Der Amateurfunk hat in Österreich eine lange und bewegte Geschichte, die eng mit den politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts verknüpft ist. Von den ersten Funkversuchen in den 1920er-Jahren über das Verbot während der NS-Zeit bis hin zur digitalen Revolution der Gegenwart – die österreichische Amateurfunkgemeinschaft hat alle Höhen und Tiefen durchlebt. Im Jahr 2026 feiert der Österreichische Versuchssenderverband (ÖVSV) sein 100-jähriges Bestehen. Ein Anlass, um auf ein Jahrhundert Amateurfunk in Österreich zurückzublicken.
Die Anfänge: Funkpioniere der 1920er-Jahre
Die Geschichte des Amateurfunks in Österreich beginnt in den frühen 1920er-Jahren. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Habsburgermonarchie war die junge Republik Österreich ein Nährboden für technische Innovation. Begeisterte Bastler und Techniker begannen, mit selbstgebauten Empfängern und Sendern zu experimentieren. Die Faszination für die drahtlose Kommunikation erfasste eine wachsende Zahl von Menschen, die in der neuen Technologie nicht nur ein Hobby, sondern eine Möglichkeit zur internationalen Verständigung sahen.
International formierte sich die Amateurfunkbewegung ebenfalls: Am 18. April 1925 wurde in Paris die International Amateur Radio Union (IARU) gegründet. Vertreter aus 25 Ländern kamen zusammen, um die Interessen der Funkamateure auf internationaler Ebene zu vertreten. Österreichische Funkpioniere verfolgten diese Entwicklung mit großem Interesse und erkannten die Notwendigkeit, sich auch national zu organisieren.
Die frühen Radioexperimente waren geprägt von Improvisationsgeist und technischer Neugier. Bauteile waren teuer und schwer zu beschaffen, weshalb viele Pioniere ihre Geräte aus alten Militärbeständen zusammenbauten. Detektorempfänger mit Kristall und Drahtspule waren der Einstieg in die Welt des Funks. Wer es sich leisten konnte, baute Röhrensender und wagte erste Übertragungsversuche – oft unter rechtlich ungeklärten Bedingungen, da eine Amateurfunkgesetzgebung noch nicht existierte.
1926: Gründung des ÖVSV
Am 7. April 1926 wurde der Österreichische Versuchssenderverband (ÖVSV) in Wien gegründet. Maßgeblich beteiligt an der Gründung war Franz Anderle, der als treibende Kraft hinter der Vereinigung der österreichischen Funkamateure stand. Der ÖVSV hatte von Beginn an das Ziel, die Interessen der Funkamateure gegenüber den Behörden zu vertreten, den technischen Austausch zu fördern und den Amateurfunk als Mittel der Völkerverständigung zu etablieren.
Die Gründung des ÖVSV war ein Meilenstein für die österreichische Amateurfunkgemeinschaft. Erstmals gab es eine zentrale Organisation, die als Ansprechpartner für die Fernmeldeverwaltung diente und den Funkamateuren eine gemeinsame Stimme gab. In den folgenden Jahren wuchs der Verband stetig und knüpfte Kontakte zu Amateurfunkverbänden in anderen Ländern.
Die 1930er-Jahre: Erste Lizenzen und prominente Funkamateure
In den 1930er-Jahren entwickelte sich der österreichische Amateurfunk weiter. Es wurden die ersten offiziellen Amateurfunklizenzen vergeben, und der ÖVSV gewann an Bedeutung. Eine besonders schillernde Persönlichkeit dieser Ära war Anton Habsburg, ein Mitglied des ehemaligen Kaiserhauses, der unter dem Spitznamen „Kai-Ho“ bekannt war. Anton Habsburg wurde Präsident des ÖVSV und trug maßgeblich dazu bei, den Amateurfunk in Österreich gesellschaftlich aufzuwerten. Seine adelige Herkunft verlieh dem Hobby eine besondere Strahlkraft und half, Vorurteile gegenüber den „Funkbastlern“ abzubauen.
Die technische Entwicklung schritt in dieser Zeit rasch voran. Österreichische Funkamateure experimentierten mit Kurzwellenverbindungen und stellten Kontakte zu Gleichgesinnten in ganz Europa und darüber hinaus her. Die Kurzwelle eröffnete völlig neue Möglichkeiten der weltweiten Kommunikation, und österreichische Stationen waren regelmäßig auf den Bändern zu hören.
