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Auf den ersten Blick sind die Alpen der natürliche Feind jedes UKW-Funkers: Berge stehen im Weg, schlucken Signale und begrenzen die Reichweite auf Sichtweite. Auf den zweiten Blick aber machen genau diese Berge den Reiz von VHF und UHF im Alpenraum aus. Wer versteht, wie Grate beugen, Flanken reflektieren und Inversionswetterlagen Signale über hunderte Kilometer tragen, holt aus 2 m und 70 cm weit mehr heraus als nur das Ortsrelais. Dieser Beitrag erklärt die wichtigsten Ausbreitungsmechanismen im Gebirge – und wie du sie für dich nutzt.
Knife-Edge-Diffraktion: über den Berg gebeugt

Trifft eine Funkwelle auf einen scharfen Berggrat, wird sie an dieser Kante gebeugt – das ist die Knife-Edge-Diffraktion (Messerschneiden-Beugung). Nach dem Huygensschen Prinzip wird jeder Punkt der Wellenfront zum Ausgangspunkt neuer Wellen, sodass ein Teil der Energie über die Kante hinweg in den „Schatten“ hinter dem Berg gelangt. So entstehen Verbindungen über einen Bergrücken hinweg, obwohl gar keine Sichtverbindung besteht. Je schärfer der Grat im Verhältnis zur Wellenlänge ist, desto sauberer funktioniert das – auf 2 m und 70 cm sind selbst markante Felskanten „scharf“ genug. Die Dämpfung hängt davon ab, wie tief der Empfänger im Schattenbereich liegt (beschrieben über den Fresnel-Parameter): Liegt das Hindernis nur knapp in der Sichtlinie, ist der Verlust gering.
Reflexion und Mehrwege-Fading
Glatte, große Felsflanken wirken für UKW-Wellen wie Spiegel. Ein Signal kann den Empfänger dadurch auf mehreren Wegen erreichen: einmal direkt und einmal über die reflektierende Bergflanke. Weil die reflektierte Welle einen längeren Weg zurücklegt, kommt sie zeitlich verzögert und phasenverschoben an. Je nach Phasenlage verstärken oder löschen sich die Anteile gegenseitig – das ist das typische Mehrwege-Fading, das man im Gebirge oft als langsames An- und Abschwellen der Signalstärke hört. Wer seine Position um wenige Meter verändert oder die Antenne dreht, kann ein eingebrochenes Signal mitunter wieder „herzaubern“. Reflexionen an Bergflanken sind übrigens auch der Grund, warum man im Tal manchmal Stationen hört, die eigentlich „um die Ecke“ liegen.
Höhe gewinnt: Gipfelstandorte und Line-of-Sight

Der mit Abstand größte Hebel ist die freie Sicht. Ein hochgelegener Standort – Alm, Schulter oder Gipfel – hat Line-of-Sight über weite Distanzen, weil die Erdkrümmung und Hindernisse kaum mehr stören. Von Gipfeln jenseits der 2.500 m sind mit 2 m schon mit bescheidener Leistung große Reichweiten drin: im normalen FM-Betrieb meist einige Dutzend bis über hundert Kilometer, bei freier Sicht – vor allem Gipfel-zu-Gipfel und in SSB/CW – gelegentlich auch mehrere hundert Kilometer. Solche Spitzenverbindungen sind die Königsdisziplin. Der Radiohorizont liegt bei VHF/UHF dabei spürbar weiter als der optische Horizont, weil die Atmosphäre die Wellen leicht zur Erde zurückbiegt. Kurz: Jeder Höhenmeter zahlt sich aus – oft mehr als zusätzliche Sendeleistung.
Troposphärische Ausbreitung: Inversion und Ducting
Das spannendste Phänomen spielt sich in den unteren Luftschichten ab. Normalerweise nimmt die Temperatur mit der Höhe ab. Bei einer Temperaturinversion – kalte Luft sammelt sich im Tal, darüber liegt wärmere Luft – kehrt sich das um. An dieser Grenzschicht ändert sich der Brechungsindex der Luft so stark, dass VHF/UHF-Signale nach unten gebogen und zwischen Inversionsschicht und Boden regelrecht eingefangen werden. Dieses Tropo-Ducting wirkt wie ein Wellenleiter: Signale laufen mit geringer Dämpfung über große Distanzen, im Extremfall weit über 800 km. In Alpentälern bilden sich solche Inversionen besonders im Herbst und Winter sowie bei stabilen Hochdrucklagen – die beste Zeit für VHF-DX.
