„Wie sind die Bedingungen heute?“ – diese Frage stellt sich jeder Funkamateur, bevor er auf die Bänder geht. Die Antwort steckt in einer Handvoll Kennzahlen: SFI, K-Index, A-Index und Sonnenfleckenzahl. Wer diese Indizes versteht, kann gezielt die besten Bänder und Zeiten für DX wählen – statt blind durchzudrehen und auf Glück zu hoffen. In diesem Artikel erklären wir, was hinter den Zahlen steckt und wie du sie praktisch nutzt.
Solar Flux Index (SFI) – Der Motor der Ausbreitung
Der Solar Flux Index ist die wichtigste Kennzahl für die KW-Ausbreitung. Er misst die Radioemission der Sonne bei 2800 MHz (10,7 cm Wellenlänge) und wird in Solar Flux Units (SFU) angegeben. Gemessen wird täglich am Dominion Radio Astrophysical Observatory in Penticton, Kanada – eine der am längsten ununterbrochenen Messreihen der Sonnenaktivität.
Warum ist der SFI so wichtig? Weil er direkt mit der UV-Strahlung der Sonne korreliert, die die Ionosphäre auflädt. Mehr Sonnenstrahlung bedeutet stärkere Ionisation der F2-Schicht, was die Maximum Usable Frequency (MUF) erhöht – also die höchste Frequenz, die von der Ionosphäre noch reflektiert wird.
Was bedeuten die SFI-Werte?
- Unter 70 SFU: Schlechte Bedingungen – die hohen Bänder (10m, 12m, 15m) sind meist geschlossen. Nur die unteren Bänder (40m, 80m, 160m) funktionieren zuverlässig.
- 70–100 SFU: Durchschnittliche Bedingungen – 20m funktioniert gut, 15m und 17m öffnen gelegentlich.
- 100–150 SFU: Gute Bedingungen – 15m wird regelmäßig nutzbar, 12m und 10m zeigen erste Öffnungen.
- 150–200 SFU: Sehr gute Bedingungen – 10m wird zum täglichen DX-Band!
- Über 200 SFU: Exzellent – sogar 6m kann via F2-Schicht öffnen.
Wichtig: Die unteren Bänder (40m, 80m, 160m) sind vom SFI kaum betroffen. Sie funktionieren auch bei niedrigem SFI, da sie die E-Schicht und die untere F-Schicht nutzen, die weniger Ionisation benötigen.
Aktuell (März 2026) liegt der SFI bei etwa 135 SFU. Sonnenzyklus 25 hat seinen Höhepunkt im Oktober 2024 mit einer geglätteten Sonnenfleckenzahl von 160,9 erreicht – deutlich höher als die ursprüngliche Vorhersage von 115. Obwohl wir uns in der absteigenden Phase befinden, sind die Bedingungen auf den hohen Bändern noch gut.
K-Index und Kp-Index – Das geomagnetische Wetter
Während der SFI die „Grundenergie“ der Ionosphäre bestimmt, zeigt der K-Index, wie ruhig oder gestört das Erdmagnetfeld gerade ist. Das „K“ steht für das deutsche Wort Kennziffer – der Index wurde 1938 vom deutschen Geophysiker Julius Bartels eingeführt.
Der K-Index wird alle 3 Stunden an Magnetometer-Stationen gemessen und hat eine quasi-logarithmische Skala von 0 bis 9. Der Kp-Index (planetarische Kennziffer) ist der gewichtete Durchschnitt von 13 geomagnetischen Observatorien weltweit – darunter Niemegk in Brandenburg, betrieben vom GFZ Helmholtz-Zentrum Potsdam.
Was bedeuten die Kp-Werte?
- Kp 0–1: Ruhig – optimale Bedingungen für KW-Ausbreitung
- Kp 2–3: Leicht unruhig – in der Regel noch gute Bedingungen
- Kp 4: Aktiv – spürbare Verschlechterung, besonders auf Polarpfaden
- Kp 5 (G1-Sturm): Schwacher geomagnetischer Sturm – KW-Schwund auf der Tagseite
- Kp 6 (G2): Mäßiger Sturm – Ausfälle auf höheren Breitengraden
- Kp 7 (G3): Starker Sturm – KW-Verbindungen intermittierend
- Kp 8–9 (G4/G5): Schwerer bis extremer Sturm – KW-Ausbreitung kann für 1–2 Tage unmöglich werden
Geomagnetische Stürme verursachen erhöhte Absorption in der D-Schicht, Auroralen Effekte und eine unregelmäßige F-Schicht. Hochbreiten-Pfade (z.B. nach Skandinavien, Kanada oder Japan über den Pol) sind immer zuerst und am stärksten betroffen.