1938–1945: Verbot und Zerstörung
Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 änderte sich die Situation für die Funkamateure dramatisch. Der ÖVSV wurde aufgelöst und in den Deutschen Amateur-Sende- und Empfangsdienst (DASD) eingegliedert. Viele Funkamateure mussten ihre Geräte abgeben. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurde der private Amateurfunk vollständig verboten. Besitz von Funkgeräten ohne Genehmigung konnte schwere Strafen nach sich ziehen.
Diese dunkle Phase dauerte sieben Jahre. Viele Funkamateure wurden zum Militärdienst eingezogen, wo einige ihre Funkkenntnisse in der militärischen Nachrichtentechnik einsetzen mussten. Andere überlebten den Krieg nicht. Die Infrastruktur des Amateurfunks in Österreich war nach Kriegsende 1945 weitgehend zerstört – sowohl materiell als auch organisatorisch.
Nachkriegszeit: Mühsamer Wiederaufbau
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 lag Österreich in Trümmern und war in vier Besatzungszonen aufgeteilt: die amerikanische, britische, französische und sowjetische Zone. Wien selbst war in vier Sektoren unterteilt. Für die Funkamateure bedeutete dies: Senden war strikt verboten. Die Besatzungsmächte kontrollierten den Äther und duldeten keinen privaten Funkverkehr.
Dennoch begannen engagierte Funkamateure bereits kurz nach Kriegsende, den ÖVSV wieder aufzubauen. Eine Schlüsselfigur in dieser Phase war Erwin Heitler mit dem späteren Rufzeichen OE1ER. Als Präsident des wiedererstehenden ÖVSV setzte er sich unermüdlich bei den Besatzungsbehörden für die Wiedererlangung des Senderechts ein. Die Verhandlungen zogen sich über Jahre hin, da jede der vier Besatzungsmächte einzeln überzeugt werden musste.
Die Briten, Amerikaner und Sowjets stimmten vergleichsweise früh zu, doch die französische Hochkommission ließ sich am längsten Zeit. Erst 1953 gab schließlich auch der französische Hochkommissar seine Zustimmung – als letzte der vier Besatzungsmächte. Damit war der Weg frei für die Vergabe von Amateurfunklizenzen in der Zweiten Republik.
23. April 1954: Die erste Lizenz der Zweiten Republik
Am 23. April 1954 wurden die ersten Amateurfunklizenzen der Zweiten Republik feierlich überreicht – unter den Empfängern war auch Erwin Heitler, OE1ER. Dies war nicht nur eine persönliche Anerkennung für seinen jahrelangen Einsatz, sondern auch ein symbolischer Moment für die gesamte österreichische Amateurfunkgemeinschaft. Der Amateurfunk war nach fast 16 Jahren des Verbots und der Beschränkung endlich wieder legal.
In den folgenden Monaten und Jahren wurden weitere Lizenzen vergeben, und der Amateurfunk erlebte in Österreich einen regelrechten Aufschwung. Neue Stationen gingen auf Sendung, Ortsverbände wurden gegründet, und die internationale Vernetzung nahm wieder Fahrt auf.
Die Vergabe der ersten Lizenzen war auch ein Signal an die Welt: Österreich war auf dem Weg zurück in die internationale Gemeinschaft. Die Funkamateure waren Botschafter der Völkerverständigung, denn über Funk spielten politische Grenzen keine Rolle. Bereits in den ersten Jahren nach der Wiederzulassung gelangen österreichischen Stationen beachtliche DX-Verbindungen auf Kurzwelle, und das Präfix OE wurde wieder regelmäßig in den Logbüchern von Funkamateuren weltweit verzeichnet.
1960er bis 1980er: Wachstum und Professionalisierung
Die Jahrzehnte nach der Wiederzulassung waren von stetigem Wachstum geprägt. Der ÖVSV trat der IARU bei und vertrat Österreich auf internationaler Ebene. Das Lizenzsystem wurde weiterentwickelt, verschiedene Lizenzklassen mit unterschiedlichen Berechtigungen wurden eingeführt. Amateurfunkprüfungen wurden von der Fernmeldeverwaltung abgehalten, und die technischen Anforderungen stiegen kontinuierlich.
