimmer-Stationen aus, um Ausbreitungseffekte bei Sonnenfinsternissen, Flares und geomagnetischen Stürmen zu untersuchen. Jeder Skimmer trägt damit nicht nur zum Contest-Vergnügen bei, sondern auch zu einem der größten dauerhaften Messnetze der Ionosphärenforschung — betrieben von Funkamateuren.

In drei Minuten ausprobiert

  1. Ruf auf einem offenen Band CQ in CW — zwei bis drei Durchgänge, Rufzeichen jeweils doppelt.
  2. Öffne reversebeacon.net/main.php und filtere auf dein Rufzeichen (DX de-Feld).
  3. Notiere Skimmer, Entfernung und SNR. Dann Antenne oder Leistung ändern, Vorgang wiederholen, vergleichen.

Mehr braucht es nicht — und das Ergebnis ist ehrlicher als jedes SWR-Meter.

Quellen

73 – eure oeradio.at-Redaktion


Transparenzhinweis

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die Zahlen zu Skimmer-Knoten stammen aus der live abgerufenen RBN-Knotenliste vom 3. August 2026 und ändern sich laufend. Der Artikel wurde am 3. August 2026 überarbeitet und erweitert; eine frühere Fassung sprach unbestimmt von „mehreren OE-Skimmern" — tatsächlich meldet derzeit genau eine österreichische Station. Die Bilder stammen von Wikimedia Commons, die Urheber und Lizenzen sind bei den jeweiligen Bildern angegeben (Titelbild: Oliver Gottlob, DL1OLi, CC BY-SA 3.0). Fehler gefunden? Schreib uns an [email protected].

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