A-Index und Ap-Index – Das Tagesresümee
Der A-Index ist der Tages-Durchschnitt der geomagnetischen Aktivität. Er wird aus den acht dreistündlichen K-Werten eines Tages über eine Umrechnungstabelle berechnet und hat eine lineare Skala von 0 bis 400. Der Ap-Index ist der planetarische A-Index.
Die lineare Skala macht den A-Index ideal für Langzeitvergleiche und Trendanalysen:
- Ap 0–7: Ruhig – hervorragende KW-Bedingungen
- Ap 8–15: Leicht unruhig – gute Bedingungen
- Ap 16–29: Aktiv – gewisse Beeinträchtigung möglich
- Ap 30–49: Schwacher Sturm – deutliche Verschlechterung
- Ap 50–99: Großer Sturm – KW erheblich gestört
- Ap über 100: Schwerer/extremer Sturm – KW-Betrieb stark eingeschränkt
Sonnenfleckenzahl (SSN)
Die Internationale Sonnenfleckenzahl (auch Wolf-Zahl, nach Rudolf Wolf, der sie 1849 standardisierte) wird vom SIDC (Solar Influences Data Centre) am Königlichen Observatorium von Belgien in Brüssel bereitgestellt. Die Formel lautet: R = k × (10g + s), wobei g die Anzahl der Fleckengruppen und s die Anzahl der Einzelflecken ist.
Für die Praxis wichtig: Die geglättete Sonnenfleckenzahl (13-Monats-Mittel) filtert kurzfristige Schwankungen heraus und zeigt den Trend des Sonnenzyklus. Der aktuelle Sonnenzyklus 25 hat die Erwartungen deutlich übertroffen:
- Beginn: Dezember 2019 (Minimum bei SSN 1,8)
- Höhepunkt: Oktober 2024 (geglättete SSN 160,9 – 40% über der Vorhersage)
- Aktuell (Feb. 2026): Monatsmittel bei ~97 – abnehmend, aber noch auf gutem Niveau
- Nächstes Minimum: Erwartet um 2030–2031
Weitere wichtige Indikatoren
Bz-Komponente des interplanetaren Magnetfelds (IMF)
Die Bz-Komponente ist der möglicherweise wichtigste Kurzzeit-Indikator. Wenn Bz nach Süden zeigt (negative Werte), koppelt das Sonnenwindmagnetfeld an die Magnetosphäre der Erde und treibt geomagnetische Stürme an. Bz positiv (nordwärts) = ruhige Bedingungen. Bz stark negativ (unter -10 nT) = Verschlechterung zu erwarten, auch wenn der Kp noch niedrig ist.
Sonneneruptionen (Flares)
Flares werden nach ihrer Röntgen-Intensität klassifiziert (gemessen von GOES-Satelliten). Jede Klasse ist 10-mal stärker als die vorherige:
- A, B, C-Klasse: Keine oder minimale Auswirkungen auf KW
- M-Klasse: Kurzfristiger KW-Schwund auf der Tagseite (R1–R2, Minuten bis Dutzende Minuten)
- X-Klasse: Schwerer bis totaler KW-Blackout auf der Tagseite (R3–R5, bis zu mehreren Stunden)
Protonenereignisse und Polarkappenabsorption (PCA)
Hochenergetische Protonen der Sonne können die D-Schicht über den Polkappen ionisieren und dort zu totalem KW-Blackout führen – die gefürchtete Polarkappenabsorption. PCA-Ereignisse können mehrere Tage andauern und machen transpolare Funkverbindungen unmöglich. Sogar Fluglinien müssen bei PCA ihre Polrouten verlegen.
Die besten Websites und Apps
Hier die wichtigsten Quellen für Echtzeit-Propagationsdaten:
Offizielle Datenquellen
- NOAA Space Weather Prediction Center – Die autoritative Quelle für Spaceweather-Daten und -Vorhersagen: Kp-Index, SFI, Röntgenfluss, Sonnenwind, 3-Tages-Prognosen
- GFZ Potsdam Kp-Index – Offizieller Kp-Index-Dienst des Helmholtz-Zentrums
- SIDC/SILSO – Offizielle Sonnenfleckenzahlen (Königliches Observatorium Belgien)
Amateurfunk-spezifische Tools
- HamQSL / N0NBH Solar Banners – Die meistverbreiteten Propagations-Banner im Amateurfunk. SFI, Kp, Band-Bedingungen auf einen Blick. Auf tausenden Ham-Websites eingebettet.
