Es gibt Funkamateure, die bescheiden sind. Und dann gibt es Rudi. Rudi ist nicht bescheiden. Rudi ist der Beste. Das weiß er. Das wissen seine Gesprächspartner. Das wissen alle, die jemals auf 3.690 kHz gelandet sind. Euer Hansl hat zugehört. Und gelacht. Und dann nochmal zugehört. Und dann hat er sich Notizen gemacht.
Rudi: Der Mann, der alles hat
Rudi ist seit 40 Jahren lizenziert. Das erwähnt er in jedem QSO. Jedes QSO beginnt mit: „Ja, ich bin jetzt seit über 40 Jahren dabei, hi.“ Es folgt eine Aufzählung seiner Station, die klingt wie ein Werbeprospekt von Yaesu, Icom und Elecraft — gleichzeitig. Rudi hat den FTDX101MP. Den IC-7851. Den K4. Alle drei. Nebeneinander. Weil man ja wechseln muss, je nach Band und Stimmung. Hi hi.
Und die Antennen! Rudi hat eine 5-Element-Yagi für 20 Meter. Eine 7-Element für 15 Meter. Eine gestockte 4er für 10 Meter. Einen Butternut für 80 und 160. Einen 30-Meter-Mast. Einen Rotor. Einen zweiten Rotor, weil der erste „manchmal hakt, hi“. Rudis Garten sieht aus wie ein NATO-Horchposten. Die Nachbarn haben aufgehört zu fragen. Die Nachbarn haben aufgehört zu reden.
Die Stimme: Nach der Schrift, bitte
Rudi ist Kärntner. Durch und durch. Im Wirtshaus redet er breit, am Stammtisch redet er breit, beim Einkaufen redet er breit. Aber sobald Rudi die PTT drückt, passiert etwas Bemerkenswertes: Rudi spricht Hochdeutsch. Oder vielmehr: Rudi versucht, Hochdeutsch zu sprechen.
Es ist ein Hochdeutsch, das klingt, als hätte jemand einen Kärntner Dialekt durch einen Audiofilter gejagt und dabei die Hälfte vergessen. „Guten Aahbend, hier ist Oscar Echo…, ich befinde mich im Bundesland Kärrrrnten, in Österreich, Austria.“ Das R rollt noch, die Vokale dehnen sich, aber der gute Wille ist da. Rudi spricht nach der Schrift. Konsequent. In jedem lokalen QSO.
Auch auf 3.690 kHz, in der Runde mit Kurt, Berndt und Sepp — alles Kärntner, alle reden Dialekt — spricht Rudi Hochdeutsch. „Ja, Kurt, ich möchte dir mitteilen, dass die Ausbreitungsbedingungen heute Abend ausgezeichnet sind, hi.“ Kurt antwortet: „Jo Rudi, passt eh, des Band is offen.“ Und Rudi: „Jawohl, das Band ist tatsächlich geöffnet, die Signale aus dem süddeutschen Raum sind bemerkenswert stark, hi hi.“
Sepp hat einmal gefragt: „Rudi, warum redest du am Funk wie ein Nachrichtensprecher?“ Rudi: „Weil man auf der Kurzwelle ordentlich sprechen muss, Sepp. Hochdeutsch. Das gehört sich so. Dialekt ist für die Kneipe, hi.“ Dass Rudi dabei klingt wie ein Simultanübersetzer, der seinen eigenen Dialekt übersetzt und dabei jeden zweiten Satz stolpert — das merkt Rudi nicht. Aber die Runde merkt es. Und die Runde schmunzelt. Jedes Mal. Hi.
