FT8 für Einsteiger: Der digitale Betriebsmodus, der die Kurzwelle revolutioniert hat

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Wer in den letzten Jahren das 20-Meter-Band beobachtet hat, kennt das Phänomen: Zwischen 14.074 und 14.076 MHz herrscht rund um die Uhr Betrieb — nicht in Morsezeichen, nicht in Sprache, sondern in kurzen, computergenerierten Signalbursts. Das ist FT8, und dieser Betriebsmodus hat den Amateurfunk grundlegend verändert.

Was ist FT8?

FT8 steht für „Franke-Taylor 8-FSK“ und wurde 2017 von Joe Taylor (K1JT) und Steve Franke (K9AN) entwickelt. Taylor ist Nobelpreisträger für Physik — seine Leidenschaft für schwache Signale hat zu einer ganzen Familie digitaler Betriebsmoden geführt, darunter JT65, JT9 und eben FT8.

Das Besondere an FT8: Der Modus arbeitet mit extrem schwachen Signalen, die weit unter der Hörschwelle liegen. Wo ein SSB-QSO mindestens ein S3-Signal braucht, kommt FT8 noch mit Signalen zurecht, die 20 dB unter dem Rauschen liegen. Damit werden Verbindungen möglich, die mit herkömmlichen Betriebsarten schlicht undenkbar wären.

In diesem Video erklärt Professor Joe Taylor (K1JT) persönlich die Entstehung und Funktionsweise von FT8:

Professor Joe Taylor K1JT über FT8 und WSJT-X

Wie funktioniert FT8 technisch?

FT8 nutzt 8-Ton-Frequenzumtastung (8-FSK) und überträgt Nachrichten in exakt 12,6 Sekunden langen Zeitfenstern. Jede Nachricht enthält maximal 77 Bit nutzbare Information — das reicht für Rufzeichen, Rapport und Locator, aber nicht mehr. Ein komplettes QSO dauert typischerweise 75 Sekunden und läuft nach einem festen Protokoll ab:

  1. Station A ruft CQ mit Rufzeichen und Locator
  2. Station B antwortet mit beiden Rufzeichen und Signalrapport
  3. Station A bestätigt mit Rapport
  4. Station B sendet RR73 (Roger, 73)
  5. Station A bestätigt mit 73

Die Physik hinter den 77 Bit

Die 77 Bit Nutzlast werden mit einem Low-Density Parity-Check (LDPC) Code auf 174 Kanalsymbole erweitert — ein Fehlerkorrekturverfahren, das auch in 5G-Mobilfunk und WiFi 6 eingesetzt wird. Diese 174 Symbole werden als 79 Töne mit je 6,25 Hz Bandbreite übertragen. Die gesamte Signalbandbreite beträgt nur 50 Hz — weshalb auf einem einzigen kHz Bandbreite bis zu 20 FT8-Signale gleichzeitig Platz finden.

Die Empfindlichkeit liegt bei -21 dB Signal-Rausch-Verhältnis in 2500 Hz Bandbreite. Zum Vergleich: SSB benötigt etwa +3 dB, CW etwa -15 dB. FT8 hört also Signale, die selbst ein geübtes CW-Ohr nicht mehr wahrnehmen würde.

Zeitsynchronisation: Warum jede Sekunde zählt

Die Zeitsynchronisation ist entscheidend: Die PC-Uhr muss auf ±1 Sekunde genau gehen. Dafür gibt es NTP-Dienste oder GPS-Synchronisation. Stimmt die Zeit nicht, findet keine Dekodierung statt. Die 15-Sekunden-Zeitfenster beginnen exakt bei :00, :15, :30 und :45 jeder Minute — „gerade“ Perioden (0, 30) und „ungerade“ (15, 45) wechseln sich ab. Station A sendet in geraden, Station B in ungeraden Perioden.

Unter Windows funktioniert die eingebaute Zeitsynchronisation oft nicht genau genug. Programme wie „Meinberg NTP“ oder „Dimension 4″ helfen. Unter Linux genügt in der Regel systemd-timesyncd oder chrony.

FT8-Frequenzen: Wo wird gearbeitet?

