Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Fridolin Seilschaft, OE0FSS, ist der freundlichste Mensch im Amateurfunk. Klein von Statur, mit schütterem Haar und einem Lächeln, das nie die Augen erreicht. Fragt man irgendwen — im Ortsverband, im Landesverband, im Dachverband, auf dem Fieldday, auf der Hamvention, beim Grillfest, beim Notfunkabend, bei der Weihnachtsfeier —, sagen alle dasselbe: „Der Fridolin? Ein feiner Kerl. Immer hilfsbereit. Immer ein offenes Ohr.“ Und das stimmt. Fridolin hört zu. Fridolin lächelt. Fridolin merkt sich alles. Alles.
Fridolin ist Vorsitzender des Ortsverbands. Und stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands. Und Delegierter im Dachverband. Und Mitglied in zwei Arbeitskreisen, einem Beirat und einer Kommission, deren genaue Aufgabe niemand beschreiben kann, die aber „strategisch wichtig“ ist. Fridolin sammelt Positionen wie andere Leute DXCC-Entities. Nicht aus Eitelkeit — das ist das Perfide daran. Sondern aus Kalkül.
Fridolins Methode ist so elegant, dass die meisten sie nie durchschauen. Er beginnt immer gleich: Er taucht auf. Bei jeder Sitzung, jedem Stammtisch, jedem Event. Pünktlich. Lächelnd. Mit Kuchen. Wer mit Kuchen kommt, kann kein schlechter Mensch sein — das ist ein ungeschriebenes Gesetz in österreichischen Vereinen. Fridolin bringt Topfenstrudel. Selbstgemacht. Die Leute mögen ihn, bevor er den Mund aufmacht. Und wenn er den Mund aufmacht, sagt er genau das, was der jeweilige Gesprächspartner hören will.
Zu den Technikern sagt er: „Ohne euch läuft hier gar nichts, das weiß ich.“ Zu den Contestern: „Ihr seid das Rückgrat des Vereins.“ Zu den Newcomern: „Leute wie du sind unsere Zukunft.“ Zu den alten OMs: „Eure Erfahrung ist unersetzlich.“ Jeder geht aus dem Gespräch mit dem Gefühl, dass Fridolin ihn persönlich schätzt. Dass er der Einzige ist, der ihn wirklich versteht. Was keiner merkt: Fridolin sagt das zu jedem. Und meint es bei niemandem.
Denn Fridolin mag keine Menschen. Das klingt hart, ist aber die Wahrheit, die hinter dem Topfenstrudel liegt. Fridolin hat keine Freunde im Verein. Er hat Ressourcen. Jeder Mensch ist ein Puzzlestück in seinem Organigramm. Der Techniker wartet das Relais — nützlich. Der Contester bringt Prestige — nützlich. Der Newcomer bringt Legitimität bei Förderanträgen — nützlich. Und der alte OM hat Stimmrecht bei der Jahreshauptversammlung — sehr nützlich.
Fridolins Aufstieg war leise und systematisch. Er hat nie kandidiert. Er wurde gebeten. So erzählt er es zumindest. „Die Leute haben mich gefragt, ob ich das machen würde. Ich wollte eigentlich nicht, aber wenn der Verein mich braucht…“ In Wirklichkeit hat Fridolin dafür gesorgt, dass jeder andere mögliche Kandidat entweder abgeschreckt, eingebunden oder diskreditiert wurde, bevor die Wahl überhaupt anstand. Nicht durch offene Konfrontation — Fridolin konfrontiert nie. Sondern durch beiläufige Bemerkungen. „Der Manfred hätte das sicher auch gut gemacht, aber er hat ja privat gerade viel um die Ohren, oder?“ Plötzlich weiß der ganze Verein, dass Manfred „gerade viel um die Ohren hat“ — und niemand weiß, woher die Information kam.
Wer Fridolin widerspricht, erlebt etwas Bemerkenswertes: gar nichts. Es gibt keinen Streit, keine Gegenrede, keinen sichtbaren Konflikt. Fridolin lächelt, nickt, sagt „Da hast du einen interessanten Punkt„, und geht zum nächsten Tagesordnungspunkt über. Drei Monate später stellt der Widersprecher fest, dass er nicht mehr in der WhatsApp-Gruppe für die Relaisplanung ist. Dass seine Mails an den Vorstand nicht mehr beantwortet werden. Dass beim letzten Fieldday „leider kein Platz mehr am Tisch“ war. Fridolin hat nie ein böses Wort gesagt. Er musste nicht. Er hat einfach die Architektur verändert.
Und dann sind da noch die Schergen. Jeder Fridolin hat zwei, drei loyale Gefolgsleute. Nicht Freunde — Komplizen. Das sind die OMs, die Fridolin im richtigen Moment eine Gefälligkeit erwiesen hat: dem einen hat er den Posten im Prüfungsausschuss verschafft, dem anderen ein gutes Wort beim Fernmeldebüro eingelegt, dem dritten die Klubstation überlassen, als er sein Shack umgebaut hat. Sie schulden ihm etwas. Und Fridolin vergisst nie, wer ihm etwas schuldet. Die Schergen machen die Arbeit, die Fridolin nicht selbst machen kann, weil er ja freundlich bleiben muss: Sie tragen die Gerüchte weiter. Sie stimmen bei der Jahreshauptversammlung geschlossen. Sie berichten Fridolin, wer was gesagt hat, wenn er nicht im Raum war. Einer dieser Gefolgsleute ist immer ein braver FUNKTionär — einer, der das Hobby verwaltet, ohne es je auszuüben. Es ist kein Kartell. Es ist eine Seilschaft. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Erstaunliche ist: Die Leute lieben Fridolin dafür. Nicht trotzdem — dafür. Weil er immer da ist. Weil er immer hilft. Weil er sich um alles kümmert. Dass er sich um alles kümmert, damit niemand anderer es tut, sehen die wenigsten. Für die Mehrheit ist Fridolin der nette Obmann, der den Verein zusammenhält. Sie wählen ihn jedes Jahr wieder. Einstimmig. Und Fridolin senkt bescheiden den Blick und sagt: „Wenn ihr meint, dass ich weitermachen soll — für den Verein tue ich alles.“ Und die Leute applaudieren. Jedes Mal.
