arcOS – Die Linux-Distribution für den Amateurfunk

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USB-Stick rein, Laptop booten, Funkgerät anstecken – fertig. Was klingt wie ein Wunschtraum, ist mit arcOS Realität. Das Amateur Radio Community Operating System ist eine Linux-Distribution, die speziell für den Amateurfunk entwickelt wurde. Keine Treibersuche, kein stundenlanges Konfigurieren, kein „geht bei mir nicht“. Einfach einschalten und funken.

arcOS basiert auf Linux Mint 22.1 „Xia“ mit dem Cinnamon-Desktop und bootet als Live-System direkt vom USB-Stick. Man muss nichts installieren – das System läuft komplett vom Stick. Der freie Speicherplatz auf dem USB-Stick wird automatisch als persistente Partition „arcHIVE“ (exFAT) genutzt – dort landen Konfigurationen, Logdateien und persönliche Daten, die einen Neustart überleben. Wer will, kann arcOS auch in einer virtuellen Maschine testen, von einem Ventoy-USB starten oder komplett im RAM laufen lassen.


Was steckt drin? Die Software im Detail

arcOS kommt mit einer handverlesenen Auswahl an Amateurfunk-Software, die sofort funktioniert. Kein Ballast, keine 200 Programme, von denen man 195 nie braucht. Stattdessen genau die Tools, die im Alltag und im Notfunk zählen – vorkonfiguriert und aufeinander abgestimmt.

Digitale Betriebsarten

  • Fldigi – Der Klassiker für digitale Betriebsarten. PSK31, RTTY, Olivia, MFSK, Thor, Contestia und viele weitere Modi. Wer digital über die Kurzwelle kommunizieren will, kommt an Fldigi nicht vorbei. Dazu gehören auch FLAMP (Amateur Multicast Protocol) für die Dateiübertragung über Funk und FLARQ für fehlerkorrigierte Punkt-zu-Punkt-Übertragungen – zusammen das NBEMS-Paket (Narrow Band Emergency Messaging System) für den Notfunk.
  • JS8Call – Tastatur-zu-Tastatur-Kommunikation auf schwachen Signalen. Basiert auf dem FT8-Protokoll, erlaubt aber echte Konversationen – auch dann, wenn das Signal kaum aus dem Rauschen kommt. In arcOS ist JS8Call standardmäßig für automatische Heartbeat- und Query-Antworten konfiguriert – das System antwortet also auch, wenn man gerade nicht am Bildschirm sitzt.
  • WSJT-X – FT8, FT4, JT65, JT9, WSPR und mehr. Der Standard für Weak-Signal-Kommunikation. Mit wenigen Watt um die Welt – das geht mit WSJT-X seit Jahren zuverlässig. Wer FT8 noch nie probiert hat: arcOS ist der einfachste Einstieg.

Winlink & E-Mail per Funk

Winlink ist das E-Mail-System des Amateurfunks – Nachrichten senden und empfangen, komplett ohne Internet. Im Katastrophenfall oft die einzige Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. arcOS bringt alles mit, was man dafür braucht:

  • Pat – Ein moderner, plattformübergreifender Winlink-Client mit Webinterface. E-Mails verfassen, senden und empfangen – über HF, VHF oder UHF. Pat unterstützt Telnet, ARDOP, VARA und AX.25 als Transportwege. Im Notfunk unverzichtbar.
  • VARA – Das schnelle HF-Modem für Winlink. Deutlich höhere Übertragungsraten als ARDOP. In arcOS ab der Version Xanadu direkt im Station-Setup aktivierbar. Die Vollversion kostet einmalig $49,99 pro Rufzeichen – beim Booten ohne persistenten Speicher ist VARA aber automatisch freigeschaltet, ideal zum Testen.
  • ARDOP – Das bewährte, kostenlose HF-Modem für Winlink. Falls kein Digirig verfügbar ist, nutzt ARDOP automatisch Lautsprecher und Mikrofon des Computers als Fallback – praktisch für schnelle Tests.

Packet Radio & APRS

  • Direwolf – Software-TNC für Packet Radio und APRS. Ersetzt die klassische Hardware-TNC komplett und läuft stabil mit dem Digirig-Interface. Direwolf macht den Rechner zum vollwertigen AX.25-Knoten.
  • APRS – Positionsmeldungen, Kurznachrichten und Telemetrie über Funk. Mit optionalem GPS-Empfänger (z.B. u-blox7 VK-162 oder VK-172) wird die eigene Position automatisch übermittelt. In arcOS direkt einsatzbereit – gpsd übernimmt die Anbindung.

SDR & Flugzeug-Tracking

Seit der Version „Foxtrot“ (21.3) bringt arcOS auch SDR-Software (Software Defined Radio) direkt im ISO mit. Und über die Community-Module lässt sich noch mehr nachrüsten:

  • ADS-B Tracker – Mit dem Community-Modul dump1090-fa/piaware wird der Rechner zur Flugzeug-Tracking-Station. Einfach einen RTL-SDR-Stick anschließen und Flugbewegungen in der Umgebung live verfolgen. Nicht direkt Amateurfunk, aber für jeden Funktechniker faszinierend.
  • Kiwix – Offline-Wikipedia und andere Nachschlagewerke, komplett ohne Internet. Ideal für Feldtage, portable Einsätze oder Notfunksituationen, in denen kein Netz verfügbar ist. Wissen dabeihaben, wenn man es braucht.