„Nur ganz wenig Leistung, hi“
Rudis Lieblingssatz, den er in jedem QSO mindestens dreimal unterbringt: „Ich fahre ja nur mit ganz wenig Leistung, hi hi.“
Rudis „ganz wenig Leistung“ kommt aus einer ACOM 2000A. Das ist eine Röhrenendstufe, die 1,5 Kilowatt kann. Rudi fährt sie „nur“ auf 1.200 Watt, weil er ja „schonend mit dem Material umgeht, hi“. Für Rudi ist alles unter einem Kilowatt QRP. „Mit 100 Watt braucht man gar nicht erst anfangen“, sagt Rudi. „Da hört dich ja keiner, hi.“
Die Röhren sind Rudis ganzer Stolz. Er spricht über sie wie andere über ihre Kinder. „Meine GU-74B, die läuft jetzt seit acht Jahren, hi. Kein Nachlassen, kein Flackern, nix. Russische Wertarbeit, hi hi.“ Dass Rudi nicht weiß, wie die Röhre funktioniert, ist dabei nebensächlich. Rudi weiß, wo der Einschaltknopf ist. Das reicht. Der Rest ist Physik, und Physik ist was für Ingenieure, hi.
Der Feind: Alles, was digital ist
Es gibt Dinge, die Rudi verachtet. Vegetarisches Essen. Automatikgetriebe. Und digitale Betriebsarten.
Wenn jemand in der Runde FT8 erwähnt, bekommt Rudi eine Gesichtsfarbe, die an eine durchbrennende Röhre erinnert. „FT8? FT8?! Das ist doch kein Amateurfunk, hi! Das ist computergesteuert! Da sitzt doch keiner mehr am Mikrofon! Die lassen den Computer funken und gehen ins Bett! Das ist eine Schande für den Amateurfunk, hi hi!“
Rudis Tirade gegen FT8 dauert regelmäßig zwölf Minuten. Ohne Pause. Ohne PTT loszulassen. Ohne zu bemerken, dass die halbe Runde inzwischen genau diese Betriebsart nutzt — und damit bei 5 Watt mehr DX arbeitet als Rudi mit seinem Kilowatt in SSB. Aber das darf man nicht laut sagen. Hi.
Es ist auch nicht nur FT8. Rudi verteufelt alles, was nach 1985 erfunden wurde. PSK31? „Computerkram.“ JS8Call? „Noch schlimmerer Computerkram.“ VARA? „Kenn ich nicht und will ich nicht kennen.“ Winlink? „E-Mail über Funk? Dann kann ich ja gleich mit dem Handy telefonieren, hi!“
Rudis Weltbild ist einfach: Amateurfunk ist SSB und CW. Punkt. Beides beherrscht Rudi. Beides lässt Rudi die anderen spüren. „Alles andere ist Spielzeug, hi. Ich mach DX in Phonie und CW. Wie ein richtiger Funkamateur, hi hi.“
Dass man bei FT8 Signale dekodieren kann, die 20 dB unter dem Rauschen liegen — das interessiert Rudi nicht. Signale unter dem Rauschen gibt es bei Rudi nicht. Bei 1.200 Watt in eine Yagi sind Rudis Signale nie unter dem Rauschen. Rudis Signale SIND das Rauschen. Für andere, hi.
