JS8Call: Echtzeit-Messaging über Kurzwelle — Tastatur-zu-Tastatur auf HF

AmateurfunkDigiModes

Wer FT8 kennt, weiß: Der Modus ist fantastisch für schwache Signale, aber echte Gespräche sind damit nicht möglich. Was, wenn man die Robustheit von FT8 mit der Freiheit von Freitext-Nachrichten kombinieren könnte? Genau das ist JS8Call — ein Tastatur-zu-Tastatur-Messaging-System für Kurzwelle, das auch unter widrigsten Bedingungen funktioniert. Während FT8 wie Speed-Dating ist — kurzer Austausch, nächster bitte — ermöglicht JS8Call echte Unterhaltungen über tausende Kilometer.

Was ist JS8Call?

JS8Call ist eine Software für den digitalen Amateurfunk, die Freitext-Nachrichten über Kurzwelle ermöglicht. Entwickelt wurde der Modus ursprünglich von Jordan Sherer (KN4CRD) auf Basis der WSJT-X-Codebasis. Das zugrundeliegende Protokoll heißt JS8 und nutzt dieselbe 8-GFSK-Modulation wie FT8 — aber mit einem entscheidenden Unterschied: Statt fest vorgegebener Nachrichtenformate können Operateure frei formulierten Text senden.

Der Vergleich liegt nahe: FT8 ist wie ein Formular — man kreuzt an und füllt Pflichtfelder aus. JS8Call hingegen ist wie ein Chat-Programm. Man tippt, was man sagen möchte, und die Software überträgt es zeichenweise über die Kurzwelle. Das macht JS8Call zu einem einzigartigen Werkzeug für alle, die mehr wollen als nur Rufzeichen und Signalrapporte austauschen.

Die Technik hinter JS8Call

JS8Call basiert technisch auf der gleichen 8-GFSK-Modulation (Gaussian Frequency Shift Keying mit 8 Tönen), die auch FT8 verwendet. Acht Träger sind im Abstand von 6,25 Hz angeordnet. Im Normal-Modus beträgt die Bandbreite rund 50 Hz — extrem schmal, was eine effiziente Nutzung des Spektrums ermöglicht.

Die Dekodierung funktioniert bis zu einem Signal-Rausch-Verhältnis von -24 dB im Normal-Modus. Das bedeutet: JS8Call-Signale können noch empfangen werden, wenn sie weit unter dem hörbaren Rauschpegel liegen. Die Zeitsynchronisation ist dabei wichtig — die PC-Uhr muss auf etwa ±2 Sekunden genau mit der UTC-Zeit übereinstimmen. Anders als bei FT8 gibt es aber eine eingebaute automatische Zeitsynchronisation, die die Drift korrigieren kann.

Das Protokoll überträgt Nachrichten zeichenweise über aufeinanderfolgende Sendefenster. Je nach gewählter Geschwindigkeit dauert ein Fenster zwischen 6 und 30 Sekunden. Längere Nachrichten werden automatisch auf mehrere Fenster aufgeteilt. Das fühlt sich an wie ein langsamer Chat — man sieht die Nachricht des Gegenübers Stück für Stück erscheinen.

Vier Geschwindigkeitsmodi

JS8Call bietet vier verschiedene Übertragungsgeschwindigkeiten, die je nach Bedingungen gewählt werden können:

  • Slow (Langsam): 30-Sekunden-Fenster, rund 25 Hz Bandbreite, Dekodierung bis -28 dB SNR, etwa 8 WPM. Ideal für extrem schwache Signale und schwierige Bedingungen.
  • Normal: 15-Sekunden-Fenster, rund 50 Hz Bandbreite, Dekodierung bis -24 dB SNR, etwa 16 WPM. Der Standardmodus und die beste Wahl für den Einstieg.
  • Fast (Schnell): 10-Sekunden-Fenster, rund 80 Hz Bandbreite, Dekodierung bis -20 dB SNR, etwa 24 WPM. Für stärkere Signale und flüssigere Konversationen.
  • Turbo: 6-Sekunden-Fenster, rund 160 Hz Bandbreite, Dekodierung bis -18 dB SNR, etwa 40 WPM. Für starke Signale, wenn Geschwindigkeit zählt.

Die Faustregel: Man startet im Normal-Modus und kann bei gutem Signal auf Fast oder Turbo „upgraden". Bei schlechten Bedingungen wechselt man auf Slow. Im QSO vereinbart man den Moduswechsel per Nachricht, bevor man umschaltet.