Kartenmaterial & Navigation

arcOS enthält Viking als GPS-Kartentool mit OpenStreetMap-Karten und unterstützt Offline-Karten – wichtig für den portablen Einsatz ohne Internetverbindung. In der Version Xanadu wurde die Offline-Kartenhierarchie komplett überarbeitet.


Das modulare System: QRV-Module

Ein Konzept, das arcOS von anderen Distributionen abhebt: QRV-Module. Das sind Erweiterungspakete, die sich nach Bedarf installieren lassen – entweder aus dem CORE-Repository (offiziell gepflegt) oder aus dem COMMUNITY-Bereich (von Nutzern entwickelt).

Jeder Nutzer hat ein eigenes QRV-Verzeichnis, geordnet nach Rufzeichen. Dort werden Konfigurationen gespeichert – per Rechtsklick auf den App-Launcher und „SAVE CONFIG“. Beim nächsten Boot werden die gespeicherten Einstellungen automatisch geladen. Wer das System aktualisiert, verliert seine persönlichen Einstellungen nicht.

Und das Beste: Module lassen sich sogar über Funk teilen. Wer eine bestimmte Konfiguration oder ein Community-Modul hat, kann es direkt an andere Stationen übertragen – z.B. über FLAMP oder Winlink. In einer Notfunksituation kann das entscheidend sein.


Das Konzept: Einfachheit schlägt Komplexität

Hinter arcOS steht Mike Fisher, KG4VDK – ein Funkamateur, der sich auch mit Linux und Motorrädern beschäftigt (ein Mann mit Geschmack, also). Seine Philosophie: Digitale Kommunikation im Amateurfunk soll für alle zugänglich sein – unabhängig von Lizenzklasse oder Erfahrung. Deshalb ist arcOS bewusst schlank gehalten. Keine 50 Programme, die sich gegenseitig in die Quere kommen, sondern eine saubere Auswahl, die aufeinander abgestimmt ist.

arcOS ist dabei nicht als Ersatz für ein vollwertiges Desktop-System gedacht. Es ist ein Werkzeug. Man steckt den USB-Stick ein, wenn man funken will – und nimmt ihn danach wieder raus. Das hat einen großen Vorteil: Wenn etwas schiefgeht, einfach neu booten. Das System setzt sich auf den Ausgangszustand zurück. Keine kaputten Konfigurationen, keine verwaisten Pakete, kein Linux-Frust. Man kann nichts kaputt machen – und genau das ist der Punkt.


Plug & Play mit dem Digirig Mobile

arcOS wurde speziell für das Digirig Mobile Interface optimiert – ein kleines, günstiges USB-Soundkarten-Interface, das die Verbindung zwischen Funkgerät und Computer herstellt. PTT, Audio rein, Audio raus – alles über ein Kabel. Kein SignaLink, kein CAT-Kabel-Chaos, kein Treiber-Theater.

Das Digirig kostet rund 50 USD und funktioniert mit einer langen Liste von Transceivern – von Baofeng über Yaesu FT-817/818 bis zu Icom und Kenwood. Digirig anschließen, arcOS booten – und die Konfiguration stimmt. Wer schon mal unter Windows einen virtuellen COM-Port einrichten musste, weiß diesen Unterschied zu schätzen.

Auch Funkgeräte mit eingebauter Soundkarte werden unterstützt – man ist also nicht zwingend auf das Digirig angewiesen. Aber die Out-of-the-Box-Erfahrung ist damit am besten.

Optional unterstützt arcOS auch einen GPS-Empfänger für APRS und Positionsdaten. Einfach einen gpsd-kompatiblen USB-GPS-Stick anstecken – der Rest passiert automatisch.


Notfunk: In drei Minuten einsatzbereit

Eine der großen Stärken von arcOS liegt im Notfunk (EmComm). In unter drei Minuten kann eine komplette digitale Funkstation betriebsbereit sein – Winlink, APRS und Packet Radio inklusive. Kein anderes System macht das so einfach.

Das macht arcOS besonders interessant für:

  • Notfunk-Gruppen, die standardisierte Stationen brauchen
  • Funkvereine, die EmComm-Übungen durchführen
  • Katastrophenschutz-Organisationen, die schnell reagieren müssen

Mike Fisher hat dafür sogar ein eigenes Amateur Radio Challenge Course Modul entwickelt – eine Trainingsumgebung, in der Gruppen den Umgang mit digitalen Modi üben können. Installation in unter drei Minuten, sofort einsatzbereit. Perfekt für Fielddays und Vereinsabende.

Und dank Kiwix hat man auch dann noch Zugang zu technischen Referenzen und Nachschlagewerken, wenn das Internet längst ausgefallen ist.