Die Modulationsrapporte: Rudis Spezialität
Rudi gibt jedem Gesprächspartner einen Modulationsrapport. Ob danach gefragt wurde oder nicht. Das Muster ist immer gleich:
„Ja, also deine Modulation, die ist nicht schlecht, hi. Aber ich muss dir schon sagen: Ein bisserl dumpf. Ein bisserl zu viel Bass. Da fehlt die Höhe. Weißt du, bei mir — ich hab ja den Heil ProSet Elite mit dem HC-6-Element — bei mir klingt alles glasklar. Meine Station, die wird von allen Seiten gelobt. Ich bekomm Rapporte, da würdest du staunen. Aber bei dir — da könntest du noch was machen, hi hi.“
Kurt hat einmal nach dem QSO sein Mikrofon gewechselt. Hat 200 Euro ausgegeben. Beim nächsten Kontakt sagte Rudi: „Ja, Kurt, ein bisserl besser, aber immer noch zu dumpf. Ich glaub, das liegt an deinem Rig. Bei meinem IC-7851, da klingt alles wie im Studio, hi.“
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn bevor Rudi den Modulationsrapport gibt, kommt die Frage. Die Frage, die jeder in der Runde kennt. Die Frage, bei der alle die Augen verdrehen: „Sag mal, welches Gerät fährst du eigentlich? Und welche Antenne?“
Wehe dem, der ein günstiges Gerät nennt. Berndt hat einmal gesagt: „Ich hab den IC-7300.“ Rudis Antwort kam schneller als ein CW-Punkt: „Aaah, ja, alles klar. Na, bei dem Gerät — kein Wunder, hi. Der 7300, das ist halt ein Einsteigergerät. Da fehlt die Dynamik. Da fehlt der Preselektor. Da fehlt alles, hi. Wenn du mal einen richtigen Empfänger hast, dann hörst du den Unterschied, hi hi.“
Und die Antenne! Wenn jemand „Vertikale“ sagt, zuckt Rudi zusammen wie bei einem Kurzschluss. „Eine Vertikale? Na, dann brauchst du dich nicht wundern, hi. Mit einer Vertikalen hörst du nur die Hälfte. Und die andere Hälfte rauscht. Bei meiner Yagi — da ist Ruhe im Empfänger, hi hi.“ Dass Kurt mit seiner selbstgebauten GP seit zehn Jahren zufrieden funkt, interessiert Rudi nicht. „Zufrieden“ ist für Rudi ein anderes Wort für „aufgegeben“, hi.
Herbert hat daraufhin sein Mikrofon behalten und die Frequenz gewechselt. Auf 7.050 MHz. Da ist es ruhiger. Und rudifrei.
Rudis DX: 280 Länder, eine Sprache
Rudi spricht viel über DX. Rudi spricht eigentlich über nichts anderes. Rudi hat nach eigenen Angaben „über 280 DXCC bestätigt“. Und das stimmt sogar. Das Logbuch ist voll. PY, VK, ZL, JA, W, VU — alles drin. Weltweit. Beeindruckend. Auf den ersten Blick.
Auf den zweiten Blick fällt etwas auf. Rudis DXCC-Liste hat ein Muster. Und das Muster heißt: Deutsch.
- PY2GHT — Günther, pensionierter Ingenieur aus Stuttgart, lebt seit 2008 in São Paulo.
- VK6HBR — Herbert, ehemaliger Siemens-Techniker, 2012 nach Perth ausgewandert.
- ZL1WKM — Wolfgang, Kärntner Zimmermann, seit 2015 in Auckland.
- JH1DEU — Dieter, leitete eine Bosch-Niederlassung in Yokohama, jetzt im Ruhestand dort.
- W3OEX — Manfred, gebürtiger Oberösterreicher, seit 30 Jahren in Philadelphia.
- VU2ALP — Alois, Entwicklungshelfer aus Salzburg, lebt in Bangalore.
- 5Z4KAR — Karl, Tierarzt aus der Steiermark, betreibt eine Praxis in Nairobi.
Und dann gibt es Werner. Werner ist Rudis Lieblings-DX-Station. Werner, DL-Rufzeichen, lebt irgendwo in Norddeutschland und hat eine Rhombus-Antenne. Ja, eine Rhombus. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: eine Antenne, die aussieht, als hätte man einen ganzen Bauernhof in Draht eingewickelt. Werner funkt damit rund um die Uhr auf Kurzwelle. Morgens um 6 ist Werner auf 40 Meter. Mittags auf 20 Meter. Abends auf 80 Meter. Nachts auf 160 Meter. Werner schläft offenbar nie. Werner ist Rudis Traumpartner — auf Deutsch, auf Kurzwelle, zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Wenn Rudi in der Runde erzählt, sagt er: „Ich hab grad den Werner gearbeitet. Der hat ja die Rhombus. Das Signal — 59+60! Auf 40 Meter! Mitten am Tag! Wahnsinn, hi hi hi!“ Dass Werner in Schleswig-Holstein sitzt und nicht auf den Marshallinseln, erwähnt Rudi nicht. Klingt auch besser ohne, hi.