Netzwerk-Features: Mehr als nur QSOs

Was JS8Call von anderen Digimode-Programmen unterscheidet, sind die eingebauten Netzwerk-Funktionen. Das System ist weit mehr als ein einfaches Chat-Programm:

  • @ALLCALL: Das Äquivalent zu einem CQ-Ruf. Nachrichten an @ALLCALL werden von allen Stationen im Empfangsbereich dekodiert. Ideal, um seine Anwesenheit bekanntzugeben oder allgemeine Informationen zu teilen.
  • @HB (Heartbeat): Automatische Baken, die in regelmäßigen Abständen gesendet werden. Sie zeigen anderen Stationen, dass man aktiv und erreichbar ist. Im Heartbeat werden Rufzeichen und Locator übertragen.
  • @GROUP: Organisierte Gruppenrufe für Netze und Runden. Man kann eigene Gruppen definieren und nur Nachrichten für die eigene Gruppe dekodieren.
  • Directed Messaging: Gezielte Nachrichten an ein bestimmtes Rufzeichen. Das System benachrichtigt den Empfänger optisch und akustisch.
  • Relay/Mesh: Der „>"-Operator ermöglicht die Weiterleitung von Nachrichten über Zwischenstationen. Wenn Station A Station C nicht direkt erreicht, kann sie über Station B relayed werden. Das schafft ein echtes Mesh-Netzwerk auf Kurzwelle.
  • Store-and-Forward: Die Mailbox-Funktion erlaubt das Hinterlegen von Nachrichten für Stationen, die gerade nicht aktiv sind. Der Empfänger kann die Nachricht später mit dem Befehl „QUERY MSGS" abrufen.

APRS- und SOTA-Integration

JS8Call bietet eine direkte Anbindung an zwei populäre Systeme des Amateurfunks:

APRS-IS Gateway (@APRSIS): Über den Befehl @APRSIS GRID kann man seine Position an das APRS-IS-Netzwerk melden — ganz ohne VHF-Equipment oder Internet. Die Position wird über Kurzwelle an eine Gateway-Station gesendet, die sie ins APRS-IS-Netzwerk einspeist. Mit @APRSIS CMD lassen sich sogar rohe APRS-Pakete senden. Besonders für portable Stationen und Outdoor-Aktivitäten ist das ein enormer Vorteil.

SOTA Self-Spotting (@SOTA): Bergfunker können sich direkt über JS8Call auf SOTAwatch spotten, ohne Mobilfunkempfang zu benötigen. Man sendet seine SOTA-Referenz und Frequenz an @SOTA, und eine Gateway-Station übernimmt den Spot. Damit ist JS8Call eine ideale Ergänzung für SOTA-Aktivierer, die in Gebieten ohne Mobilfunknetz unterwegs sind.

Einrichtung und erste Schritte

Die Installation von JS8Call ist unkompliziert. Die aktuelle Version wird vom JS8Call-Improved-Team weiterentwickelt und ist unter js8call-improved.com verfügbar. Die Software gibt es für Windows, macOS und Linux.

Für den Betrieb benötigt man:

  • Einen KW-Transceiver mit Audio-Schnittstelle (USB-Audio bei modernen Geräten oder ein externes Interface wie SignaLink USB)
  • CAT-Steuerung für die Frequenzkontrolle (seriell oder USB)
  • Einen Computer mit Soundkarte und Internetzugang für die Zeitsynchronisation

Nach der Installation trägt man sein Rufzeichen und den Maidenhead-Locator ein, konfiguriert die Audio-Ein- und Ausgänge sowie die CAT-Verbindung zum Transceiver. Das Setup ist nahezu identisch mit WSJT-X — wer FT8 bereits betreibt, hat JS8Call in wenigen Minuten konfiguriert. Die Sendeleistung sollte moderat gewählt werden: 10 bis 20 Watt genügen in den meisten Fällen völlig.

Standard-Frequenzen

JS8Call hat eigene Aufruffrequenzen, die sich von den FT8-Frequenzen unterscheiden. Die wichtigsten:

  • 80 m: 3,578 MHz
  • 40 m: 7,078 MHz — das aktivste Band, besonders abends und nachts in Europa
  • 30 m: 10,130 MHz — durchgehend aktiv, guter Kompromiss zwischen Reichweite und Zuverlässigkeit
  • 20 m: 14,078 MHz — das primäre DX-Band für interkontinentale Verbindungen
  • 17 m: 18,104 MHz
  • 15 m: 21,078 MHz
  • 10 m: 28,078 MHz
  • 6 m: 50,318 MHz
  • 2 m: 144,178 MHz

Für den Einstieg empfiehlt sich 40 m (7,078 MHz) am Abend oder 20 m (14,078 MHz) tagsüber. Dort findet man fast immer aktive Stationen.

QRP und Notfunk

Dank der hervorragenden Schwachsignaleigenschaften ist JS8Call prädestiniert für den QRP-Betrieb. Schon mit 5 Watt lassen sich zuverlässige Verbindungen über hunderte Kilometer herstellen. Mit 20 Watt sind interkontinentale Strecken möglich — bei minimalem Stromverbrauch.

Diese Eigenschaft macht JS8Call besonders interessant für den Notfunk (EMCOMM). Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Freitext: Anders als bei FT8 können tatsächliche Nachrichten übertragen werden — Lageberichte, Koordinaten, Anforderungen.
  • Relay-Fähigkeit: Nachrichten können über Zwischenstationen weitergeleitet werden, wenn keine direkte Verbindung besteht.
  • Store-and-Forward: Nachrichten können für später hinterlegt werden.
  • Geringer Energiebedarf: Betrieb mit Solarpanel und Akku ist problemlos möglich.
  • Kein Internet nötig: JS8Call funktioniert vollständig autonom über Kurzwelle.