In den 1970er- und 1980er-Jahren erlebte der Amateurfunk weltweit einen Boom. Auch in Österreich stieg die Zahl der lizenzierten Funkamateure deutlich an. Relaisfunkstellen wurden auf Bergen errichtet, UKW-Verbindungen über die Alpen wurden möglich, und österreichische Funkamateure beteiligten sich an internationalen Wettbewerben und DX-Expeditionen. Die Gemeinschaft blühte, und der Amateurfunk wurde zu einem festen Bestandteil der technischen Kultur Österreichs.
Ein wichtiger Aspekt dieser Epoche war auch die Rolle des Amateurfunks im Katastrophenschutz. Österreichische Funkamateure bewiesen bei Naturkatastrophen und Notfällen immer wieder, dass ihre unabhängige Kommunikationsinfrastruktur eine unverzichtbare Ergänzung zu den offiziellen Rettungsdiensten darstellt. Der Notfunk wurde zu einer tragenden Säule des ÖVSV und förderte die Anerkennung des Amateurfunks durch staatliche Stellen. Regelmäßige Notfunkübungen sorgten dafür, dass die Funkamateure im Ernstfall rasch und effektiv eingesetzt werden konnten.
Bedeutende österreichische Funkamateure
Die Geschichte des österreichischen Amateurfunks wurde von zahlreichen herausragenden Persönlichkeiten geprägt. Besonders hervorzuheben ist Alois Krischke, OE8AK (1936–2023), der als Autor des legendären „Rothammels Antennenbuch“ weltweit bekannt wurde. Dieses Standardwerk der Antennentechnik ist seit Jahrzehnten das Referenzwerk für Funkamateure im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Krischke wurde 2009 in die CQ Amateur Radio Hall of Fame aufgenommen – eine Ehrung, die nur wenigen Funkamateuren weltweit zuteilwird.
Eine weitere bedeutende Persönlichkeit ist Josef Fuchs, OE1JF, der sich als Geophysiker, Astronom und Ionosphärenforscher einen Namen gemacht hat. Er bestimmte 1936 die Elektronentemperatur der Ionosphäre mittels Funkwellen und ist auch als Erfinder des nach ihm benannten Fuchskreises (1928 patentiert) bekannt – einer Antennenkopplungsmethode, die noch heute verwendet wird. Seine Arbeiten zur Ausbreitung von Funkwellen in der Ionosphäre haben nicht nur den Amateurfunk bereichert, sondern auch zur wissenschaftlichen Forschung beigetragen.
DokuFunk Wien: Europas größtes Amateurfunkarchiv
Eine besondere Perle der österreichischen Amateurfunkgeschichte ist das Dokumentationsarchiv Funk (DokuFunk) in Wien. Es handelt sich um Europas größtes Amateurfunkarchiv und dient gleichzeitig als IARU Region 1 Central Archive. Das DokuFunk bewahrt eine einzigartige Sammlung historischer Dokumente, Fotos, QSL-Karten, Geräte und Publikationen aus über einem Jahrhundert Funkgeschichte.
Das Archiv ist nicht nur ein Ort der Bewahrung, sondern auch ein aktives Forschungszentrum. Historiker, Journalisten und Funkamateure aus aller Welt nutzen die Bestände des DokuFunk für ihre Recherchen. Die Sammlung umfasst Millionen von QSL-Karten, tausende historische Fotos, seltene Fachzeitschriften und persönliche Nachlässe bedeutender Funkamateure. Das DokuFunk ist damit ein unverzichtbares Gedächtnis der internationalen Funkgeschichte – mit Sitz in Wien.
Moderne Ära: Digitalisierung und neue Betriebsarten
Mit dem Einzug der Digitaltechnik hat sich der Amateurfunk in Österreich grundlegend gewandelt. Neue digitale Betriebsarten wie FT8, entwickelt von Nobelpreisträger Joe Taylor (K1JT), haben die Kurzwellenkommunikation revolutioniert. FT8 ermöglicht Verbindungen bei extrem schwachen Signalen und hat besonders in Zeiten geringer Sonnenaktivität neue Möglichkeiten eröffnet.
Das HAMNET (Highspeed Amateurradio Multimedia Network) ist ein Breitband-IP-Netzwerk, das von Funkamateuren betrieben wird. In Österreich hat das HAMNET dank der alpinen Topografie und engagierter Funkamateure eine beeindruckende Infrastruktur erreicht. Über Richtfunkstrecken auf Berggipfeln wird ein flächendeckendes Datennetz betrieben, das unabhängig von kommerzieller Infrastruktur funktioniert.