280 DXCC-Gebiete. Und in jedem sitzt ein deutschsprachiger OM, der Rudi kennt, Rudis Sked-Zeiten kennt und Rudis Frequenz kennt. Das Netzwerk ist beeindruckend. Die Logistik auch. Die sprachliche Vielfalt weniger.
Denn Rudis dunkelstes Geheimnis ist nicht die Endstufe und nicht das Multimeter. Rudis dunkelstes Geheimnis ist: Rudi kann kein Englisch.
Nicht „ein bisserl“. Nicht „geht so“. Rudi kann „CQ“ sagen und „five nine“ und „seventy-three“. Das war’s. Alles darüber hinaus — „What’s your name?“, „How’s the weather?“, „Could you repeat?“ — löst bei Rudi eine Panikreaktion aus, die man im Audio hören kann. Ein kurzes Stocken, ein Räuspern, dann: „Uh… fifty-nine, thank you, seventy-three, hi.“
Und deshalb die Skeds. Jeder einzelne Kontakt ist arrangiert. Per E-Mail, per WhatsApp, per Telegram. „Günther, Dienstag 22 Uhr UTC, 14.180 kHz, du rufst CQ, ich antworte.“ Und dann funkt Rudi mit Günther in São Paulo — auf Deutsch. Zwanzig Minuten. Über das Wetter in Kärnten, über die Ausbreitung, über die neue Röhre in der ACOM. „59+30, Günther, phantastisches Signal aus Brasilien, hi hi hi!“
Anschließend in der Runde auf 3.690: „Hab grad PY2 gearbeitet. Brasilien. Auf 20 Meter. Wahnsinn, die Ausbreitung, hi.“ Kein Wort davon, dass Günther eigentlich aus Stuttgart kommt und dass die „Ausbreitung“ per WhatsApp verabredet wurde.
Herbert hat einmal vorsichtig gefragt: „Rudi, hast du auch mal eine Station gearbeitet, die du nicht vorher kontaktiert hast?“
Rudi: „Natürlich, Herbert! Ich mach ja auch CQ, hi! Aber die meisten antworten halt nicht. Schlechte Ausbreitung, hi.“
Die Wahrheit: Die meisten antworten schon. Auf Englisch. Und dann bricht Rudi ab. „QRM, leider, hi. Signal weg, hi hi.“
Die Sked-Liste: Ein Telefonbuch der Ausgewanderten
Rudis Sked-Liste ist ein Meisterwerk der Diaspora-Kartografie. Er hat jeden deutschsprachigen Funkamateur zwischen Feuerland und Wladiwostok katalogisiert. Wenn ein neues DXCC-Gebiet auf seiner Liste fehlt, fragt Rudi nicht: „Wer funkt dort?“ Rudi fragt: „Kennt wer einen Österreicher, der dort lebt?“
Die OMs im Ortsverband haben das längst durchschaut. Aber sie sagen nichts. Weil Rudi so stolz ist auf seine 280 Länder. Und weil Rudi bei jedem neuen DXCC eine Runde Kaffee im Vereinslokal ausgibt. Und weil es irgendwie auch eine Leistung ist — 280 deutschsprachige Funkamateure weltweit zu finden und mit jedem einzelnen einen Sked zu koordinieren. Das ist kein DX. Das ist Projektmanagement, hi.