Die FT8-Frequenzen sind standardisiert und in WSJT-X vorprogrammiert:

BandFrequenz (MHz)Typische Nutzung
160 m1.840Nachts, regional bis interkontinental
80 m3.573Abends/nachts, europaweit
60 m5.357Nur in manchen Ländern freigegeben
40 m7.074Abends/nachts, interkontinental
30 m10.13624h, gute DX-Bedingungen
20 m14.074Tagsüber, DX-Band Nr. 1
17 m18.100WARC-Band, weniger Betrieb
15 m21.074Bei guten Bedingungen, DX
12 m24.915WARC-Band, sporadisch
10 m28.074Sporadic-E, F2-Ausbreitung
6 m50.313Sporadic-E Saison (Mai–August)
2 m144.174Tropo, MS, EME

Was brauche ich für den Einstieg?

Die gute Nachricht: Der Einstieg in FT8 ist weder teuer noch kompliziert. Man benötigt:

  • Einen KW-Transceiver — jedes gängige Gerät von Yaesu, Icom, Kenwood oder Elecraft eignet sich. Schon 5 Watt reichen für beeindruckende Ergebnisse.
  • Ein Audio-Interface — verbindet den Transceiver mit dem Computer. Beliebt sind SignaLink USB, Digirig Mobile oder die eingebaute USB-Soundkarte vieler moderner Transceiver (Icom IC-7300, Yaesu FT-991A etc.).
  • Einen Computer — Windows, macOS oder Linux, alles funktioniert. Selbst ein Raspberry Pi 4 reicht.
  • WSJT-X — die freie Software von K1JT, die alle FT8-Funktionen enthält. Download unter wsjt.sourceforge.io.
  • Eine Antenne — selbst ein einfacher Drahtdipol liefert erstaunliche Ergebnisse. FT8 ist extrem effizient.

WSJT-X einrichten: Schritt für Schritt

Dieses Video zeigt eine komplette WSJT-X-Einrichtung für Einsteiger:

FT8 für Einsteiger: WSJT-X einrichten und erste QSOs (VK7HH)

Nach der Installation von WSJT-X sind einige Einstellungen nötig:

1. Rufzeichen und Locator eingeben: Unter „File → Settings → General“ das eigene Rufzeichen und den Maidenhead-Locator eintragen. Den Locator findet man über diverse Online-Rechner oder Apps.

2. Audio-Einstellungen: Unter „Audio“ die Soundkarte bzw. das Interface auswählen — jeweils für Eingang (vom Transceiver) und Ausgang (zum Transceiver). Bei modernen Transceivern mit USB-Audio (z.B. IC-7300) erscheint das Gerät direkt als Soundkarte.

3. CAT-Steuerung: Unter „Radio“ den Transceiver-Typ auswählen und die serielle Schnittstelle konfigurieren. Damit kann WSJT-X die Frequenz steuern und zwischen Senden und Empfangen umschalten (PTT).

4. Frequenzen: WSJT-X kennt die Standard-FT8-Frequenzen bereits. Einfach den gewünschten Band-Button klicken.

5. Sendeleistung einstellen: Den „Pwr“-Regler in WSJT-X so justieren, dass die ALC-Anzeige am Transceiver gerade eben ausschlägt — nicht am Anschlag! Übersteuerung erzeugt Splatter und Intermodulationsprodukte, die andere Stationen stören.

Der erste CQ-Ruf

Zunächst sollte man einige Minuten nur zuhören und beobachten, wie das Wasserfalldiagramm aussieht. Die dekodierten Nachrichten erscheinen im Hauptfenster. Wenn man sieht, dass Stationen erfolgreich dekodiert werden, kann man den ersten eigenen CQ-Ruf starten.

Wichtig dabei: Die Sendeleistung sollte moderat sein. FT8 mit 100 Watt zu senden ist in den meisten Fällen massiver Overkill. 20-30 Watt reichen für weltweite Verbindungen, 5 Watt oft schon für innereuropäische Kontakte.

Wasserfall lesen lernen

Das Wasserfalldiagramm (Wide Graph) ist das Herzstück von WSJT-X. Jedes FT8-Signal erscheint als schmaler, leuchtender Strich. Die Breite eines Signals beträgt nur 50 Hz — deutlich schmaler als ein CW-Signal. Auf dem Wasserfall erkennt man sofort:

  • Starke Signale — helle, kräftige Farben
  • Schwache Signale — kaum sichtbar, werden trotzdem dekodiert
  • Übersteuerung — breite, ausgefranste Signale (= zu viel Leistung oder ALC)
  • Störungen — horizontale Linien (QRM) oder breitbandiges Rauschen

FT8 und Logbuchführung

WSJT-X hat eine eingebaute Logfunktion und kann QSOs direkt an Logbuchprogramme wie Log4OM, DXKeeper oder Wavelog weitergeben. Auch ein direkter Upload zu LoTW (Logbook of The World), eQSL oder ClubLog ist möglich. Für Diplomjäger ist das besonders praktisch: FT8-QSOs zählen für DXCC, WAZ und die meisten anderen Diplome.