- KC2G MUF Map – Echtzeit-Karte der MUF(3000km) basierend auf Ionosondendaten weltweit. Alle 15 Minuten aktualisiert – unverzichtbar!
- PSK Reporter – Echtzeit-Visualisierung von FT8/FT4/WSPR-Spots weltweit. Zeigt, welche Bänder gerade offen sind – besser als jede Vorhersage.
- VOACAP Online – Der Goldstandard für KW-Ausbreitungsvorhersagen. Ursprünglich für Voice of America entwickelt, jetzt frei verfügbar.
- DXHeat – DX-Cluster mit Bandaktivitäts-Graphen und Propagationsübersicht
- DR2W DX Propagation – Hochauflösende SNR-Karten, berechnet mit VOACAP (deutsche Seite)
- SolarHam – Tägliche Updates zu Sonneneruptionen, Stürmen und Blackouts
- SpaceWeatherLive – Umfassende Solar- und Aurorendaten mit Push-Benachrichtigungen (auch als App)
- OpenHamClock – Open-Source-Dashboard mit DX-Cluster, Propagation, Gray-Line, Satellitentracking
Praktische Strategie: So nutzt du die Daten
Hier ein konkreter Fahrplan für jeden Funkbetrieb:
1. SFI prüfen – Welche Bänder kommen in Frage?
- SFI unter 80: Konzentriere dich auf 40m, 30m, 20m
- SFI 80–120: 20m zuverlässig, 17m und 15m ausprobieren
- SFI 120–150: 15m gut, 12m und 10m öffnen zeitweise
- SFI über 150: Alle Bänder möglich, 10m kann exzellent sein
2. Kp-Index prüfen – Wie stabil ist die Ionosphäre?
- Kp 0–2: Exzellent – alle Pfade sollten funktionieren
- Kp 3–4: Gut bis mäßig – Polarpfade eventuell gestört
- Kp 5+: Hochbreitenpfade meiden; tiefe Bänder bevorzugen
3. Bz-Richtung beachten
Wenn Bz stark nach Süden zeigt (unter -10 nT), ist mit einer Verschlechterung zu rechnen – auch wenn der Kp momentan noch niedrig ist. Bz ist der beste Frühindikator für kommende Stürme.
4. Saisonale Muster nutzen
- Tagundnachtgleiche (März/September): Die besten KW-Bedingungen des Jahres! Gleichmäßige Beleuchtung beider Hemisphären, optimale MUF-Werte.
- Winter: Exzellent für die tiefen Bänder (80m, 160m) dank langer Nächte. Die F2-MUF ist paradoxerweise im Winter höher als im Sommer (die sogenannte „Winteranomalie“).
- Sommer: Sporadische E-Schicht kann 10m, 6m und sogar 2m für kurze Perioden öffnen. 20m bleibt abends länger offen.
5. Gray-Line nutzen
Entlang der Dämmerungslinie (Terminator) verschwindet die absorbierende D-Schicht bei Sonnenuntergang schnell, während sie bei Sonnenaufgang noch nicht aufgebaut ist. Das erzeugt einen „Kanal“ mit extrem geringer Absorption – ideal für DX auf 30m, 40m, 80m und 160m. Die besten Ergebnisse erzielst du, wenn sowohl du als auch die Gegenstation in der Gray-Line liegen.
Fazit
Propagationsindizes sind keine abstrakte Wissenschaft – sie sind das tägliche Handwerkszeug des DXers. Ein kurzer Blick auf SFI, Kp und Bz vor dem Funkbetrieb kostet 30 Sekunden und spart Stunden fruchtlosen CQ-Rufens.
Die goldene Regel: Hoher SFI + niedriger Kp = beste Bedingungen. Und die beste Nachricht für alle, die diesen Artikel im März 2026 lesen: Wir sind gerade in der Tagundnachtgleiche – der statistisch besten Zeit des Jahres für KW-DX. Also: Rauf auf die Bänder!
Nützliche Links
- NOAA Space Weather Prediction Center
- HamQSL Solar Banners (N0NBH)
- KC2G MUF-Echtzeitkarte
- PSK Reporter
- VOACAP Online
- SpaceWeatherLive
- GFZ Potsdam Kp-Index
- SolarHam
- OpenHamClock
73 – eure oeradio.at-Redaktion
Transparenzhinweis
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI (Claude, Anthropic) recherchiert und verfasst. Alle Fakten wurden nach bestem Wissen geprüft — für aktuelle Propagationsdaten empfiehlt es sich, die verlinkten Echtzeit-Quellen zu konsultieren.