Sepp hat einmal in der Runde gesagt: „Rudi, du hast 280 DXCC, aber du sprichst mit der ganzen Welt auf Deutsch. Das ist, als würde man sagen, man war in 50 Ländern essen — aber überall beim Österreicher, hi.“
Rudi hat gelacht. „Ja, Sepp, hi hi, guter Witz, hi. Aber weißt du — Deutsch ist die Sprache der Technik. Die verstehen das alle. Und außerdem — du wirst das auch noch verstehen, wenn du mal eine richtige Station hast, hi.“
Sepp hat eine Vertikalantenne und 100 Watt. Und spricht fließend Englisch. Und hat letzte Woche eine Station aus Bhutan im Pile-Up gearbeitet. Ohne Sked. Ohne WhatsApp. Auf Englisch. Mit seiner Vertikalen. Aber das erzählt er Rudi nicht. Weil es sinnlos wäre. Hi.
Die Sked-Partner: Vertikalstrahler und Geduld
Rudis regelmäßige Sked-Partner auf 80 Meter — die deutschsprachigen, die nicht ausgewandert sind — haben eines gemeinsam: Sie funken alle mit Vertikalantennen. Eine GP hier, eine R9 dort, ein Butternut beim Dritten. Keine Yagis, keine Beams, keine Türme. Einfache Stationen, 100 Watt, Vertikalstrahler im Garten. Und genau das gibt Rudi die Vorlage, die er braucht.
„Kurt, mein Lieber, du mit deiner Vertikalen — da geht halt nicht mehr, hi. Du musst dir endlich eine Yagi hinstellen. Wie ich. Dann hörst du auch was, hi hi.“ Kurt hat eine GP-Antenne, die er selbst gebaut hat, und arbeitet damit seit Jahren zufrieden seine Runden. Aber für Rudi ist alles unter einer Richtantenne auf 30 Meter Höhe ein Provisorium.
„Aber keine Sorge“, sagt Rudi dann gönnerhaft, „das werdet ihr auch noch, hi. Irgendwann kommt ihr alle drauf, dass man eine richtige Antenne braucht. Und eine richtige Endstufe. Und ein richtiges Rig. Nicht so einen Einsteigerkasten, hi hi.“
Dass Kurt und die anderen mit ihren „Einsteigerkasten“ und Vertikalen genauso glücklich funken wie Rudi mit seinem NATO-Shack — das passt nicht in Rudis Weltbild. Glücklich funken kann man nur mit dem besten Equipment. Alles andere ist Selbstbetrug. Hi.
Das Kabel: Rudis Kryptonit
Jetzt kommen wir zu einem weiteren Kern. Zu Rudis handwerklichem Geheimnis. Zu dem Punkt, an dem die Fassade bröckelt wie ein PL-Stecker nach zehn Jahren Wetter.
Rudi kann nicht löten.
Nicht „nicht gut löten“. Nicht „lötet selten“. Rudi hat noch nie in seinem Leben einen Lötkolben in der Hand gehabt. Rudis sämtliche Kabel — jedes einzelne Koax, jeder PL-259, jeder N-Stecker, jede Patchleitung — wurde von anderen konfektioniert. Von Kurt. Von Berndt. Von Sepp. Von Leuten, die Rudi anruft und denen er sagt: „Du, könntest du mir kurz ein Kabel machen? Ich hab da so ein Spezialkoax, das brauchst du nur kurz… du kennst dich ja aus, hi.“
Sepp hat einmal gefragt: „Rudi, warum lötest du nicht selber? Ist ja kein Hexenwerk.“
Rudis Antwort: „Ich? Löten? Ich bin Operator, kein Bastler, hi. Ich mach DX. Kabel machen ist was für Techniker. Ich bin Betriebstechniker, hi hi.“
Betriebstechniker. Das ist ein Wort, das Rudi erfunden hat. Es bedeutet: Ich drücke auf den Knopf, und andere machen den Rest.
Das Multimeter: Eine Begegnung der dritten Art
Noch besser als die Löt-Geschichte ist die Multimeter-Geschichte. Die geht so:
Herbert war bei Rudi im Shack, weil Rudi ein „komisches Brummen im Audio“ hatte. Herbert hat gesagt: „Rudi, miss mal die Spannung am Netzteil. Hast du ein Multimeter?“
Rudi hat ihn angeschaut wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Dann hat er den Blick gesenkt, in einer Schublade gewühlt und ein originalverpacktes Fluke-Multimeter herausgeholt. Originalverpackt. Seit geschätzt 15 Jahren. Natürlich ein Fluke. Rudi kauft nur das Beste. Auch wenn er nicht weiß, wofür, hi.