PSK Reporter: Die Landkarte deiner Signale

Ein faszinierendes Werkzeug für FT8-Nutzer ist PSK Reporter. Dort kann man in Echtzeit sehen, wo auf der Welt das eigene Signal empfangen wird. Schon mit 5 Watt und einem Drahtdipol sieht man oft Empfangsberichte aus Südamerika, Japan oder Australien. Das ist nicht nur beeindruckend, sondern auch ein hervorragendes Werkzeug für Antennenvergleiche und Ausbreitungsstudien.

PSK Reporter sammelt automatisch Daten von allen WSJT-X-Stationen weltweit, die die Funktion „PSK Reporter Spotting“ aktiviert haben (standardmäßig an). Man braucht nichts weiter zu tun — die eigenen Empfangsberichte fließen automatisch ein.

FT8 mit QRP: 5 Watt um die Welt

FT8 entfaltet sein volles Potenzial mit QRP — niedrigen Sendeleistungen. Mit nur 5 Watt und einem einfachen Dipol sind interkontinentale Verbindungen an der Tagesordnung. Das macht FT8 ideal für:

  • Portabelbetrieb — kleines Rig, Akku, Laptop, Drahtantenne — mehr braucht es nicht
  • SOTA/POTA-Aktivierungen — FT8 liefert mit minimalem Aufwand vier QSOs für die Aktivierung
  • Balkonbetrieb — wo eine große Antenne nicht möglich ist, kompensiert FT8 den Antennengewinn durch Signalverarbeitung
  • Antennenexperimente — über PSK Reporter lassen sich verschiedene Antennen direkt vergleichen

Für den ultimativen Guide, wie eine komplette FT8-Session aussieht — vom Setup bis zum fertigen QSO — empfehlen wir dieses ausführliche Tutorial:

The Ultimate Beginners Guide to FT8 (2024)

FT2: Der schnelle Bruder von FT8

Wer FT8 kennt, sollte auch FT2 kennen — den schnellen Bruder. FT2 wurde ebenfalls von Joe Taylor und Steve Franke entwickelt und ist speziell für VHF/UHF-Betrieb optimiert.

Die wichtigsten Unterschiede zu FT8:

EigenschaftFT8FT2
Zeitfenster15 Sekunden3,7 Sekunden
QSO-Dauer~75 Sekunden~15 Sekunden
Empfindlichkeit-21 dB-17 dB
Bandbreite50 Hz50 Hz
HaupteinsatzKurzwelle (HF)VHF/UHF
Ideal fürDX, schwache SignaleSchnelle QSOs, Conteste

FT2 benötigt stärkere Signale als FT8 (-17 dB statt -21 dB), ist dafür aber viermal schneller. Auf VHF/UHF, wo Signale tendenziell stärker sind als auf Kurzwelle, ist das ein idealer Trade-off. FT2 eignet sich hervorragend für flüchtige Tropo-Öffnungen, bei denen jede Sekunde zählt.

Mehr zu FT2 und den weiteren WSJT-X-Modi in unserem ausführlichen Artikel: FT2 und WSJT-X Modi: Schwache Signale auf VHF/UHF

Kritik an FT8 — und warum sie berechtigt ist

FT8 ist nicht unumstritten. Kritiker bemängeln:

  • Keine echte Kommunikation — ein FT8-QSO tauscht nur Rufzeichen und Signalstärke aus. Kein „Rag Chew“, kein persönliches Gespräch, kein Informationsaustausch jenseits der 77 Bit.
  • „Computer funken miteinander“ — die Automatisierung ist so weit fortgeschritten, dass manche Stationen im vollautomatischen Modus laufen. Ist das noch Amateurfunk?
  • Verödung anderer Bänder — auf den traditionellen CW- und SSB-Frequenzen ist es stiller geworden, seit FT8 so viele Operateure abzieht.
  • DXCC-Inflation — Entities, die früher echte Herausforderungen waren, sind mit FT8 plötzlich leicht erreichbar.