Weitere moderne Anwendungen umfassen Winlink, ein globales E-Mail-System über Funk, das besonders im Katastrophenschutz von Bedeutung ist, sowie APRS (Automatic Packet Reporting System), das die automatische Übermittlung von Positionsdaten und Telemetrie ermöglicht. Österreichische Funkamateure sind in all diesen Bereichen aktiv und tragen zur Weiterentwicklung bei.
Auch der Satellitenfunk hat in Österreich Tradition. Österreichische Funkamateure nutzen Amateurfunksatelliten für Verbindungen über große Entfernungen und beteiligen sich an internationalen Satellitenprojekten. Die Kombination aus alpiner Lage und technischem Know-how macht Österreich zu einem idealen Standort für Experimente mit Satelliten- und Weltraumkommunikation. Darüber hinaus engagieren sich zahlreiche Funkamateure im Bereich Software Defined Radio (SDR), das den Empfang und die Verarbeitung von Funksignalen mit Hilfe von Software ermöglicht und die Einstiegshürde für Neulinge deutlich senkt.
Der ÖVSV heute: Rund 6.000 Mitglieder und neun Landesverbände
Der ÖVSV zählt heute über 4.000 Mitglieder (bei rund 7.400 aktiven Amateurfunklizenzen in Österreich) und ist in neun Landesverbände gegliedert – einen für jedes Bundesland. Der Verband vertritt die Interessen der österreichischen Funkamateure gegenüber der Fernmeldebehörde, organisiert Kurse und Prüfungen, betreibt Relaisfunkstellen und koordiniert den Notfunkbetrieb. Als Mitglied der IARU ist der ÖVSV auch international vernetzt und bringt die österreichische Perspektive in die globale Amateurfunkpolitik ein.
Die Ausbildung neuer Funkamateure ist ein zentrales Anliegen des ÖVSV. In ganz Österreich bieten Ortsverbände Kurse an, die auf die Amateurfunkprüfung vorbereiten. Die Prüfung umfasst Technik, Betriebstechnik und Vorschriften und wird von der Fernmeldebehörde abgenommen. In den letzten Jahren hat der ÖVSV auch verstärkt auf digitale Ausbildungsformate gesetzt, um neue Interessenten zu gewinnen.
Neben der Ausbildung spielt auch die Jugendarbeit eine wichtige Rolle. Der ÖVSV fördert gezielt junge Menschen, die sich für Funktechnik und Elektronik begeistern. Schulprojekte, Ferienlager und Wettbewerbe wie der „Youngsters on the Air“-Wettbewerb bieten Jugendlichen die Möglichkeit, den Amateurfunk kennenzulernen und erste praktische Erfahrungen zu sammeln. Diese Nachwuchsarbeit ist entscheidend für die Zukunft des Hobbys, denn sie sichert den Fortbestand einer Gemeinschaft, die auf technischem Wissen und praktischer Erfahrung aufbaut.
2026: 100 Jahre ÖVSV – ein Jahrhundertjubiläum
Im Jahr 2026 feiert der ÖVSV sein 100-jähriges Bestehen. Ein ganzes Jahrhundert lang hat der Verband die Geschicke des Amateurfunks in Österreich begleitet – durch politische Umbrüche, technologische Revolutionen und gesellschaftliche Veränderungen hindurch. Das Jubiläum ist Anlass zum Feiern, aber auch zum Nachdenken über die Zukunft des Hobbys.
Die Herausforderungen sind vielfältig: Die zunehmende Störbelastung der Frequenzbänder durch elektronische Geräte, die Konkurrenz durch das Internet als Kommunikationsmedium und der demografische Wandel stellen den Amateurfunk vor neue Aufgaben. Doch die Geschichte zeigt, dass sich die österreichische Amateurfunkgemeinschaft stets an veränderte Bedingungen angepasst hat. Der Amateurfunk bleibt ein einzigartiges Hobby, das Technik, Wissenschaft, internationale Verständigung und Notfunk in sich vereint.
Von den Funkpionieren der 1920er-Jahre über die dunklen Jahre des Verbots bis hin zur digitalen Gegenwart – der Amateurfunk in Österreich hat eine bemerkenswerte Reise hinter sich. Und mit dem 100. Geburtstag des ÖVSV beginnt ein neues Kapitel dieser faszinierenden Geschichte.
73 – eure oeradio.at-Redaktion
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