Herbert hat es ausgepackt, die Batterie eingelegt und die Messung gemacht.
Auf Herberts Frage „Hast du das noch nie benutzt?“ sagte Rudi: „Ich brauch das nicht, hi. Meine Station funktioniert. Wozu soll ich messen? Messen ist was für Leute, die Probleme haben. Ich hab keine Probleme, hi hi.“
Rudi hat keine Probleme. Rudi hat Herbert. Und Kurt. Und Berndt. Und Sepp. Die haben die Probleme. Rudis Probleme, um genau zu sein.
Der Ruf: Gezielt wie ein Laserstrahl (in alle Richtungen)
Rudi ist bekannt für seinen „gezielten Ruf“. Das sagt er selbst. „Mein CQ ist gezielt“, sagt Rudi. „Ich ruf nicht ins Blaue, hi. Ich weiß, wo ich hinwill.“
Rudis gezielter CQ-Ruf klingt so:
„CQ CQ CQ, hier ist OE…, Oscar Echo…, CQ CQ CQ, looking for DX, looking for DX, hier ist OE…, Oscar Echo…, QTH Kärnten, Kärnten in Österreich, Austria, meine Antenne ist eine 5-Element-Yagi auf 30 Meter Höhe, Leistung ist ein Kilowatt, Kilowatt, ein Kilowatt, looking for DX, CQ CQ CQ…“
Der CQ-Ruf dauert viereinhalb Minuten. Inklusive vollständiger Stationsbeschreibung. Die Bandbreite, die Rudi dabei belegt, reicht von 3.688 bis 3.692 kHz. Andere Stationen warten. Rudi merkt es nicht. Rudi ist gezielt.
Wenn niemand antwortet — was bei viereinhalb Minuten CQ erstaunlich oft vorkommt — sagt Rudi in der nächsten Runde: „Das Band war tot, hi. Keine Ausbreitung. Bei meiner Station kann es nicht am Signal liegen, hi hi.“
Wenn doch jemand antwortet — auf Englisch — folgt Rudis Standardprozedur: „Fifty-nine, uh, thank you, uh, seventy-three, hi.“ Vier Sekunden. Schnellstes QSO der Welt. Danach in der Runde: „Hab grad eine Station aus Indonesien gearbeitet. Aber die Modulation war schlecht, konnte ihn kaum verstehen, hi.“ Die Modulation war einwandfrei. Rudi hat nur kein Wort verstanden.
„Mein Gehör ist das Beste“
Rudi hat auch das beste Gehör. Das sagt er. Regelmäßig. In jedem QSO.
„Ich höre Sachen, die andere nicht hören, hi. Mein IC-7851 hat ja diese DSP-Filter, die sind der Wahnsinn. Und meine Ohren — die sind noch wie mit 20. Der HNO-Arzt hat gesagt, er hat noch nie so gute Ohren gesehen bei jemandem in meinem Alter, hi.“
Wenn Rudi ein schwaches Signal nicht hören kann, liegt es am QRM. Am QRN. An den Solarpanelen des Nachbarn. Am LED-Netzteil der Straßenlaterne. An der Waschmaschine drei Häuser weiter. Nie an Rudi. Nie an seinen Ohren. Rudis Ohren sind perfekt. Das hat der HNO gesagt. Hi.