Fridolins Klubstation ist makellos. Nicht weil er funkt — das tut er selten —, sondern weil die Klubstation sein Thronsaal ist. Hier empfängt er Besucher. Hier zeigt er Gästen aus anderen Verbänden, was „sein“ Verein aufgebaut hat. Die Geräte, die von Mitgliedern gespendet wurden, stehen in einer Vitrine mit einem kleinen Schild: „Ermöglicht durch den Vorstand„. Nicht durch die Spender. Durch den Vorstand. Durch Fridolin.
Nachwuchsarbeit unterstützt Fridolin enthusiastisch — solange der Nachwuchs nicht zu viele Fragen stellt. Er hat einmal einen jungen OM gefördert, ihn in Arbeitskreise eingebunden, ihm Verantwortung gegeben. Als der junge Mann bei einer Sitzung vorschlug, die Vereinsfinanzen transparenter zu gestalten, lobte Fridolin den Vorschlag öffentlich: „Großartige Idee, genau solche Impulse brauchen wir!“ Drei Wochen später war der junge OM nicht mehr im Arbeitskreis. Terminüberschneidung, hieß es. Die neue Sitzungszeit war zufällig genau dann, wenn er arbeiten musste. Zufall. Reiner Zufall.
Fridolins Frau Renate kennt ihren Mann besser als jeder OM im Verein. Sie hat einmal zu einer Freundin gesagt: „Der Fridolin kann nicht kochen, nicht reparieren, nicht singen, und wenn er am Wochenende keine Sitzung hat, weiß er nicht, was er mit sich anfangen soll. Aber eines kann er: Räume betreten und dafür sorgen, dass alle glauben, er sei der Wichtigste darin.“ Renate hat das nicht bewundernd gesagt. Eher resigniert.
Fridolins Lieblingsspruch, wenn jemand einen eigenen Vorschlag einbringt: „Du musst die Geschichte lernen.“ Es klingt weise. Väterlich. In Wirklichkeit heißt es: Halt den Mund, ich war zuerst da. Die „Geschichte“ ist immer seine Geschichte. Die Version, in der er alles aufgebaut hat. Wer die Geschichte nicht kennt, darf nicht mitreden. Und wer sie kennt, widerspricht nicht.
Denn es gibt zwei Fridolin s. Den öffentlichen — strahlend, hilfsbereit, der Topfenstrudel-Onkel, den alle lieben. Und den privaten. Am Telefon, spätabends, wenn niemand mithört, fällt die Maske. Da wird die Stimme scharf. Da wird der freundliche Fridolin gehässig, gemein, fies. Da zieht er über die Leute her, die er am Stammtisch noch umarmt hat. „Der ist doch ein kompletter Versager.“ „Die hat doch keine Ahnung.“ „Ohne mich wären die alle aufgeschmissen.“ Wer einmal eines dieser Telefonate mitgehört hat — und es gibt Leute, die haben —, der sieht den Topfenstrudel danach mit anderen Augen.
Was Fridolin antreibt, ist im Grunde einfach: Er braucht das Gefühl, gebraucht zu werden. Nicht gemocht — gebraucht. Denn gemocht werden ist flüchtig. Gebraucht werden ist Macht. Und Macht gibt Fridolin das, was ihm sonst fehlt: das Gefühl, dass sein Leben eine Struktur hat. Ohne den Verein wäre Fridolin ein freundlicher Herr mittleren Alters mit einem Rufzeichen, das er nie benutzt, und einem Shack, das er nie einschaltet. Mit dem Verein ist er jemand. Und das darf niemand gefährden.
Hansls Fazit: Was Psychologen als Machiavellismus bezeichnen — die Kunst, Menschen als Mittel zum Zweck zu benutzen, ohne dass sie es merken —, hat Fridolin zur Vereinskunst erhoben. Fridolin Seilschaft ist gefährlicher als jeder Schreihals auf der QRG, weil man ihn nicht kommen hört. Er lächelt, er hilft, er bringt Kuchen — und wenn du aufwachst, kontrolliert er alles. Das Problem ist nicht, dass Fridolin ein schlechter Mensch ist. Das Problem ist, dass er ein leerer Mensch ist, der die Leere mit Organigrammen füllt. Vereine sterben selten an offenen Konflikten. Sie sterben an freundlichen Übernahmen. Und der beste Schutz dagegen ist nicht Misstrauen, sondern Transparenz: Offene Wahlen, offene Finanzen, offene Protokolle. Denn das Einzige, was ein Fridolin nicht überlebt, ist Licht.
Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Vereinsfunktionären sind beabsichtigt, aber juristisch nicht verwertbar. Der Autor übernimmt keine Haftung für spontane Selbsterkenntnis — und erst recht nicht für plötzlich ausbleibendem Topfenstrudel bei der nächsten Vereinssitzung.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Feedback gerne an [email protected] — wir antworten auch ohne Topfenstrudel.