Wie troposphärisches Ducting entsteht und VHF-DX ermöglicht (Video: Rohde & Schwarz, YouTube).
Wichtig zu wissen: Hohe Gebirgszüge können einen Duct auch unterbrechen. Ein Wellenleiter folgt flachem Gelände gut, an einer Bergkette reißt er ab. Deshalb laufen die großen Tropo-Öffnungen im Alpenraum oft entlang der Längstäler und über das Vorland, während die Hauptkämme als Barriere wirken. Wer die Wetterlage liest, kann solche Öffnungen vorhersehen – mehr dazu in unserem Beitrag KI und Ausbreitungsvorhersage: Machine Learning prognostiziert Propagation.
Das österreichische Alpenterrain optimal nutzen
- Hochalpine Standorte suchen: Pässe, Schultern und Gipfel mit freiem Horizont in die gewünschte Richtung schlagen jeden Standort im Tal.
- Längstäler als Wellenleiter: Nord-Süd- bzw. Ost-West-Täler kanalisieren Signale erstaunlich weit – die Talachse bewusst ausnutzen.
- Grate für Knife-Edge nutzen: Steht ein scharfer Grat zwischen dir und der Gegenstation, ziele bewusst über die Kante statt aufzugeben.
- Inversionslagen abpassen: Stabile Hochdrucklagen mit Nebel im Tal und Sonne am Berg sind das klassische Tropo-Signal.
- Antenne drehen und Position variieren: Bei Mehrwege-Fading bringt oft schon ein kleiner Standortwechsel das Signal zurück.
Mit diesen Mitteln sind auf 2 m und 70 cm aus den Alpen heraus – vor allem bei Tropo-Öffnungen – immer wieder Verbindungen über 300 km und mehr drin: kein Hexenwerk, aber eine Frage von Standort, Wetter und Geduld.
Mehr VHF/UHF-DX im Gebirge
Beugung, Reflexion und Tropo sind nur der Anfang. Auf VHF/UHF gibt es weitere DX-Mechanismen, die sich gerade von einem freien Bergstandort aus lohnen: die Streuung an der Atmosphäre (Troposcatter und Rain Scatter), die Reflexion an Meteorspuren (Meteorscatter auf VHF) und das Polarlicht als Reflektor (Aurora-Ausbreitung auf 2 m). Für die ganz schwachen Signale lohnt sich der Blick auf die digitalen Schwachsignal-Modi: FT2 und WSJT-X-Modi: Schwache Signale auf VHF/UHF. Und wer noch höher hinaus will, findet im 23-cm-Band und höher ein dankbares Spielfeld für Gipfelstandorte.
SOTA: Funken vom Gipfel
Die einfachste Art, Alpenpropagation selbst zu erleben, ist eine SOTA-Aktivierung (Summits on the Air). Schon mit Handfunke und einer kleinen Richtantenne sind vom Gipfel aus überraschende Reichweiten möglich. Das folgende Video fasst gut zusammen, welche Geräte und Antennen sich für VHF/UHF-Aktivierungen eignen und worauf es beim Funken vom Berg ankommt.
Geräte, Antennen und Tipps für SOTA-Aktivierungen auf VHF/UHF (Video: WA7JNJ Radio, YouTube).
Fazit
Berge sind für VHF/UHF nicht nur Hindernis, sondern Werkzeug. Knife-Edge-Beugung trägt Signale über Grate, Reflexionen öffnen Umwege, freie Gipfelstandorte schenken Reichweite, und Inversionslagen verwandeln Alpentäler in Wellenleiter für echtes DX. Wer Gelände und Wetter zu lesen lernt, entdeckt im Alpenraum ein VHF-Revier, das spannender ist als jede Flachlandverbindung. Also: rauf auf den Berg, Antenne aufgebaut und ausprobiert.
73 – eure oeradio.at-Redaktion
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