Die Nachtschicht: DX ab 22 Uhr
Rudi macht auch Nacht-DX. Das erzählt er gerne. „Gestern war ich bis 2 Uhr morgens auf dem Band, hi. Die Ausbreitung war der Wahnsinn.“
Rudis Nacht-DX:
- 22:00 — Sked mit DL9XXX auf 80 Meter. „Guter Rapport, 59+40, hi.“
- 22:30 — Sked mit OE3YYY auf 80 Meter. „Starkes Signal, wie immer, hi.“
- 23:00 — CQ auf 40 Meter. Jemand antwortet auf Englisch. „QRM, leider, hi. Signal weg.“
- 23:15 — Zurück auf 80 Meter. Sked mit HB9ZZZ. „Wahnsinn, die Ausbreitung nach der Schweiz, hi.“
- 00:30 — Sked mit W3OEX auf 20 Meter. Manfred aus Philadelphia. „DX! Amerika! Hi hi hi!“ Auf Deutsch, versteht sich.
- 01:00 — Rudi geht ins Bett. Aber vorher wird noch geloggt. Jedes einzelne QSO wird in Ham Radio Deluxe eingetragen — mit Rapport, Frequenz, Uhrzeit, Antenne, Leistung und einem Kommentar, der länger ist als das QSO selbst. Rudis Logbuch-Kommentar für den Abend: „DX-Session bis 1 Uhr morgens. Mehrere seltene Stationen gearbeitet.“
Die seltenen Stationen: ein Oberösterreicher in Philadelphia und ein Schweizer in Bern. Aber Rudi hat sie mit 1,2 Kilowatt in eine Fullsize-Antenne gearbeitet. Und auf Deutsch. Wie immer. Hi.
Die 2-Meter-Runde: Rudis CW-Einlage
Rudi kann CW. Das muss man ihm lassen. Rudi kann wirklich morsen. Und Rudi sorgt dafür, dass das auch jeder mitbekommt.
Die 2-Meter-SSB-Runde am Sonntagvormittag ist eigentlich eine gemütliche Angelegenheit. Ein paar OMs, ein bisserl Plaudern, Wetter, Antennen, wer wo wandern war. Alles in SSB, alles entspannt. Bis Rudi drankommt.
Denn Rudi hat sich angewöhnt, mitten in der SSB-Runde in CW reinzumorsen. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Kurt redet gerade über seinen Gartenumbau, und plötzlich hört man: dah-dit-dah-dit, dah-dah-dit-dah… Rudi morst sein Rufzeichen. Auf 2 Meter. In eine SSB-Runde. Wo niemand CW erwartet, niemand CW braucht und die Hälfte der Teilnehmer CW nicht einmal dekodieren kann.
Dann schaltet Rudi wieder auf SSB und sagt: „Ja, nur kurz mein Rufzeichen in CW gegeben, hi. Damit ihr wisst, wer hier ist, hi hi. CW muss man können, Leute. Das ist die Königsdisziplin. Da trennt sich die Spreu vom Weizen, hi.“
Sepp, der kein CW kann und auch keines lernen will, hat einmal trocken gesagt: „Rudi, wir wissen, wer du bist. Du hast dich vor drei Minuten angemeldet. In SSB. Mit vollem Rufzeichen. Zweimal.“ Rudi: „Ja, Sepp, aber CW ist halt was anderes, hi. Das versteht nicht jeder. Das wirst du auch noch lernen, hi hi hi.“
Sepp wird das nicht lernen. Sepp will das nicht lernen. Aber das spielt keine Rolle. Rudi morst trotzdem. Jeden Sonntag. In die SSB-Runde. Zwischen Gartenbau und Wetterbericht. Weil Rudi es kann. Und weil die anderen es wissen sollen. Hi.
Rudis beste Eigenschaft: Er ist der Beste
Das Bemerkenswerte an Rudi ist seine Konstanz. Egal worüber man spricht — Rudi hat es besser. Rudis Station ist besser. Rudis Antenne ist besser. Rudis Modulation ist besser. Rudis Rapporte sind besser. Rudis Gehör ist besser. Rudis Logbuch ist voller. Rudis CQ ist gezielter. Rudis Kaffee ist vermutlich auch besser, aber das hat euer Hansl nicht überprüft.