Die IARU Region 1 nutzt JS8Call bei Notfunk-Übungen, und viele EMCOMM-Gruppen weltweit setzen den Modus für Übungsszenarien ein. Ein typisches Setup für den Notfunk besteht aus einem Raspberry Pi, einem QRP-Transceiver und einem Solarpanel — kompakt genug für den Rucksack.

Vergleich mit anderen Betriebsarten

Wie ordnet sich JS8Call im Feld der digitalen Modi ein? Ein Überblick:

JS8Call vs. FT8: FT8 ist schneller und hat deutlich mehr Nutzer, aber es sind keine Freitext-Nachrichten möglich. FT8 eignet sich perfekt für schnelle QSOs und DX-Jagd, JS8Call für echte Kommunikation. Beide nutzen die gleiche Modulation, aber mit unterschiedlicher Philosophie.

JS8Call vs. Winlink: Winlink ist ein E-Mail-System über Funk — asynchron, formell, ideal für den Austausch von Formularen und Dokumenten. JS8Call ist Echtzeit-Kommunikation, spontan und direkt. Winlink nutzt VARA oder Pactor als Modulation und benötigt in der Regel mehr Bandbreite und höhere Signalstärken.

JS8Call vs. VarAC: VarAC nutzt das VARA-Modem und bietet höhere Übertragungsraten, Dateitransfer und Bildversand. Dafür benötigt VarAC stärkere Signale und mehr Bandbreite. JS8Call punktet bei Schwachsignalbedingungen und benötigt keine Zeitsynchronisation per Internet oder GPS — ein Vorteil im Off-Grid-Betrieb.

JS8Call vs. APRS: APRS arbeitet primär auf VHF (144,800 MHz in Europa) und nutzt Packet Radio. JS8Call bietet ähnliche Positionsmelde-Funktionen, aber auf Kurzwelle und mit deutlich besserer Reichweite. Für HF-basierte Positionsmeldungen ist JS8Call die erste Wahl.

Die Community und JS8Call-Improved

Die Entwicklung des ursprünglichen JS8Call-Projekts von KN4CRD hatte nach Version 2.2.0 eine längere Pause eingelegt. Ein engagiertes Entwicklerteam — darunter W6BAZ, K0OG und AC9KH — hat das Projekt unter dem Namen JS8Call-Improved weitergeführt. Der alte Fortran-Code wurde nach C++ portiert, die Software auf Qt6 aktualisiert, und zahlreiche Verbesserungen eingebaut. Jordan Sherer ist mittlerweile selbst Teil des JS8Call-Improved-Teams und hat darum gebeten, die Software wieder unter dem ursprünglichen Namen JS8Call zu veröffentlichen.

Die Community organisiert sich über die groups.io-Mailingliste, wo Diskussionen, Tipps und Ankündigungen geteilt werden. Ein besonderes Highlight ist die monatliche JS8 QSO Party, die am zweiten Samstag jedes Monats stattfindet. Dieser ganztägige Event hat jeden Monat ein eigenes Thema und ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, den Modus kennenzulernen. Die Atmosphäre ist freundlich und geduldig — perfekt für Einsteiger.

JS8Call zeigt eindrucksvoll, dass digitale Betriebsarten und echte Kommunikation kein Widerspruch sein müssen. Wer mehr will als nur Rufzeichen tauschen und die Faszination von Tastatur-zu-Tastatur-Verbindungen über tausende Kilometer erleben möchte, sollte JS8Call eine Chance geben. Die Einstiegshürde ist niedrig, die Möglichkeiten sind groß — und die Community freut sich über jede neue Station im Netz.

73 – eure oeradio.at-Redaktion


Transparenzhinweis

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die Redaktion hat alle Inhalte überprüft und redaktionell bearbeitet. Trotz sorgfältiger Prüfung können vereinzelt Ungenauigkeiten enthalten sein — wir freuen uns über Hinweise per E-Mail an [email protected].

Wie findest du diesen Artikel?
Es werden keine Cookies gesetzt. Gespeichert wird nur deine Bewertung, optionales Feedback und ein anonymisierter IP-Hash (Schutz vor Mehrfachbewertung). Datenschutz

RSS-Feed

Bleib immer auf dem Laufenden!

Keine News mehr verpassen – abonniere unseren RSS-Feed

„Wire and will, we’re breaking through –Share · Connect · Create!“

Du baust Antennen, aktivierst Gipfel, experimentierst mit SDR oder hackst Meshtastic-Nodes? OERadio.at ist deine Plattform. Teile dein Wissen – als Artikel, Bauanleitung, Fieldreport oder Technik-Tipp. Egal ob erfahrene YL oder erfahrener OM, frisch lizenziert oder alter Hase: Deine Erfahrung zählt.