Eine Störsender-Satire von Hansl Hohlleiter
Es war ein ganz normaler Samstagnachmittag auf 40 Meter. Die Sonne schien, die Bänder waren offen, und Markus, OE0MGL, rief CQ. Nicht zu laut, nicht zu leise, sauberes SSB auf 7.130. Ein Bilderbuch-CQ, wie man es in der Prüfung lernt: Rufzeichen, Frequenz, kurz und knapp. Markus war kein Anfänger — Klasse 1, seit acht Jahren lizenziert, Locator JN77DS, und er hatte sich gerade ein schönes Steak auf den Grill gelegt, als es aus dem Lautsprecher kam.
„Hier ist OE0KGN, Otto Echo Null Kilo Golf November, zurück an die rufende Station.“
Karl Grantner, OE0KGN. Markus kannte das Rufzeichen nicht, aber die Stimme klang nach einem Mann, der schon auf Kurzwelle gefunkt hat, als die Röhren noch im Transceiver glühten. Eine tiefe, leicht kratzige Stimme. Eine Stimme, die Autorität ausstrahlte — oder zumindest das Gefühl, Autorität ausstrahlen zu müssen.
Es begann harmlos. Name, QTH, Rapport. Karl saß in der Nähe von Linz, hatte einen Dipol im Garten und war mit seinem Signal solide 5-7. Markus gab 5-8 zurück, bedankte sich für den Anruf, alles nach Protokoll. Nettes QSO, dachte Markus, und drehte das Steak um.
Dann fragte Karl: „Sag, welche Antennenausrichtung hast du?„
„Ost-West“, antwortete Markus. „Ist ein Dipol, hängt zwischen zwei Bäumen.“
Karl brummte zufrieden. Das war eine Antwort, die er verstand. Ost-West. Zwei Bäume. Ein Dipol. So gehört sich das.
„Und wo genau sitzt du?„, fragte Karl weiter.
„Mein Locator ist Juliet November Sieben Sieben Delta Sierra“, sagte Markus, weil er es gewohnt war, den Maidenhead-Locator zu nennen, wenn jemand nach dem Standort fragt. Das macht man so. Seit 1980. Seit über vierzig Jahren. Es ist kein Geheimcode, kein Hexenwerk, keine Quantenphysik. Es sind sechs Zeichen, die einen Standort beschreiben. Jeder Amateurfunker lernt das in der Ausbildung.
Jeder — außer Karl.
Es folgte eine Pause. Nicht die gemütliche Pause, wenn jemand kurz nachdenkt. Sondern die Pause, die entsteht, wenn ein Mann tief Luft holt, bevor er eine Rede hält, die er eigentlich schon seit Jahrzehnten halten will.
„Juliet November SIEBEN SIEBEN was?„, kam es aus dem Lautsprecher, und Markus konnte hören, wie Karl sich aufrichtete. „Was soll das sein? Kannst du nicht einfach sagen, wo du wohnst? Wie ein normaler Mensch?„
Markus versuchte zu erklären. „Das ist der Maidenhead-Locator, Karl. Das ist ein standardisiertes —“
Aber Karl hatte nicht vor zuzuhören. Karl hatte vor zu senden.
„Maidenhead!„, wiederholte Karl, als hätte Markus gerade ein Schimpfwort benutzt. „Was ist das jetzt wieder für ein neumodischer Blödsinn? Früher hat man gesagt: Ich bin in Hartberg. Oder: Ich bin zwanzig Kilometer südlich von Graz. Das hat jeder verstanden. JEDER. Und jetzt kommen die jungen Leute daher mit ihren Buchstaben und Zahlen und Codes und tun so, als wäre Amateurfunk eine Geheimwissenschaft!„
Markus drückte die PTT nicht. Es hatte keinen Sinn.
Karl war jetzt in seinem Element. Karl war im Monolog-Modus. Und wenn Karl im Monolog-Modus ist, dann kann man aufstehen, sich einen Kaffee holen, das Steak fertig grillen, den Rasen mähen und zurückkommen — Karl redet noch immer.