Wenn Kurt erzählt, dass er mit seiner Vertikalen und 100 Watt VP8 auf 10 Meter gearbeitet hat, wird Rudi kurz still. Dann sagt er: „Ja, VP8, den hab ich letzte Woche auch gehabt, hi. War aber nix Besonderes, bei meiner Station. Aber mit einer Vertikalen — da hast du Glück gehabt, hi. Wart nur, bis du eine richtige Antenne hast.“
Wenn Berndt von seiner neuen EFHW erzählt, sagt Rudi: „Ja, Drahtantennen, hi. Kann man machen. Wenn man nix Besseres hat. Ich hab ja die Yagi, da braucht man sowas nicht, hi.“
Wenn jemand in der Runde von SOTA erzählt, sagt Rudi: „Ja, SOTA, das ist was für die Jungen, hi. Ich mach mein DX vom Shack aus. Gemütlich. Mit Kaffee. Und einem Kilowatt, hi hi hi.“
Epilog: Rudi ruft CQ
Jeden Abend, Punkt 19 Uhr, sitzt Rudi vor seinem FTDX101MP. Der IC-7851 steht rechts daneben, für den Fall, dass der Yaesu „nicht so klingt heute, hi“. Der K4 steht links, „für die digitalen Betriebsarten, die ich sowieso nie machen werde, weil das kein Amateurfunk ist, hi“. Die ACOM summt leise. Der Rotor dreht die Yagi Richtung Nordwesten. Deutschland. Immer Deutschland.
Rudi drückt die PTT. „CQ CQ CQ, hier ist OE…, Oscar Echo…, looking for DX…“
Und irgendwo in Süddeutschland dreht ein OM mit einer Vertikalantenne und 100 Watt am VFO und seufzt: „Der Rudi schon wieder, hi.“
Aber er antwortet trotzdem. Weil man das so macht. Weil Rudi ein Original ist. Weil es auf 3.690 kHz eben dazugehört. Und weil Rudi, bei allen seinen Macken, eines hat: Ausdauer. Und eine Röhre. Und eine Yagi. Und ein Mikrofon, in das er seit 40 Jahren die gleichen Sätze spricht.
„59+20, schönes Signal, hi. Ja, ich fahr ja nur mit ganz wenig Leistung, hi hi hi.“
Die Moral von der Geschicht‘
- Wer 1.200 Watt „wenig Leistung“ nennt, hat ein anderes Verhältnis zur Physik als der Rest der Welt.
- 280 DXCC auf Deutsch ist kein DX — es ist ein Stammtisch mit Roaming, hi.
- Wer nicht löten kann, darf trotzdem funken. Aber er sollte aufhören, sich „Betriebstechniker“ zu nennen.
- Das beste Equipment nützt nichts, wenn man es nicht versteht. Ein Multimeter ist kein Dekoobjekt.
- Wer digitale Betriebsarten verteufelt, hat meistens Angst, dass 5 Watt FT8 weiter kommen als sein Kilowatt in SSB. Hi.
- Englisch lernen ist keine Schande. Sked-Listen pflegen, um kein Englisch sprechen zu müssen — das ist Aufwand, den man besser in einen VHS-Kurs investiert hätte. Hi.
- Und wer in jeder Runde erzählt, er sei der Beste — der hat meistens Angst, dass die anderen es von alleine nicht merken. Hi hi hi.
73 und weniger Leistung,
euer Hansl Hohlleiter
Hinweis des Autors: Jede Ähnlichkeit mit tatsächlich existierenden Funkamateuren, die zufällig 1,2 Kilowatt „wenig Leistung“ nennen, digitale Betriebsarten verteufeln und deren Kabel ausschließlich von anderen gelötet wurden, ist selbstverständlich rein zufällig. Satire darf alles — außer unter 59 rapportiert werden. Hi.
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der oeradio.at-Redaktion. Sämtliche Personen, Stationen und DXCC-Einträge sind frei erfunden.