Vergleich: arcOS vs. andere Ham-Radio-Distributionen

arcOS ist nicht die einzige Linux-Distribution für Funkamateure. Wie unterscheidet sie sich?

  • Andy’s Ham Radio Linux (AHRL) – Basiert auf Xubuntu, enthält eine riesige Menge an Software: Fldigi, WSJT-X, JS8Call, GNU Radio, Gpredict, xnec2c, SDRangel und vieles mehr. Läuft sogar auf 10 Jahre alten Rechnern mit 2 GB RAM. AHRL ist die „Alles-drin“-Lösung – für erfahrene Nutzer großartig, für Einsteiger möglicherweise überwältigend.
  • DigiPi – Speziell für den Raspberry Pi entwickelt. Verwandelt den Pi in einen APRS/Winlink-Hotspot, den man über das Handy per WLAN steuert. Perfekt für portable Einsätze mit minimaler Hardware – aber auf den Pi beschränkt.
  • HamPi – Auch für den Raspberry Pi, mit einer großen Softwareauswahl. Eher ein klassisches Desktop-System auf dem Pi.
  • arcOS – Der Mittelweg: fokussiert, portabel, sofort einsatzbereit. Bootet auf jedem x86_64-Rechner, optimiert für ein konkretes Interface (Digirig), bewusst schlank. Kein Pi nötig, kein installiertes System nötig. Einschalten und funken.

Wer maximale Softwareauswahl will, greift zu AHRL. Wer einen Pi-Hotspot will, nimmt DigiPi. Wer eine portable, sofort funktionierende Lösung für digitale Modi sucht – der nimmt arcOS.


Systemanforderungen

arcOS läuft auf den meisten x86_64-Rechnern mit Intel- oder AMD-Prozessor. Die Hardware-Anforderungen sind bescheiden:

  • 64-Bit-Prozessor (Intel oder AMD)
  • 8 GB RAM (16 GB empfohlen für RAM-Only-Boot)
  • USB-Stick mit mindestens 16 GB (USB 3.0 empfohlen – getestet mit Samsung BAR Plus und Samsung FIT Plus)
  • Bildschirm, Tastatur, Netzwerk und Audio müssen vom Linux-Kernel unterstützt werden
  • Optional: Digirig Mobile Interface, GPS-Empfänger, RTL-SDR-Stick

Nicht unterstützt: ARM-Prozessoren (Raspberry Pi) und Apple-Silicon-Macs (M1/M2/M3/M4). Wer einen Pi hat, muss auf DigiPi oder HamPi ausweichen.


Aktuelle Version: Xanadu (22.2)

Die neueste Version arcOS 22.2 „Xanadu“ (November 2025) bringt zahlreiche Verbesserungen:

  • VARA lässt sich direkt im Station-Setup aktivieren/deaktivieren
  • VARA ist jetzt auch bei RAM/ISO/Ventoy-Boot verfügbar
  • Pat-Konfiguration für VARA HF über Digirig funktioniert zuverlässig
  • Integriertes Handbuch als Markdown (Tastenkürzel F1)
  • Überarbeitete Offline-Kartenhierarchie
  • Viking-Standardkarte auf OSM Mapnik umgestellt
  • QRV Report als neues CORE-Modul
  • Verbesserter Offline-Support für Winlink-Standardformulare
  • Bugfixes in FLAMP und JS8Call Info-Feldern

Das ISO ist rund 4,5 GB groß und steht auf SourceForge zum Download bereit.


Für wen ist arcOS?

  • Einsteiger, die digitale Betriebsarten ausprobieren wollen, ohne sich durch Linux-Konfiguration zu kämpfen
  • Notfunk-Gruppen, die eine standardisierte, sofort einsatzbereite Lösung brauchen
  • Portable-Funker, die mit einem USB-Stick und einem Laptop unterwegs sein wollen
  • Vereine und Ortsverbände, die ihren Mitgliedern einen einfachen Einstieg in digitale Modi bieten wollen
  • Alle, die einfach mal FT8, Winlink oder JS8Call ausprobieren wollen – ohne drei Abende für die Installation zu opfern

Ausprobieren

arcOS ist kostenlos und Open Source (GPL-3.0). Einfach das ISO von SourceForge herunterladen, mit Balena Etcher oder Rufus auf einen USB-Stick schreiben – und booten. Man muss nichts installieren, nichts konfigurieren und nichts kaputt machen. Wer den Stick rauszieht, hat seinen Rechner genau so zurück, wie er vorher war.

Wer Linux Mint kennt, wird sich sofort zurechtfinden. Wer Linux nicht kennt – genau für den ist arcOS gemacht.

Support gibt es über den GitHub Discussions Bereich und per IRC auf Libera.chat im Kanal #arcOS-Linux.

Wer sich einen ausführlichen Erfahrungsbericht anhören will: Der Podcast Linux in the Ham Shack, Episode 597 widmet sich arcOS im Detail – von der Installation über die Philosophie bis zur Software. Absolut hörenswert.


Videos


Quellen & Links


73 de Michael, OE8YML

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