Diese Kritik hat ihre Berechtigung. FT8 ist kein Ersatz für ein längeres QSO auf 40 Meter in SSB oder eine CW-Runde. Aber es ist ein mächtiges Werkzeug, um Ausbreitungsbedingungen zu testen, neue DXCC-Gebiete zu arbeiten oder mit minimalem Equipment beeindruckende Ergebnisse zu erzielen. Die verschiedenen Betriebsarten ergänzen sich — sie konkurrieren nicht. Wer Gesprächsstoff sucht, nutzt RTTY, PSK31 oder Olivia.

Verwandte Betriebsmodi in WSJT-X

Neben FT8 enthält WSJT-X eine ganze Familie verwandter Modi:

  • FT2: 4× schneller als FT8, optimiert für VHF/UHF und schnelle Öffnungen.
  • FT4: Schneller als FT8, mit 7,5-Sekunden-Intervallen. Entwickelt für Conteste und Field Days.
  • JT65: Der Vorgänger, noch empfindlicher (-25 dB), aber deutlich langsamer (60-Sekunden-Intervalle). Wird für EME (Erde-Mond-Erde) verwendet.
  • JT9: Ähnlich wie JT65, aber schmalbandiger. Gut für überfüllte Bänder.
  • MSK144: Optimiert für Meteorscatter — Reflexionen an Meteoritenspuren in der Ionosphäre.
  • Q65: Für schwächste Signale auf VHF/UHF, etwa bei Troposcatter oder EME.
  • FST4/FST4W: Ultra-langsam (bis 1800 Sekunden), für LF/MF-Bänder (2200 m, 630 m).

Alle diese Modi sind in WSJT-X enthalten und lassen sich mit dem gleichen Setup nutzen. Detailliert beschrieben in: FT2 und WSJT-X Modi

Alternative Software

Neben WSJT-X gibt es alternative Programme für FT8:

  • JTDX — Fork von WSJT-X mit erweiterter Dekodierung, bevorzugt von DXern für seine höhere Decodierrate bei schwachen Signalen.
  • JS8Call — basiert auf FT8-Technologie, erlaubt aber freien Textnachrichtenaustausch. Quasi „Chat über FT8″ — für alle, die mehr als 77 Bit zu sagen haben.
  • GridTracker — Kartendarstellung aller dekodierten Stationen, ideal als Ergänzung zu WSJT-X.
  • MSHV — Multi-Decoder, empfängt FT8-Signale auf mehreren Frequenzen gleichzeitig.

Tipps für den Alltag

  • Leistung reduzieren: Weniger ist mehr. 10-25 Watt reichen fast immer. Probiere es mal mit 5 Watt — du wirst überrascht sein.
  • Zeitsynchronisation prüfen: Wenn plötzlich nichts mehr dekodiert wird, stimmt oft die Uhr nicht. Der DT-Wert in WSJT-X zeigt die Zeitdifferenz an.
  • Wasserfall beobachten: Die Signalqualität sieht man im Wasserfall — unsaubere Signale deuten auf Übersteuerung hin.
  • Fox/Hound-Modus: DXpeditionen nutzen den speziellen Fox/Hound-Modus, der mehrere QSOs gleichzeitig ermöglicht. In WSJT-X unter „Special Operating Activity“ aktivierbar.
  • Geduld: Nicht jeder CQ-Ruf wird sofort beantwortet. Die Ausbreitungsbedingungen bestimmen den Erfolg.
  • Mehrere Bänder probieren: Wenn 20 m tot ist, kann 15 m oder 10 m offen sein. Die Kurzwellenausbreitung ändert sich ständig.
  • Split-Betrieb bei DX: Seltene Stationen arbeiten oft im Split-Modus — die eigene Sendefrequenz weicht von der Empfangsfrequenz ab. WSJT-X unterstützt das automatisch.

Weiterführende Links

FT8 hat den Amateurfunk für viele Menschen zugänglicher gemacht. Mit wenig Leistung, einer bescheidenen Antenne und einem Laptop lassen sich Verbindungen herstellen, die vor zehn Jahren undenkbar waren. Wer den Einstieg wagt, wird schnell verstehen, warum dieser Modus so populär geworden ist.

73 – eure oeradio.at-Redaktion


Transparenzhinweis

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die Redaktion hat alle Inhalte überprüft und redaktionell bearbeitet. Trotz sorgfältiger Prüfung können vereinzelt Ungenauigkeiten enthalten sein — wir freuen uns über Hinweise und Korrekturen per E-Mail an [email protected].

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