Wenn der Auerhahn balzt, funkt es sich schlecht

Heute hätte alles so easy sein können. Am Weg von Wien nach Kärnten schnell das Kreuzeck OE/ST-243 in der Nähe von Scheifling aktivieren – das war der Plan. Wetter check, perfekter Standort für das Parken des Autos check, breiter Waldweg check, 30 minütiger Aufstieg check, ein paar Fotos check, und die Vögelchen zwitschern auch noch um die Wette.

Wegweiser Kreuzeck / Mariahof
Wegweiser am Waldweg zum Kreuzeck.

Am idyllischen Waldgipfel auf 1459m steht noch dazu gerade luxuriös ein großer Holztisch mit 2 Bänken. Wohin mit der Endfed? Check, alles klar! Sollte alles flott gehen. Doch dann kommt alles anders bzw. es stolziert plötzlich ein Auerhahn daher. Auf Sotlas hatte ich von anderen Funkern gelesen, dass am Gipfel ein solcher sein Revier verteidigt. Jep, er lebt offensichtlich noch. Passt für mich, wir werden uns den Platz schon teilen können. So denke aber auch nur ich. Der Auerhahn hat da ganz andere Absichten. Das Handy gezückt, freue ich mich zuerst noch und mache ein paar Fotos. Ruhig bleiben ist die Devise, und ich rede leise mit dem wunderschönen Tier. Er redet auch mit mir, aber sein Balzen klingt weniger freundlich. Angst habe ich noch keine, doch das ändert sich schnell.

Gipfelschild Kreuzeck 1459 m
Gipfelschild Kreuzeck, 1459 m — der Schauplatz des Geschehens.

Ich summe zwar weiterhin vor mich hin, tue gelassen und versuche alles aufzubauen, komme aber nicht weit. Spätestens jetzt ist mir klar, mit dem ist nicht gut Kirschen essen.

Balzender Auerhahn
Der Auerhahn in voller Balzstellung.

Was folgt, hat Gott sei Dank niemand gesehen: wir drehen gemeinsam ein paar Runden um den Tisch, bis ich auf dem Tisch lande. Zuerst stehe ich oben – dann steht plötzlich er oben. Da er keinerlei Anstalten macht, den Tisch wieder zu verlassen, überlasse ich ihm den 705er und verziehe mich mit dem Handfunkgerät 30m weiter, um mein Glück auf 2m zu versuchen.

Auerhahn auf dem Tisch
Zuerst stehe ich oben – dann steht plötzlich er oben.

Ich schreibe in die Sota-Gruppe, ob vielleicht jemand QRV wäre und ernte zwar ein paar lustige Kommentare zu meinem Anblick, aber das Funkgerät bleibt still. Zurück zum Tisch traue ich mich nicht mehr, zumindest nicht bewaffnet.

Meine improvisierte Verteidigung, bestehend aus zwei langen Stecken, ist schnell gefunden. Sie haben sogar Verästelungen vorne dran, was ein paar Minuten später durchaus zu einem Trumpf wird. Ich will das schöne Tier eigentlich nicht stören und es reicht mir auch, wenn er mir meine Ausrüstung wieder zurück gibt. Und, hurra, der Auerhahn springt zuerst sogar freiwillig vom Tisch, aber nur, um mir hinterher zu jagen und mich in den Wald zu verfolgen. Er beißt in die Verästelungen der Stecken und ich bin sowohl erschrocken als auch ehrfürchtig vor diesem Tier. Immerhin verfolgt er mich soweit, dass ich in einem großen Bogen wieder zurück zum Tisch komme.

EndFed Antenne am Teleskopmast
Die EndFed am Teleskopmast — endlich aufgebaut.

Dort versuchte ich so schnell wie möglich, die Kurzwelle fertig aufzubauen. Mit zittrigen Händen – ein Auge ständig auf den Auerhahn gerichtet, das andere auf die Polo App (ein drittes für das Display des 705ers hätte ich gut gebrauchen können) – schaffe ich es mit mäßiger bis schlechter Betriebstechnik ein paar QSOs zu loggen bzw. zu erstottern. Erstaunlicherweise bleibt „mein“ Auerhahn für die Dauer der QSOs ruhig und scheint mich nicht mehr als Feindin anzusehen. Die Distanz von circa 10 Meter hält er ein – damit kann ich gut leben.

Funkbetrieb mit Auerhahn im Hintergrund
QSOs auf 40m — der Auerhahn beobachtet aus sicherer Distanz.

Zwei Stunden später, um null QSOs auf 2m „reicher“, aber immerhin 11 Verbindungen auf 40m und genau zwei auf 20m im Log, baue ich die Endfed-Antenne rasch wieder ab.

Mit einer unerwarteten Erfahrung der besonderen Art und durchaus dankbar, den Schnabel dieses Tieres weder am Schienbein noch anderswo zu spüren bekommen zu haben, mache ich mich erleichtert und kopfschüttelnd auf den Rückweg zum Auto.

Steirische Berglandschaft
Rückweg mit Blick auf die noch schneebedeckten Berge.

Mein Fazit des Tages: Funkbetrieb lässt sich planen – ein balzender Auerhahn eher nicht.


73 de Sigrid Magdalena OE1YLS

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