„Ich funke seit fünfunddreißig Jahren„, fuhr Karl fort, und das stimmte wahrscheinlich sogar, „und ich habe NOCH NIE so einen Unsinn gebraucht. Wenn mich einer fragt, wo ich bin, dann sage ich: Linz. Oberösterreich. Fertig. Was brauche ich da einen Locator? Wer hat sich das ausgedacht? Wahrscheinlich wieder irgend so ein Bürohengst bei der IARU, der selbst noch nie ein Mikrofon in der Hand hatte!„
Karl machte eine kurze Atempause — nicht weil er fertig war, sondern weil auch ein Mann mit fünfunddreißig Jahren Sendeerfahrung irgendwann Luft braucht.
„Und dann wundern sich alle, warum keiner mehr auf Kurzwelle geht! Weil man sich erst einen Universitätsabschluss holen muss, bevor man ein QSO führen darf! Locator! Maidenhead! Grid Square! Was kommt als Nächstes — GPS-Koordinaten auf achtzehn Nachkommastellen? Soll ich auch noch meine Blutgruppe durchgeben?„
Markus schaute auf die Uhr. Karl redete jetzt seit knapp zwei Minuten. Ununterbrochen. Ohne Punkt und Komma. Das Steak war inzwischen durch. Die Sonne war hinter einer Wolke verschwunden. Irgendwo auf der Frequenz hatte bestimmt jemand anderer auch zugehört und leise das VFO weitergedreht.
„Das ist das Problem mit den Jungen heute„, schloss Karl sein Referat, und man konnte hören, dass er glaubte, etwas Wichtiges gesagt zu haben. „Alles muss kompliziert sein. Alles muss modern sein. Dabei war Amateurfunk immer einfach: Mikrofon auf, Mund auf, fertig. Aber nein, heute braucht man Apps und Locator und Computer und Internet. Das ist doch kein Funk mehr, das ist — das ist — Informatik!“ Er spuckte das Wort aus wie eine verdorbene Olive.
Markus wartete drei Sekunden, um sicherzugehen, dass Karl wirklich fertig war. Dann drückte er die PTT.
„Danke für das QSO, Karl, und danke für deine Meinung. Ich bin übrigens in Hartberg. Steiermark. Und der Locator, den ich genannt habe — den gibt es seit 1980. Aber egal. 73 und schönes Wochenende.“
Markus legte das Mikrofon hin, nahm das Steak vom Grill und schüttelte den Kopf. Es gibt so viele Experten auf den QRGs.
Karl hingegen war zufrieden. Er hatte es dem Jungen gezeigt. Er hatte gesagt, was gesagt werden musste. Er lehnte sich zurück, trank einen Schluck Bier und drehte am VFO. Vielleicht findet sich noch ein QSO-Partner. Einer, der normal redet. Einer, der einfach sagt, wo er wohnt.
Einer, der ihm Recht gibt.
Hansls Fazit: Karl Grantner hat fünfunddreißig Jahre Erfahrung im Amateurfunk. Fünfunddreißig Jahre, in denen er es erfolgreich vermieden hat, irgendetwas Neues zu lernen. Der Maidenhead-Locator ist älter als die meisten seiner Enkel, aber für Karl ist alles neumodisch, was er nicht kennt — und er kennt erstaunlich wenig. Die wahre Ironie? Hätte er zwei Minuten lang zugehört statt zwei Minuten lang gesendet, hätte er vielleicht etwas gelernt. Aber das ist das Schöne am Kurzwellenfunk: Die PTT-Taste funktioniert auch ohne Inhalt.
Alle Personen und Rufzeichen in diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Funkamateuren sind beabsichtigt, aber juristisch nicht verwertbar. Der Autor übernimmt keine Haftung für spontane Selbsterkenntnis.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung und inhaltliche Prüfung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Feedback — auch von Karl — gerne an [email protected].





