Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Helmut Heulton, OE0HHT, hat exakt zweihundertsiebenundvierzig QSOs geführt, die meisten davon versehentlich, weil jemand auf seine Frequenz kam und er aus Reflex geantwortet hat. Helmut funkt nicht. Helmut überwacht.
Sein Shack — er nennt es „Operationszentrale“ — besteht aus drei Scannern, einem IC-9700, dessen Sendetaste eine eigentümliche Abnutzung an der PTT-Taste aufweist, und einem selbstgebauten 1750-Hertz-Tongenerator, auf den er stolzer ist als auf seine Lizenzurkunde. An der Wand hängt kein Diplom, kein DXCC, keine QSL-Karte. Dafür eine handschriftliche Liste. Zwei Spalten: „Erlaubt“ und „Nicht erlaubt“. Die rechte Spalte ist dreimal so lang wie die linke.
Helmuts Tagesablauf ist strukturiert wie ein Schichtplan. Ab sechs Uhr morgens scannt er die Relais im Umkreis von achtzig Kilometern. Er kennt jede Stimme, jeden Rufrhythmus, jedes Räuspern. Er weiß, dass OE0-Beispiel-Eins um sieben Uhr fünfzehn seinen Kaffee trinkt, weil man das Schlürfen im Hintergrund hört. Er weiß, dass OE0-Beispiel-Zwei donnerstags immer zu lang sendet. Er weiß alles. Er sagt nichts. Er wartet.
Denn Helmut hat ein Prinzip: Wer ihm nicht passt, wird weggepfiffen.
Die Methode ist simpel und seit den Achtzigern unverändert. Sobald ein unerwünschter OM das Relais auftastet, greift Helmut zum Tongenerator. 1750 Hertz, sauber, stabil, perfekt kalibriert. Das Relais geht auf — und wieder zu. Mitten im Satz. Mitten im Ruf. Mitten im CQ. Helmut nennt das „präventive Frequenzhygiene„. Der Rest der Welt nennt es vorsätzliche Störung nach §109 TKG.
Besonders aktiv wird Helmut bei Notfunkübungen. Nicht, weil er Notfunk ablehnt — im Gegenteil, er hat drei laminierte Notfunkpläne im Shack. Aber die Übungen finden auf seinem Relais statt, und die Leute, die da mitmachen, sind nicht auf seiner „Erlaubt“-Liste. Also: 1750 Hertz. Alle dreißig Sekunden. Zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. Die Übungsleitung hat letztes Jahr die Frequenz gewechselt. Helmut hat den Scanner umgestellt und ist mitgezogen. Er nennt das „Qualitätssicherung„.
Wenn man Helmut auf einem Fieldday persönlich trifft — was selten vorkommt, denn er meidet Veranstaltungen, bei denen er Leuten von seiner Liste in die Augen schauen müsste —, ist er höflich, leise, beinahe schüchtern. Er trägt ein verwaschenes ÖVSV-Polo, trinkt Mineralwasser ohne Kohlensäure und steht am Rand. Fragt man ihn nach seinem Rufzeichen, weicht er aus. „Ich bin eher der Zuhörer“, sagt er dann. Und das stimmt ja auch. Er hört zu. Permanent. Nur eben nicht, um zu lernen oder teilzunehmen, sondern um zu richten.
Die tragische Ironie an Helmuts Dasein: Die Relais, die er bewacht, sterben. Nicht an Übernutzung, nicht an Interferenzen, nicht an technischen Problemen. Sie sterben an Stille. Es gibt Repeater in Österreich, auf denen tagelang kein einziges QSO stattfindet. Und wenn dann — endlich — mal jemand ruft, wenn ein Newcomer zaghaft sein erstes CQ auf dem Relais versucht, wenn eine Runde sich verabredet, wenn ein OM nach Jahren wieder aktiv wird, dann sitzt Helmut da. Mit seinem 1750-Hertz-Generator. Und macht die Tür zu.
Helmuts Frau Gerda hat einmal gefragt, warum er nie mit jemandem spricht über Funk. „Mit wem denn?“, hat Helmut geantwortet. „Die, die es wert wären, sind nicht aktiv. Und die, die aktiv sind, sind es nicht wert.“ Gerda hat genickt, weil man nach so vielen Jahren nicht mehr bei jedem Satz nachfragt. Aber sie hat den Kopf geschüttelt, als sie aus dem Shack ging.
Manchmal, spät abends, wenn alle Relais schweigen und nur das Grundrauschen bleibt, tastet Helmut das Relais auf. Nicht mit 1750 Hertz. Ganz normal. Er hört den Roger-Piep. Er wartet. Er sagt nichts. Dann lässt er los. Das Relais fällt ab. Stille. Helmut sitzt im Dunkeln und fragt sich, ob irgendwer gemerkt hat, dass er da war.
Hat niemand.
Die Community hat längst aufgehört, über Helmut zu reden. Am Anfang gab es Diskussionen, Beschwerden beim Fernmeldebüro, einmal sogar einen Peilversuch. Aber Helmut ist vorsichtig. Er sendet nie lange genug für eine brauchbare Peilung. Er verwendet Dummyloads zum Testen. Er wechselt die Standorte. Er hat drei Handfunkgeräte, von denen zwei nie bei einer Amateurfunkveranstaltung gesehen wurden. Helmut ist kein Amateur. Helmut ist Profi. Nur eben im falschen Fach.
Was Helmut nicht versteht — und vielleicht nie verstehen wird: Das Relais gehört nicht ihm. Es gehört der Gemeinschaft. Es wurde von Freiwilligen aufgebaut, von Spendengeldern finanziert, von Sysops gewartet, die an Wochenenden auf Berge steigen, um einen defekten Duplexer zu tauschen. Das Relais ist kein Privatkanal. Es ist eine Einladung. Eine offene Tür. Und Helmut steht davor und schließt sie.
Helmut Heulton gibt es in jedem Bundesland. Manchmal ist es ein einzelner OM, manchmal sind es zwei oder drei, die sich gegenseitig bestätigen. Sie erkennen einander nicht als Störer, sondern als „die Letzten, die noch Standards haben„. Sie haben Recht — allerdings nicht die Standards, die sie meinen.
Hansls Fazit: Die Relais sterben nicht, weil zu viele darauf funken. Sie sterben, weil zu wenige sich trauen — und weil ein paar Gestörte dafür sorgen, dass es so bleibt. Der 1750-Hertz-Ton war einmal eine Erfindung, um Relais zu öffnen. Dass manche ihn benutzen, um sie zu schließen, sagt mehr über den Zustand dieser Menschen als über den Zustand des Amateurfunks.
Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind beabsichtigt, aber juristisch nicht verwertbar. Der Autor übernimmt keine Haftung für spontane Selbsterkenntnis.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Anregungen und Beschwerden — auch von Helmut — gerne an [email protected].





